Stadtplanung

Wie Townhouses die Weberhäuser retteten

Seit 20 Jahren saniert Rainer Baatz behutsam den alten Stadtkern von Babelsberg

– Der Ortskern Babelsbergs ist ein Kleinod. Weit mehr als 80 Prozent der historischen Bausubstanz wurde in den vergangenen 20 Jahren saniert und restauriert. Obwohl großenteils mehr als 250 Jahre alt, wirken die Häuser modern und zeitgemäß. Zu verdanken ist das einer weitsichtigen Stadterneuerung – und dem Stadtplaner Rainer Baatz.

In den 80er-Jahren hatte er für den Berliner Senat die Sanierung rund um den Moabiter Unionplatz erfolgreich betrieben, nach der Wende interessierte er sich für Projekte in Brandenburg. Darunter waren auch zahlreiche Weberhäuser in Babelsberg Nord. Hier hatte Friedrich II. ab Mitte des 18. Jahrhunderts 210 sogenannte Kolonistenhäuser und die auf dem zentralen Weberplatz gelegene Friedrichskirche für Protestanten errichten lassen, die in ihrer böhmischen Heimat verfolgt worden waren. Vor den Toren Potsdams sollten sie sich als Tuchmacher niederlassen und nebenbei eine Seidenraupenzucht betreiben. Von den niedrigen, eingeschossigen Doppelhäusern waren nach dem Fall der Mauer noch 104 ganz oder teilweise erhalten. Um diese Bebauung zu erhalten, erklärte die Stadt Potsdam 1992 und 1993 das gesamte Weberviertel zum Sanierungsgebiet.

Gemeinsam mit dem damaligen Potsdamer Baustadtrat Detlef Kaminski und dem Pfarrer der Friedrichskirche, Stefan Flade, begann Baatz, ein Stadtentwicklungskonzept zu erarbeiten. Die alteingesessenen Mieter sollten durch die Baumaßnahmen nicht vertrieben werden. Das erste Projekt begann rund um den Weberplatz.

Für Baatz ging es dabei um weit mehr als Gebäuderestaurierung. Ein wichtiger Teil seiner Arbeit ist die mittlerweile fast abgeschlossene Straßensanierung und der Erhalt sowie die Erweiterung der Grün- und Freiflächen. Am Weberplatz rund um die Kirche waren von Anfang an recht drastische Maßnahmen nötig, um den alten Eichenbestand, der durch die Bodenverdichtung bereits sehr gelitten hatte, zu erhalten. Baatz ließ deshalb eine Straße komplett sperren und begrenzte zunächst den Durchgangsverkehr. Heute sind alle Straßen in dem Bereich grundsaniert und die Geschäftsstraßen mit modernen Parkbuchten ausgestattet.

Grundstücke geteilt

Die Sanierung der größtenteils in Privatbesitz befindlichen Wohnhäuser war die zweite Säule des Entwicklungskonzepts. Hierfür standen Fördermittel aus dem Bereich des Städtebaulichen Denkmalschutzes sowie Landesmittel und finanzielle Unterstützung der Stadt Potsdam zur Verfügung. Als studierter Volkswirt wusste Baatz mit diesen Mitteln umzugehen und konnte die Eigentümer entsprechend beraten. Städtische Mehrfamilienhäuser wurden seiner Firma teilweise zur Sanierung übertragen. Um die Kosten, die über die Mittel aus Fördertöpfen hinausgingen, abzudecken, sah der Sanierungsplan eine sogenannte Verdichtung vor. Die ehemals sehr lang gestreckten Grundstücke wurden geteilt und im hinteren Bereich neu bebaut. Vor allem jungen Familien gefiel die Lage zwischen Berlin und Potsdam. Eine zu große Zerstückelung war jedoch nicht möglich und hätte die Baukosten unnötig in die Höhe getrieben.

Viel besser ist es, gemeinsam zu bauen, dachte sich Baatz, der das Verfahren aus seiner Hamburger Heimat kannte. Er organisierte kurzerhand Baugemeinschaften, um die hinteren Grundstücke mit meist versetzen Stadthäusern zu erschließen. Moderne Architektur, die sich behutsam in den Bestand einfügt, ohne das Gesamtbild zu zerstören, stand im Vordergrund. Und entstanden sind keine langweiligen Reihenhausriegel, sondern interessante und durchaus individuelle Townhouses, wie sie inzwischen auch an vielen Orten in Berlin zu sehen sind.

Mithilfe dieser Gegenfinanzierung wurde die Sanierung der denkmalgeschützten Bauten in der ersten Reihe vorangetrieben und Baatz kann heute auf eine stolze Bilanz zurückblicken. Babelsberg Nord ist mittlerweile so gefragt, dass auch sehr ungünstige Baugrundstücke gleich mehrmals verkauft werden könnten. Vor kurzen wurde eine Lücke an der Straße Alt Nowawes geschlossen. „Die Interessen standen Schlange, aber wir verkaufen hier nicht meistbietend. Das Konzept der Bauherren muss passen“, erklärt der Stadtsanierer seine Philosophie. Nur deshalb hat er es schaffen können, die Wünsche des Denkmalschutzes und die Bedürfnisse der Bewohner unter einen Hut zu bringen und ein gewachsenes Stadtbild, in dem sich eingeschossige Weberhäuser mit vierstöckigen Gründerzeit-Mietshäusern abwechseln, zu erhalten und zu einem lebens- und liebenswerten Quartier zu vereinen.