Unternehmen

Der Letzte seiner Art

Lutz Werner arbeitet als Zinngießer in Brandenburg. Er ist eigen und fertigt nur, was ihm auch selbst gefällt

Zinnsoldaten? Lutz Werner schiebt die Brille auf der Nase zurecht. „Damit habe ich nichts zu schaffen“, sagt der Zinngießer unwirsch. Auch nicht mit den Sammlern solcher Figuren. „Die prüfen doch fanatisch jeden Knopf an der Uniform.“ Abwehrend hebt der Stahnsdorfer seine Hände. Schwarz und tief haben sich die Zinnrückstände über die Jahrzehnte in seine Fingerkuppen gefressen. Von Krügen, Tellern und Schalen, überzogen mit Reliefs, hält er genauso wenig. Für ihn ist das Trödlerware, wichtig nur für diejenigen, die Familiengeschichte damit verbinden. „Wenn vielleicht ein Stück den Großeltern gehörte, Emotionen dran hängen.“ Dafür hat Lutz Werner, 1942 in Leipzig geboren, Verständnis. Fertigen oder verkaufen würde er solche Deko-Ware aber keinesfalls. Das sei der Grund, warum es mit dem Handwerk bergab gehe. Die Zinngießer hätten den Zeitgeist verschlafen. „Die Kunden wünschen sich heute etwas anderes.“ Auf den Preußen-Hype in Brandenburg und Berlin Anfang der 90er-Jahre ist der Meister noch aufgesprungen, hat Kerzenlöscher mit den Mützen von Gardisten geformt. „Die West-Berliner waren ganz verrückt nach den sogenannten Preußenlöschern.“ Doch der Trend ist vorbei, Zinn aus der Mode. Lutz Werner ist der Letzte seiner Zunft in Brandenburg. Und einer der wenigen, die in Ostdeutschland noch mit Zinn arbeiten.

1990 hatte er optimistisch mit Mitstreitern aus Thüringen und Sachsen eine eigene Innung gegründet. „Das Ausbildungsprogramm haben wir uns von Bayern und Baden-Württemberg abgeschaut.“ Rosige Zeiten damals, doch Vergangenheit. Sechs Lehrlinge hat Werner zu Zinngießern ausgebildet. „Alle mussten beruflich umsatteln.“ Auch wegen der teuren Materialpreise, die über die Jahre konstant gestiegen seien.

Um Gewinn ging es Werner immer nur in zweiter Linie. „Die Kreativität hat mich gereizt.“ Deshalb wagte er auch, was viele sich nicht trauten: Der Rundfunkmechaniker und Ingenieur kündigte bei den Teltower Elektrobetrieben, machte sich Anfang der 80er-Jahre selbstständig. „Zu tiefsten DDR-Zeiten“, sagt Werner selbstbewusst. Nicht allein: Auch Ehefrau Erika, ausgebildet als Blumenbinde-Meisterin, lernte das Zinngießer-Handwerk. „Wir hatten kein Geld und kein Wissen, haben einfach angefangen.“ Obwohl der Job für eine Frau eigentlich nichts sei, bemerkt Lutz Werner. Der fehlenden Kraft wegen. Etliche Gussformen, die er als Vorlage für seine Produkte fertigt, sind viele Kilogramm schwer. Minutenlang muss sie Werner nach der Feuertaufe im 400 Grad Celsius heißen Ofen mit einer klobigen Eisenzange ins Wasserbad tauchen. Muskeln sind da ein Muss. „Mich selbst verlässt langsam die Stärke“, gibt er zu. Lassen kann das Paar vom Zinn trotz allem nicht: Eine Finnhütte hat sich Lutz Werner in seinen Stahnsdorfer Garten gestellt – seine Werkstatt. An den Wänden hängen Werkzeuge aus Eisen. „Die habe ich alle selbst entworfen und hergestellt.“ Denn in der Zinngießerzunft fehle es an Standardisiertem. Werner tauscht sich deshalb mit Kollegen über Arbeitsprozesse aus, bemüht die eigene Fantasie. Die musste er erst schulen. Der Schritt in die neue Existenz war verbunden mit einem Grundlagenstudium der Gestaltung an der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein. „Ich bin Perfektionist.“ Werner kann Teller, Tassen und Leuchter aus Zinn gestalten. Macht er aber auch nicht. Er fertigt nur das, was ihm gefällt: Kleine Teufel zieren Verschlüsse von Weinflaschen, halten Tropfen auf oder schmücken Etuis für Feuerzeuge. Um jede Figur rankt sich eine Erzählung, die sich Werner ausgedacht hat. „Verkauft wird, was eine Geschichte erzählt“, sagt Werner – und glaubt an die Zukunft seines Handwerks.