Kultur

In Potsdam schüttelt Frau Harke Betten

Autorin Christine Anlauff schreibt ein Buch mit den schönsten Sagen und Legenden aus der Landeshauptstadt

„Immer wieder fragten sie nach, ließen nicht locker. Was blieb mir da anderes übrig?“ Christine Anlauff, Autorin eines Hörbuchs über Potsdamer Sagen, sieht die betagten Besucherinnen einer ihrer Lesungen noch vor sich. Nicht um ein Autogramm auf der CD-Hülle hätten die Seniorinnen nach der Veranstaltung gebeten: „Sie wünschten sich stattdessen die Geschichtensammlung in Buchform.“ Weil das als Geschenk mehr hermache als ein kleiner Silberling und weil man dafür keine Technik benötige. „Ein Buch, warum eigentlich nicht?“, dachte sich Christine Anlauff. Schließlich ist die 43-Jährige gelernte Buchhändlerin. Jetzt hält sie „Die schönsten Sagen & Legenden aus Potsdam“ (Bebra Verlag, 14,95 Euro) gedruckt in den Händen.

Der Mauerfall brachte der jungen Frau, Tochter einer Hebamme und eines Sargtischlers, „die Freiheit, aber auch die Arbeitslosigkeit“. Die Potsdamerin sattelte um, studierte Archäologie, Italienisch, Geschichte und Literaturwissenschaften, brachte vier Kinder zur Welt. Jetzt lebt sie mit ihrer Familie als freischaffende Autorin in der brandenburgischen Landeshauptstadt. „Eigentlich mag ich keine Sagen“, sagt Anlauff. Nur selten habe sie als Kind zu Märchen gegriffen. „Abenteuer mit Indianern lagen mir eher.“ Ein Freund aus Leipzig bat sie 2011, Potsdamer Sagen zusammenzustellen und für ein Hörbuch zu bearbeiten. „Damals war das für mich eine reine Auftragsarbeit.“ Anlauff sitzt am Holztisch in ihrer Wohnküche, ein schwarzer Kater tappt über die Holzdielen. „Wegen meiner bisher erschienenen Katzenkrimis werde ich oft nur nach dem Namen meines Katers gefragt“, sagt sie. „Man wird so schnell in Schubladen gesteckt.“ Etwas, das sie überhaupt nicht mag. „Ich will Romane schreiben, die ganze Bandbreite.“ Sie greift zum Pott mit dem Kaffee, zubereitet nach türkischer Art, dreht sich eine Zigarette. „Ohne Koffein und Tabak kann ich nicht schreiben.“

Das Hörbuch in Erzählform zu übertragen, habe sie mehr Zeit gekostet als erwartet, erzählt sie. „Pro Tag wollte ich eine Legende schaffen. Unmöglich.“ 15 Geschichten hat sie für die gedruckte Fassung überarbeitet. In der Landesbibliothek, in Antiquariaten, in Archiven und im Internet hat die gebürtige Bornstedterin nach dem Sagenschatz geschürft. „Das war zäh, es fehlte an Material.“ Erst entdeckte sie das Sagenbuch des preußischen Staates von 1868, dann ein Sagenheft des Bezirks Potsdam von 1989. Die Gesellschaft für Heimatgeschichte im Kulturbund hatte sich der Geschichten um den Brauhausberg angenommen. Und schließlich stieß sie auf den Sagenband von Karl von Reinhard, 1841 von der Stuhrschen Buchhandlung in Potsdam auf den Markt gebracht. „Die Sprache war altmodisch, Reinhards Intention oft völkisch.“ Anlauff setzte bei so mancher Formulierung den Rotstift an. „Die Arbeit mit der Sprache hat mich gereizt. Zu sehen, wie sich Wortbedeutungen verändert haben.“

Reizvoll auch der Stoff selbst, der sich plötzlich vor ihr ausbreitete. Sie las über heidnische und christliche Bräuche, über Aberglauben, über Hexen und Vampire, die ihr Unwesen trieben. „Das hat mich fasziniert.“ Ebenso wie die Ähnlichkeiten mit den Märchen der Brüder Grimm, die in einigen Textpassagen durchschimmerten. In den vergilbten Schriften taucht Frau Holle in Potsdam als Frau Harke auf, da ist die Rede von Räubern, die in Liefeldsgrund Reisende um Geld und Leben bringen, von Werwölfen, die Säuglinge rauben, von pfiffigen Bauern, die den Alten Fritz austricksen und zu Talern und Fürstentitel kommen. „Die Legenden, auf die ich gestoßen bin, lesen sich teils wie Thriller – gut komponiert, mit ausgefeiltem Showdown.“ Auch historisch belegte Fakten wie der Dreißigjährige Krieg, der Brandenburg entvölkerte und wirtschaftlich ausblutete, finden sich in den Erzählungen, zeichnen ein Bild von der damaligen Lebenssituation. „Oft fühlte ich mich an die Lektüre aus meinem Studium erinnert – und an meine Zeit als Stadtführerin.“ Um ihr Studium zu finanzieren, gründete Christine Anlauff vor 20 Jahren den Verein Per Pedales, entwickelte Themenrouten, führte Einheimische wie Touristen übers Potsdamer Pflaster, vorbei an Stuckfassaden aus der Gründerzeit und den postmodernen aus DDR-Zeiten. Die Debatte um den Abriss von DDR-Bauten und den Wiederaufbau einstiger friderizianischer Pracht beschäftigt sie.

Die Orte, die in den von ihr ausgegrabenen Legenden beschrieben werden, hat sie teils selbst aufgesucht. Nach Klein Glienicke ist sie beispielsweise gefahren, „um die Mühle des Müllers zu suchen, der vom Teufel heimgesucht wurde“. Vergebens. Dafür entdeckte sie ein Rinnsal, das sich an den Schweizer Häusern entlangschlängelt. „Vielleicht ist das ja der frühere Wasserzulauf der Mühle“, kann sie nur mutmaßen. Ihre Familie hat sie bei ihren Ausflügen begleitet. Und so möchte Christine Anlauff ihr Buch auch verstanden wissen: als Reiseführer, als Anregung für ein Picknick am Wochenende, um eine neue Facette Potsdams kennenzulernen. Sohn Luca hat zu Pinseln gegriffen, Kartenmaterial im Buch beigesteuert.

Mit dem anfangs ungeliebten Thema Sagen hat sie noch nicht abgeschlossen. „Ich überlege, ob ich noch eine Version schreiben soll, in der ich Geschehnisse in die heutige Zeit verlege.“ Was sie auf die Idee brachte? Ein Leser habe ihr kürzlich erzählt, dass Liefeldsgrund offenbar nicht nur vor 200 Jahren Diebe angezogen habe. „Anfang der 1990er-Jahre sollen dort gestohlene Autos abgestellt worden sein.“

Am 14. Dezember um 16 Uhr liest Christine Anlauff in der Villa Schöningen, Berliner Straße 86, aus ihrem Buch.