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Mit dem richtigen Schuss zur „Miss Jägerin 2015“

Die Physikstudentin Laura-Jane Habermann möchte das Bild der Jägerschaft beeinflussen

Laura-Jane Habermann wirkt sehr bodenständig. Wenn sie nicht gerade an der Berliner Humboldt-Universität Mathematik und Physik büffelt, ist die 20-Jährige am liebsten in freier Natur unterwegs, normalerweise rings um das Örtchen Vogelsang nahe Eisenhüttenstadt. Dort hat ihr Vater sein 600 Hektar großes Jagdrevier gepachtet und die Tochter besitzt einen sogenannten Begehungsschein. Denn auch sie hat die Leidenschaft für die Jagd gepackt. Kein Wunder, schon als Achtjährige war sie dabei, wenn Vater und Großvater mit erlegtem Wild von der Jagd kamen. „Das habe ich irgendwie verinnerlicht.“ Vor knapp drei Jahren hat sie dann selbst die Jagdprüfung bestanden, kann Jagdhorn spielen und mit Rauhaarteckel Kuno auf die Pirsch gehen.

Die Liebe zur Jagd ist bei der Eisenhüttenstädterin so groß, dass sie sich der Wahl zur „Miss Jägerin 2015“ stellt – als einzige Vertreterin Brandenburgs. Hübsch ist die Studentin mit dem brünetten Haarzopf allemal. Das sieht man trotz Jägerhut und olivgrüner Funktionskleidung auf den ersten Blick. Doch nur um die Schönheit geht es laut Laura-Jane Habermann bei der „Miss Jägerin“-Wahl auf der Internet-Plattform jagderleben.de nicht. „Ich möchte das Bild der Jägerschaft in der Öffentlichkeit gerade rücken“, sagt die Ostbrandenburgerin selbstbewusst. Die junge Frau ärgert sich darüber, dass die meisten Zeitgenossen bei Jägern immer an ältere Herren mit dickem Bauch denken, die wild in der Gegend herumballern. Natürlich gebe es immer noch große Nachwuchsprobleme und auch der Frauenanteil sei verschwindend gering. „Im etwa 180 Mitglieder zählenden Kreisjagdverband Eisenhüttenstadt sind wir nur drei Frauen.“

Sie würde ihre Repräsentationsmöglichkeiten als „Miss Jägerin“ gern dazu nutzen, anderen zu zeigen, dass es „auch junge Leute und sogar junge Frauen gibt“, die sich der Jagd verschrieben haben „und was können“. Sei es das Bauen von Jagdkanzeln, das Aufbrechen des geschossenen Wilds oder das Abbalgen – so nennt man es, wenn dem Reh oder Wildschwein das Fell über die Ohren gezogen wird.

Treffsicherheit ist ein weiteres Kriterium, an dem viele bei der Jagdprüfung scheitern, sagt die junge Jägerin. „Der richtige Schuss ist aber extrem wichtig, denn damit fügt man dem Tier keine Schmerzen zu.“ Wer die Jagdprüfung schaffe, die aufgrund ihres Schwierigkeitsgrades auch „grünes Abitur“ genannt wird, der wisse, „dass er wirklich was kann“. Im ersten Anlauf gelingt das durchschnittlich nur einem Drittel der Anwärter, Laura-Jane Habermann gehörte dazu.

Der „sogenannten Schuss mitten ins Leben“, wie das treffsichere Bejagen im Fachjargon bezeichnet wird, gelang der jungen Waidfrau schon mehrfach. In Erinnerung geblieben ist ihr die Maisernte im vergangenen Jahr. In den dicht stehenden Pflanzen machen es sich Wildschweine gern gemütlich. Aufgescheucht von den Erntemaschinen sprangen der 20-Jährigen gleich zwei große Sauen vor die Flinte, und jeder Schuss saß. „Du musst einfach die Nerven behalten und innerhalb von Sekunden entscheiden“, sagt Laura-Jane Habermann.

Jagd heißt ihrer Auffassung nach, die Natur zu schützen und zu lieben, aber auch Wildschäden zu verhindern. „Gerade das Schwarzwild vermehrt sich innerhalb eines Jahres um 300 Prozent“, macht sie die Notwendigkeit einer Regulierung durch den Jäger deutlich. „Sonst gibt es irgendwann gar keine Ernte für die Bauern mehr.“ Zu den Aufgaben gehöre auch Pflege gesunder Wildbestände, sagt Habermann. „Gibt es genügend Jungtiere, ist die Geschlechterverteilung ausgewogen, entdecke ich kranke oder alte Tiere, die ich von ihrer Qual erlösen muss“, zählt sie auf. Das Revier um Vogelsang mit den weiträumigen Oderwiesen ist geprägt durch eine starke Niederwild-Population – Fasane, Rebhühner, Hasen. „Es gibt allerdings zu viele natürliche Feinde wie Füchse und Greifvögel.“ Notfalls müsse der Jäger da regulierend eingreifen, damit das Gleichgewicht bestehen bleibe. Eigentlich, so sagt die junge Frau, sei das ein „Vollzeitjob“, denn um ihren Wildbestand zu kennen, müsse sie viel im Revier unterwegs sein. Sie aber studiert wochentags in Berlin. „Es ist schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Zumindest in den Semesterferien bin ich fast nur draußen“, erzählt sie lächelnd.

Schon jetzt freut sich Laura-Jane Habermann auf ein Praktikum nächstes Jahr an ihrer alten Schule, den Rahn-Schulen Neuzelle. Hierher möchte sie auch nach erfolgreichem Studium als Lehrerin zurückkehren. Zunächst aber gestaltet sie eine Praxiswoche für 20 Schüler zum Thema Jagd. Möglicherweise vermag sie die Jugendlichen ebenso zu begeistern, wie ihren jetzt 13-jährigen Bruder. Denn die Nachwuchsgewinnung bleibt unter Waidmännern ein Thema. „Wenn eine Jagd veranstaltet wird, kriegst Du kaum genug Leute dafür zusammen. Und die Jüngeren kannst Du an zehn Fingern abzählen“, erzählt ihr Freund Toni Garkisch, der auch Jäger ist.

Der 24-Jährige hat auch die Bewerbungsfotos seiner Freundin für die „Miss Jägerin“-Wahl gemacht. Viele Aufnahmen sind tatsächlich während ihrer Tätigkeit als Jägerin entstanden: Laura-Jane Habermann ganz natürlich und nicht – wie manche ihrer Konkurrentinnen – betont sexy mit kurzem Rock und prallem Dekolleté. Am 8. Januar wird eine Jury aus 48 Bewerberinnen die Siegerin bekannt geben, erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wird sie dann Anfang Februar auf der Messe „Jagd & Hund“ in Dortmund.

Sollte sie nicht gewinnen, wirft Habermann nicht gleich die Flinte ins Korn, sondern greift bei der „Miss-Jägerin“-Wahl 2016 noch mal an. Der Brandenburger Landesjagdverband hat ihr bereits Unterstützung zugesagt, will die Werbetrommel rühren, damit möglichst viele im Internet für die Eisenhüttenstädterin abstimmen.