Gedenken

Erst die Siedler, dann die Schüler

Bau der Clay-Schule beginnt erst 2018. Im Foyer entsteht ein Gedenkort, der an das Zwangsarbeiterlager in Rudow erinnert

Für die Archäologen war es ein unerwartetes Glück, für die Lehrer und Schüler der Neuköllner Clay-Schule ein riesiger Schock. Auf dem künftigen Schulgelände zwischen Neudecker Weg und Köpenicker Straße sind bei Grabungen nach Überresten eines ehemaligen Zwangsarbeiterlagers jetzt auch Funde aus der frühen Bronzezeit und der Römischen Kaiserzeit aufgetaucht. Keramiksplitter, Fragmente von Gefäßen und Knochen weisen darauf hin, dass es auf der vier Hektar großen Fläche schon in der Zeit zwischen 3000 vor Christus und dem Ende des 3. Jahrhunderts Siedlungen gegeben haben muss. Damit gehen die Grabungen in eine weitere zweite Phase. Für den Schulneubau an diesem Standort bedeutet das eine erneute Verzögerung um mindestens zwei Jahre.

Im Jahr 2010 hatten die Bezirksverordneten beschlossen, den Schulneubau auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers aus dem Zweiten Weltkrieg zu errichten. Nachdem bereits viel Zeit verloren ging, bis die Finanzierung von 39 Millionen Euro geklärt war, kam es dann auch noch zu vorher unbekannten Auflagen des Landesdenkmalamtes. Die alte Wirtschaftsbaracke, die sich noch mitten auf dem Baufeld befand, wurde unter Denkmalschutz gestellt. Das war bei den Bauplänen nicht berücksichtigt worden. Aufgrund von Schadstoffen in der Bausubstanz durfte das Gebäude zwar abgerissen werden, es musste aber umfassend wissenschaftlich dokumentiert werden.

Grabungen werden verlängert

Allein diese Forderung kostete ein weiteres Jahr. Die neuerlichen Funde, die auf ein frühes bronzezeitliches Siedlungsgebiet und eine Siedlung aus der Römischen Kaiserzeit hinweisen, führen jetzt dazu, dass der Forschungsauftrag für die Bodenarchäologen für das Jahr 2015 verlängert wird. Die Grabungen und die wissenschaftliche Dokumentation muss der Bezirk mit etwa 880.000 Euro aus seinem Etat finanzieren.

Nach den mehrfach korrigierten Plänen sollte der Schulneubau im Jahr 2016 beginnen. „Jetzt rechnen wir 2018 mit einem Baustart“, sagte am Montag Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD). Nach einer dreieinhalbjährigen Bauzeit könnte die Schule Ende 2021 fertig sein. Bereits im Mai 2015 soll ein Preisgericht über den Architektenentwurf entscheiden. „Dann wissen wir schon einmal, wie die Schule aussehen wird und sind ein großes Stück weiter“, sagte die Bildungsstadträtin.

Es wird auf jeden Fall ein besonderer Schulneubau, der dem geschichtsträchtigen Ort des „Ehemaligen Zwangsarbeiterlagers Rudow I bis III“ Rechnung trägt. Von 1941 bis 1945 waren dort bis zu 3000 Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen aus Polen, Serbien, Holland, Frankreich und Weißrussland untergebracht, die in den umliegenden kriegswichtigen Betrieben arbeiten mussten. Bei den archäologischen Grabungen auf dem Gelände konnten zwar keine Fundamente mehr freigelegt werden, dafür aber 500 kleine Objekte aus der Lagerzeit und etwa 60 Kilogramm Scherben.

„Es war ein Glücksfall, dass die Splittergräben auf dem Gelände nach der Befreiung 1945 mit Material aus dem Zwangsarbeiterlager aufgefüllt wurden“, sagt Gregor Döhner, Archäologe und Projektleiter. Dieses Material gebe Hinweise auf die interne Lagerstruktur. Zu den Fundstücken gehören Blechschüsseln, Wasserkannen, russische Feldtrinkflaschen, italienische Erkennungsmarken, Spielzeug, aber auch Dinge der Lagerverwaltung wie ein Fässchen mit dokumentenechter blauer Tinte und ein Etui mit der Aufschrift Dienstbrille.

Kooperation mit Museum

Ein Teil diese Fundstücke soll an einem Gedenkort in dem Schulneubau ausgestellt werden. Bei der Aufarbeitung des Materials und der Ausgestaltung des Orts ist das Museum Neukölln beteiligt. Museumsleiter Udo Gößwald stellt sich einen offen zugänglichen Bereich im Foyer vor, der auch für Schülerworkshops und in der Pause genutzt werden kann. Dort soll zum Beispiel ein Fassadenteil der mittlerweile abgerissenen Wirtschaftsbaracke hinter Glas aus gestellt werden. Die Reste eines Splittergrabens könnten in den Boden eingelassen und mit einer Glasscheibe geschlossen werden. Eine Ausstellungswand soll Platz für Schülerarbeiten bieten. An einem Flachbildmonitor werden die Besucher mit allen wichtigen Informationen zu den Funden und den Zeiten versorgt.

Bis zum Einzug der Schule in den Neubau und der Eröffnung des Gedenkortes, „werden noch zwei volle Schülergenerationen die Schule durchlaufen“, sagte Lothar Semmel, stellvertretender Schulleiter der Clay-Oberschule, an der derzeit die Klassen 7 bis 10 unterrichtet werden. Viele Kollegen, die sich an Projekten beteiligen, seien dann schon im Ruhestand. Dennoch hätten es sich Lehrer und Schüler zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Zwangsarbeiterlagers aufzuarbeiten. So werde das Thema im Unterricht behandelt. „Die Schüler durften sich bereits bei den archäologischen Grabungen beteiligen“, sagte Lothar Semmel. Später würden sie ihre Fundstücke in den Ausstellungsvitrinen finden und sagen können „Da war ich dabei.“ In Planung sei auch ein Theaterprojekt zum Thema Zwangsarbeit, das in Kooperation mit der Neuköllner Oper entstehen soll. „Wir wollen eine Schule sein, die sich zu ihrem historischen Erbe bekennt“, sagte Lothar Semmel.