Justiz

„Monoton und gepresst“

Auch eine Stimmanalyse bringt im Maskenmann-Prozess keine eindeutigen Beweise

Die Aufnahme Nummer fünf könnte es gewesen sein. Die Stimme des Maskenmannes. Vielleicht. Eventuell. Der Zeuge ist keineswegs überzeugt. Und seine Einschätzung ist in ihrer Unentschiedenheit symptomatisch für diesen schon seit dem 5. Mai laufenden Prozess vor dem Schwurgericht in Frankfurt (Oder).

Angeklagt wegen Entführung, schwerer Körperverletzung und versuchten Mordes ist der 46-jährige Mario K. Er bestreitet die Vorwürfe entschieden und ließ schon am ersten Verhandlungstag über seinen Verteidiger Axel Weimann mitteilten: „Ich bin der Falsche. Ich habe mit dem, was mir in der Anklage vorgeworfen wird, nichts zu tun.“ Die Ermittler sehen das anders: Im August 2011 und im Oktober 2011 soll Mario K. maskiert mit einem Imkerhut Anschläge auf die Ehefrau und die Tochter eines Berliner Unternehmers verübt und dabei den Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma angeschossen haben. Der 32-Jährige ist seitdem querschnittsgelähmt. Vorgeworfen wird Mario K. zudem die Entführung von Stefan T., Chef einer Berliner Investmentfirma.

Um die Aussage des 53-jährigen Stefan T. geht es am Montag im Frankfurter Landgericht. T. wurde am 5. Oktober 2012 gegen 19.30 Uhr von dem „Maskenmann“ mit vorgehaltener scharf geladener Pistole verschleppt und hatte erst 33 Stunden später fliehen können. In dieser Zeit hatte es zwischen ihm und dem „Maskenmann“ mehrere Gespräche gegeben. Stefan T., der offenbar eine geradezu verblüffende Beobachtungsgabe und ein genauso ausgeprägtes Erinnerungsvermögen hat, konnte sich noch sehr genau an die Sprache des Entführers erinnern: „Eher tief, akzentuiert, wenig variantenreich, monoton, gepresst, eine Stimme aus der Region mit der typischen Mundart“, sagte er nach seiner Entführung bei einer Vernehmung im Landeskriminalamt (LKA). Das Gespräch wurde damals mit einer Videokamera aufgezeichnet und am Montag vor dem Schwurgericht gezeigt. Stefan T. ging damals auch davon aus, dass der „Maskenmann“ seine Stimme mithilfe von Technik manipulierte. Er konnte seinen Entführer sogar nachahmen. Auch das wurde von der Polizei aufgezeichnet. Es klang, als spreche ein Roboter in einem Trickfilm.

Für die Polizisten war diese Erinnerung an die Sprache des Entführers natürlich ein Ansatz für die Beweisführung. Sie hatten Mario K. vor dessen Festnahme wochenlang überwacht und dabei auch Telefongespräche mitgeschnitten. Eines dieser Telefongespräche wurde nun für eine sogenannte „auditive Wiedererkennung“ genutzt.

Ein Sachverständiger für Spracherkennung des LKA beschrieb am Montag vor Gericht das umständlich anmutende Prozedere: Zunächst wurde durch einen Test mit Hilfe von Stefan T. festgestellt, dass die Stimme des Entführers nicht technisch manipuliert, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit nur verstellt war. Anschließend mussten Stimmen gefunden werden, die so ähnlich klingen wie die Stimme von Mario K. bei dem heimlich aufgezeichneten Telefongespräch. Die Stimmproben, am Ende blieben sechs übrig, wurde sechs Testpersonen vorgespielt: drei Amateuren, drei Fachleuten. Und erst als diese unabhängig voneinander bekundeten, dass keine Stimme hervorstach, konnte der Test – vom Sachverständigen „voice lineup“ genannt – mit Stefan T. beginnen.

Unsicherheit beim Anhören

Auch dieser Test wurde aufgezeichnet und am Montag im Gerichtssaal gezeigt. Stefan T. wusste nicht, wie viele verschiedene Stimmen er hören wird und natürlich auch nicht, wann es sich um die Stimme von Mario K. handelt. Er hörte angespannt zu, ließ sich einige Passagen ein zweites Mal vorspielen. Bei Aufnahme Nummer vier wurde er unsicher, sagte: „Die Klangfarbe geht in diese Richtung.“ Allerdings habe der Entführer nicht so einen starken Dialekt gesprochen. Bei Aufnahme Nummer fünf – es war die aufgezeichnete Stimme des Angeklagten – nickte Stefan T.. Das sei „ein noch heißerer Kandidat als der Vorgänger, der kommt dem Thema sehr nahe“, sagte er. Die Stimmlage, der Klang, alles sehr ähnlich. Aber dann folgte sein für die Ermittler vermutlich ernüchterndes Fazit: „Es ist aber keine echte Wiedererkennung.“

In seiner Auswertung, die er vor Gericht verlas, hatte der Sachverständige das Kopfnicken des Zeugen bei Aufnahme Nummer fünf noch als „mimisch-gestische Reaktion“ beschrieben. Als der Schwurgerichtsvorsitzende Matthias Fuchs nachfragte, wie „das Kopfnicken des Zeugen“ in diesem Kontext zu bewerten sei, wirkte der Sachverständige regelrecht erschrocken. Es handele sich in dem Gutachten keineswegs um Interpretationen oder Schlussfolgerungen, antwortete er. Man habe nur angegeben, was aus Expertensicht als relevant erschienen sei. Die Richter hatten dann keine Fragen mehr.

Der Prozess wird fortgesetzt.