Orchesterprojekt

Eine Sinfonie für die Havel

Marian Lux widmet dem Fluss eine Komposition. Auftragsarbeit für die Bundesgartenschau

Smetana und „Die Moldau“ aus seinem sinfonischen Zyklus „Mein Vaterland“. „Jeder kennt das Stück und hegt bestimmte Erwartungen.“ Marian Lux setzt sein jungenhaftes Lächeln auf, greift in die Tasten seines schwarzen Flügels, holt für ein paar Sekunden die Moldau in seine Berliner Fabriketage. „Ich nehme die Prominenz von Smetanas Stück als Herausforderung.“ Ebenso wie Bedřich Smetana (1824–1884) vor ihm will Lux einem Fluss eine musikalische Stimme geben. Nur ist die Komposition von Lux nicht der Moldau gewidmet – sondern der Havel. Eine Auftragsarbeit für die Bundesgartenschau 2015.

„Ich bin mit Feuer und Flamme dabei“, sagt Lux. So wie es sich Thomas Omilian, Geschäftsführer von MiK Consulting, erhofft hat. Seit drei Jahren brütet Omilian an der Idee, zur Bundesgartenschau (Buga) 2015 eine eigens für dieses Großereignis komponierte Havelsinfonie uraufzuführen. Immerhin wird die Gartenschau gleich an fünf Orten in der Havelregion ausgerichtet – in der Stadt Brandenburg, in Premnitz und Rathenow, im Rhinower Ortsteil Stölln und in Havelberg.

Stimmungsvolles Klangerlebnis

Mittlerweile nimmt Omilians Traum konkrete Formen an. Die Finanzierung steht. Den Rotary Club Havelland und das Land Brandenburg konnte der ehemalige Produzent gewinnen, ins Orchesterprojekt zu investieren. Und Lux hat er als Komponisten angeworben. Bis zum 1. April 2015 will ihm dieser ein 15 bis 20 Minuten langes stimmungsvolles Klangerlebnis liefern – rechtzeitig zur Eröffnung der Buga am 18. April. Interpretiert werden soll die Havelsinfonie vom Filmorchester Babelsberg und von den Brandenburger Sinfonikern, erst auf dem Landgut Borsig in Groß Behnitz, dann im Optikpark Rathenow.

„Dass ich, weil ich in Bad Freienwalde geboren und aufgewachsen bin, dem Land Brandenburg verbunden bin, könnte bei der Wahl eine Rolle gespielt haben“, mutmaßt Lux. „Ich habe einen Draht zu meiner Heimat.“ Entscheidender dürften allerdings die Referenzen gewesen sein, auf die der Musiker verweisen kann. Lux, obwohl erst 32 Jahre alt, komponiert schon seit Jahren erfolgreich für Film und Fernsehen. Kaum ein Tag, an dem der Wahlberliner nicht schon morgens in seinem Studio in einem Gewerbehof in Tiergarten sitzt, dem Synthesizer Töne entlockt und Noten zu Papier bringt. Die umgebaute Fabrik am Landwehrkanal ist auch die Adresse des Musikverlags Blackbird Music. Man kennt sich, hilft sich aus. Lux kann auf die Aufnahmetechnik der Kollegen ebenso wie auf den Kaffeeautomaten in der Wohnküche eine Etage über seinem Büro zugreifen. Seit einem Jahr fährt er nun Tag für Tag „zur Arbeit“. In den eigenen vier Wänden wollte er nicht mehr tüfteln. „Zu einsam“, bemängelt Lux. Das kreative Klima hat ihm gefehlt, die Struktur im Alltag. Talent sei das eine, ein gewisses Maß an Disziplin das andere. Abgabetermine bestimmen sein Schaffen.

1987 ging er nach Berlin, paukte am Musikgymnasium Carl Philipp Emanuel Bach, lebte im Internat. Die Jungen Philharmoniker Brandenburg gehören zu seiner Vita, auch das Studium an der Musikhochschule Hanns Eisler, das er nach zwei Jahren abbrach. Medienkomposition belegte Lux dort als Fach. Eine Laufbahn als Virtuose schloss er schnell für sich aus. „Die Stücke anderer wiedergeben, das genügt mir nicht.“ Lux will Fantasie anregen, Stimmungen erzeugen, Zuschauer übers Ohr erreichen. 2005 wurde im Konzerthaus Berlin sein sinfonisches Werk „Dreamwalk“ gespielt.

Seither macht er Karriere, die ARD zählt mittlerweile zu seinen Stammkunden. Märchenfilme wie „Brüderchen und Schwesterchen“ (2008), „Die kluge Bauerntochter“ oder „Die zertanzten Schuhe“ (2011) tragen seine musikalische Handschrift. Goethes „Leiden des jungen Werther“ hat er bearbeitet, im Sommer nächsten Jahres will er das Ergebnis, das Musical „Lotte“, bei den Wetzlarer Festspielen präsentieren. Als musikalischer Leiter arrangiert er die aktuelle Show von Gayle Tufts und agiert dabei nicht nur hinter den Kulissen: Abend für Abend begleitet er die Entertainerin am Flügel, singt mit ihr im Duett. „Ich liebe das direkte Feedback der Besucher“, ist er begeistert. Einzige Verschnaufpause sind die zehn Minuten Fahrt, wenn er kurz vor 19 Uhr ins Auto springt, um ins „Tipi am Kanzleramt“ zu düsen.

Die Nacht ist kurz. Schon brütet Lux wieder im Studio. Zu Ostern will das Erste die neue Serie „Armans Geheimnis“ ausstrahlen. Lux liefert die musikalische Untermalung. „Mystery und Pferde“, fasst er den Plot zusammen. Viel Arbeit, aber eine, die ihm von der Hand geht. Fließend, zauberhaft, träumerisch, so mag er es. „Habe ich die Wahl, setze ich eher Harfe und Cello ein statt Schlagzeug und Gitarre.“ Nicht von ungefähr begründet sich so seine Liebe zu Danny Elfman. Der Kollege hat in Tim-Burton-Filmen wie „Edward mit den Scherenhänden“ oder „Alice im Wunderland“ den schwelgerischen Sound komponiert. „Vorbild, Idol, Quelle der Inspiration“, schwärmt Lux von Elfmans Stücken. Wird sich Elfmans Magie auch in der Havelsinfonie wiederfinden? „Warum nicht?“, scherzt Lux. Noch ist die letzte Note für den sinfonischen Mehrteiler nicht geschrieben. „Etwas Verspieltes würde durchaus passen.“

Seine Sicht auf die Havel hat sich gewandelt, sich erweitert, erzählt Lux. Grund ist eine Floßfahrt. Im Oktober ist der junge Komponist sechs Stunden die Havel hinuntergefahren. Kühe, Wiesen, Felder, vereinzelt mal ein Haus. Für Lux steht fest: „Das ist Brandenburger Idylle.“ Eine Idylle in einem Land, dessen Menschen als ehrlich, direkt und bodenständig gelten. Und hier sieht Lux sie wieder, die Verbindung zur Havel, die „ohne großen Pomp selbstverständlicher Teil der Landschaft“ sei. Die vor allem Geschichten zu erzählen wisse – aus Vergangenheit und Gegenwart. Zeitlicher Wandel, dem Lux neben dem geografischen Verlauf musikalischen Ausdruck geben will. Für mindestens eine Woche will er sich noch einmal in die Abgeschiedenheit der Mark begeben, Lärm und Hektik entfliehen, um im Stillen dem Wesen der Havel nachzuspüren.