Sozialeinrichtung

Tür an Tür mit den Potsdamern

Wohngemeinschaft mitten in der Stadt: Ein Pilotprojekt für Flüchtlinge soll ein Zeichen setzen

Über ihre Flucht aus Syrien verliert Sana Mlahasan nur einen Satz. „Sie war schwierig.“ Dann presst sie die schmalen Lippen aufeinander. Den Blick hat sie auf Sara, ihre Tochter, gerichtet. Die Vierjährige lacht und schiebt eine bunt lackierte Holzeisenbahn über den Teppichboden. Vor einem halben Jahr sind Mutter und Kind aus dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land nach Deutschland gekommen. Seit drei Monaten leben sie im Frauenasyl in der Potsdamer Hegelallee. Auf 200 Quadratmetern – sieben Schlafzimmer, eine Küche, drei Bäder, Gemeinschaftsraum – betreibt der Verein Soziale Stadt Potsdam hier im Auftrag der Stadt seit zwei Jahren eine Wohngemeinschaft für Flüchtlinge.

„Wir sind keine übliche Sozialeinrichtung. Dafür haben die Frauen viel zu viel mitgemacht“, sagt Vereinsmann Reinhold Ehl. Die Unterkunft im historisch sanierten Gebäude ist ausschließlich für misshandelte oder traumatisierte Frauen und deren Kinder bis zum Alter von zehn Jahren gedacht. Die 13 Plätze sind stets belegt. Das Besondere: Die Unterkunft ist zentral gelegen, Potsdamer wohnen Tür an Tür mit den Frauen, die allein aus ihren Heimatländern gekommen sind. Die Stadt wollte mit dem Pilotprojekt in Brandenburg ein Zeichen setzen: weg von Gemeinschaftsunterkünften am Stadtrand. Stattdessen sollen Flüchtlinge – in diesem Fall ausschließlich auf sich allein gestellte Frauen – in Zimmern oder eigenen Wohnungen in zentraler Lage gesellschaftlich integriert werden. Was dem Landesaufnahmegesetz entgegensteht, das für Flüchtlinge immer noch eine heimähnliche Unterbringung vorsieht. Nur dann zahlt das Sozialministerium die Platzpauschale. Glück für das Frauenasyl, das als WG einen heimartigen Charakter trägt. Schwierig bei der Realisierung von Wohnungsverbänden in Miethäusern.

Traum von der eigenen Wohnung

Wie lange eine Frau im Asyl bleibt, hängt zunächst von ihrer psychischen Verfassung ab. Und davon, ob sich für sie eine Bleibe auf dem angespannten Wohnungsmarkt in Potsdam findet. Sana Mlahasan hat einen Asylantrag gestellt, einen Wohnberechtigungsschein beantragt. Sie möchte so schnell wie möglich in eine eigene Wohnung ziehen. Spätestens dann, wenn ihr Ehemann ihr nach Deutschland folgen kann. Seine Chancen stehen gut. „Die Syrer werden wegen der Situation im Land vorrangig behandelt“, erklärt Heimleiterin Hala Kindelberger.

21 Frauen und 14 Kinder aus Iran, Syrien, Somalia oder Afghanistan, haben in den vergangenen 24 Monaten das Haus durchlaufen. „Das Asyl soll nur als Zwischenstation in die Selbstständigkeit dienen“, so Kindelberger. Alle Frauen im Haus belegen Deutschkurse. Mlahasan will ihre Nachbarn kennenlernen, in Potsdam Fuß fassen. Doch nicht jeder, dem sie begegnet, reagiert offen. Harsche Worte seien ihr auf der Straße schon entgegenschleudert worden. „Die Menschen haben viel Energie bewiesen, um ihre Flucht zu organisieren. Diese Energie dürfen wir ihnen nicht nehmen, sondern müssen sie nutzen. Im Sinne der Integration“, sagt Potsdams Sozialdezernentin Elona Müller-Preinesberger (parteilos). Sie befürwortet Wohngemeinschaften wie in der Hegelallee oder Wohnungsverbünde wie am Staudenhof oder in der Haeckelstraße, wo Flüchtlinge und Potsdamer Tür an Tür wohnen.

Für Pilotprojekte wie das Frauenasyl oder Wohnungsverbünde sieht es jedoch nicht gut aus: Potsdam muss in diesem Jahr 396 statt 336 Flüchtlinge aufnehmen und von den 300.000 Flüchtlingen, die 2015 in Deutschland erwartet werden, könnten 700 auf die Landeshauptstadt entfallen. Potsdam reagiert mit einem Notfallplan, hat einen Koordinator für Flüchtlingsfragen installiert. Im Frühjahr sollen weitere Unterkünfte in der Grotianstraße, im Lerchensteig, in der Tornowstraße, der Waldschule Groß Glienicke und am Horstweg entstehen. Die Quadratmeter, die jedem Flüchtling zustehen, müssten kurzfristig von sechs auf fünf reduziert werden, sagt die Dezernentin. Denn eines will sie auf jeden Fall verhindern: Zelte und Bettenburgen in Turnhallen. Bis zu 30 Menschen wollte Müller-Preinesberger künftig in einem Wohnprojekt in der Dortustraße unterbringen. „Jetzt rechne ich eher mit bis zu 40“, sagt sie.