Bühne

Es begab sich in Kleinmachnow …

Das musikalische Krippenspiel ist Tradition und lockt Jahr für Jahr mehr Besucher an

Einmal über Weihnachten nach Thailand reisen. Das wünscht sich ihr Mann seit Jahren. Für Christiane Heinke undenkbar: „Das Krippenspiel geht vor!“ Zum sechsten Mal lockt die 48-Jährige die Kleinmachnower mit traditionellen Liedern und Versen zur Weihnachtszeit auf die Bühne. Oder auf die Holzstühle davor. So musste der Gatte mit seinen Reiseplänen zurückstehen. Im vorigen Jahr allerdings hatte er Glück, da ließ sich Christiane Heinke auf einen Kompromiss ein: Noch an Heiligabend bestieg sie mit der Familie den Flieger Richtung Asien. „Nach der Aufführung“, wie Heinke betont.

Die Rollen sind begehrt

Beim musikalischen Krippenspiel „Es begab sich aber zu der Zeit …“ gibt die Sängerin die Regieanweisungen, wenn es gilt, Strohballen und Paletten als Bühnendekoration im Alten Heizhaus auf dem Seeberg zu drapieren und natürlich mit den zahlreichen Laien und einigen Profis die Lieder und Verse für die Aufführungen zu proben, mit ihnen die Rollen als Maria und Josef, als Hirten und Engel, Heilige Drei Könige und Bauernpaar einzustudieren. Anfangs musste Heinke noch auf ihre Gesangsschüler zurückgreifen, auf Bruder, Schwester, Cousins und Freunde setzen. Mittlerweile ist eine Rolle im Krippenspiel in der Gemeinde mit gut 20.000 Einwohnern begehrt. Fast alle im 40-köpfigen Ensemble sind Kleinmachnower, viele schon seit Jahren dabei. Wer sich einmal vom „Virus Krippenspiel“ habe anstecken lassen, bleibe, findet Christiane Heinke. Für sie sei es „ein wunderbarer Ausgleich“ zum Alltagsstress, sagt die 19 Jahre alte Maschinenbaustudentin Leonie Schmitt, dieses Jahr als Engel auf der Bühne. Als „schöne Einstimmung auf Weihnachten“ schätzt Antje Wolters das Krippenspiel. War in den vergangenen Jahren nur ihr Mann auf der Bühne, während sie beim Glühweinverkauf wirbelte, singt sie jetzt bei zwei Liedern mit.

„Auch wenn es inhaltlich in jedem Jahr das Gleiche ist, kommt nie Langeweile auf“, sagt Christiane Heinke. Allein schon deswegen nicht, weil es von Jahr zu Jahr Änderungen in der Besetzung der Rollen gibt. Der Baby-Engel aus den ersten Jahren spielt dann mal einen Hirten, der einstige Hirt avanciert zum Sternträger. Zwangsläufige Änderungen, weil die Kinder im Ensemble größer werden. „Oder in den Stimmbruch kommen“, erklärt Jenny Schwartz. Die gebürtige Berlinerin, die vor Jahren nach Kleinmachnow gezogen ist, wirkt hinter den Kulissen und kümmert sich um die Kostüme der Auftretenden. „Erfahrungen als Garderobiere während meines Studiums in Heidelberg kommen mir da zugute.“

Ihre Tochter Ronja – stimmlich stark und talentiert beim Flötenspiel – ist eine der kleinen Darstellerinnen im Engelsgewand. Auch Sohn Ole ist mit von der Partie. Schon zum vierten Mal. Doch nun wackelt plötzlich seine Stimme. Für Christiane Heinke kein Problem. Die Sängerin und Musiklehrerin improvisiert – wie schon in ähnlichen Fällen zuvor. Spontan hat sie dem 15-Jährigen in diesem Jahr eine neue Rolle ins Buch geschrieben. Aus dem Hirten wird ein Prinz, der die Heiligen Drei Könige begleitet und die Geschenke für das Jesuskind trägt. „Ole hat etwas zu tun und ein kleinen Vers kann er ebenfalls vortragen“, sagt Heinke.

„Das Stück lebt und verändert sich mit seinen Schauspielern.“ Je nach deren Verfügbarkeit stünden mal drei, mal sieben Hirten vorm Publikum. „Hat jemand eine besonders tragende Stimme oder ist in Gesten und Mimik ausdrucksstark, bekommt er eine zusätzliche Szene oder ein extra Gesangsstück.“ An der Tradition hält Christiane Heinke trotz allem fest. Für ein postmodernes Stück sei sie nicht zu haben. Die 48-Jährige ist nicht die Erste aus ihrer Familie, die das Krippenspiel auf die Bühne bringt. Ihre Urgroßmutter begründete die Tradition 1920 in ihrem Wohnzimmer, ließ ihre Geigenschüler anfangs noch vor Verwandtschaft und Nachbarn in der guten Stube antreten. Die Großmutter führte die Tradition fort, auch die Mutter.

Die Großfamilie reist an

Mit Erfolg. Statt auf Sesseln und dem Sofa drängten sich schon bald bis zu 500 Besucher auf den Bänken in einem Stall, um dem Schauspiel beizuwohnen. Der Westdeutsche Rundfunk drehte 1987 auf Basis des Krippenspiels der Familie Heinke sogar einen Spielfilm. „Damals war ich 19 und spielte die Hauptrolle“, erinnert sich Christiane Heinke. Der Film ist längst ein Klassiker, der in jedem Jahr zu Weihnachten in einem der Dritten Programme gezeigt wird.

Auf der Bühne war die Großfamilie Heinke stets Teil der Show. Onkel, Tanten, Neffen und Nichten sind immer dabei. Als Christiane Heinkes Mutter Heidrun im Dezember 2008 ankündigte, das Krippenspiel daheim im Vorharz aus Altersgründen künftig nicht mehr aufführen zu wollen, holte Christiane Heinke das Stück nach Kleinmachnow, was Verwandte und Freunde aus Niedersachsen bis heute nicht davon abhält, in Bus oder Zug zu steigen, um das Spektakel samt Basar, Waffelverkauf, Schmalzstullen und Glühwein in Kleinmachnow nicht zu versäumen. Tochter Tonja leitet bereits die Chorproben der kleinen Englein. Die 22-Jährige studiert in Spanien, aber wenn in Kleinmachnow die Proben beginnen, bucht sie den Rückflug.