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Jazz im Lottoladen

Hildegard Knef, Kurt Weill, Christa Wolf: Kleinmachnow ist seit jeher ein Künstlerort. Und die Kulturszene wächst immer weiter

„Hier wohnt das Glück“, steht auf der kleinen gelben Fahne, die am Eingang des Lottoladens im Herbstwind flattert. Nur sehr selten ist das Glück der in Aussicht gestellte Lottogewinn. Dafür warten in dem kleinen Geschäft an der Goethestraße in Kleinmachnow andere Überraschungen, die auch fröhlich stimmen. Bei Viktoria Brammer, vor 20 Jahren aus Berlin-Dahlem zugezogen, sind Zeitschriften und Zigaretten zu bekommen, ein kleiner Mittagstisch, Kaffee und selbst gebackener Kuchen. Und regelmäßig eine satte Portion Kultur. „Schauen Sie ruhig auch mal abends vorbei “, sagt die quirlige 72-Jährige. Jeden ersten Freitag im Monat öffnet sie ihren Lottoladen auch noch abends: für eine Jamsession. „Ein Heidenspaß“, sagt Viktoria Brammer.

Es wird improvisiert

Der kleine Lottoladen ist ein Beispiel für die attraktiven kulturellen Angebote, die sich im Schatten der Kulturmetropole Berlin entwickelt haben. Auf kleinem Raum – zehn winzige Tische haben Platz – treten Künstler aus Kleinmachnow und Berlin auf. In der Regel Freunde von Viktoria Brammer, die andere Musiker mitbringen. „Es wird improvisiert – wie in den Clubs in New Orleans“, sagt sie. Der Schlagzeuger Gunnar Hille und die 4 Friends sind regelmäßig dabei. Auch ab und zu vertreten: Don Schnacksler & die alten Säcke, eine Coverband, die Hits der 80er spielt. Der Eintritt ist frei. Das Publikum besteht aus Nachbarn, aber auch aus Musikliebhabern aus Berlin-Zehlendorf, dem angrenzenden Teltow und Stahnsdorf.

Kulturbegeisterte hatte die Gemeinde südwestlich von Berlin mit ihren heute knapp 20.000 Einwohnern schon immer. Als Künstlerort ist Kleinmachnow seit mehr als einem Jahrhundert beliebt. Christa Wolf lebte hier, auch die österreichischen Schriftsteller Maxie und Fred Wander. Zwei Jahre lang wohnten der Komponist Kurt Weill und die Sängerin und Schauspielerin Lotte Lenya in Kleinmachnow. Hildegard Knef lebte in dem Ort von 2001 bis 2002. „Mit Kleinmachnow war ein Dorf in idyllischer Einsamkeit entstanden, das viele Künstler anzog“, schreibt Harald Kretschmar in seinem Buch „Paradies der Begegnungen – Kleinmachnow als Künstlerort“. Der österreichische Komponist Arnold Schönberg war von 1911 bis 1913 zu Gast im Bildhauerhaus. Sie alle wollten „ganz im Wald“ in Ruhe arbeiten. „Es ist ein Kommen und Gehen im Künstlerort Kleinmachnow in den glanzvollen wie düsteren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts“, schreibt Kretschmar in seinem Buch über das Kulturbiotop. „Für die einen Lebenszeit, Ort des Wohnens, für die anderen ein Platz des kürzeren Verweilens, des Innehaltens, des Ideensammelns. Für alle aber – Schauspieler, Schriftsteller, bildende Künstler, Politiker, Regisseure und Komponisten – ein Paradies der Begegnungen, ein Treffpunkt ungewöhnlicher Menschen, an dem die komischen und tragischen Geschichten der Zeit geschrieben werden.“

Dass die Ideen nicht ausgehen und die Kunst hier weiter zu Hause ist, dafür sorgen heute Alteingesessene wie Zugezogene. „Die Kleinmachnower sind sehr kreativ“ sagt Bürgermeister Michael Grubert (SPD). „Und wir als Gemeinde fördern das Engagement.“ Kultur als Standortfaktor. „Ein Immobilienmakler hat jüngst nicht nur mit der guten Schulausbildung für den Wohnort Kleinmachnow geworben, er erwähnte auch die neuen Kammerspiele“, erzählt Grubert.

Über 75 Jahre sind sie alt, die Kammerspiele. In die Jahre gekommen, war das alte Kino an der Karl-Marx-Straße schon totgesagt. Bis Carolin Huder, Wahl-Kleinmachnowerin und Chefin des Berliner Volkstheaters Heimathafen Neukölln mit dem filmbegeisterten Michael Martens 2012 ein Konzept für das nur noch schlecht besuchte Lichtspielhaus vorlegte. Die Gemeinde stellte in den ersten beiden Jahren 400.000 Euro für den Umbau des Gebäudes, den Brandschutz und neue Technik zur Verfügung. Die Pächter gründeten die KulturGenossenschaft. Ein Anteil kostet 250 Euro. Um die 298 denkmalgeschützten Kinosessel aufzuarbeiten, können Stuhlpatenschaften übernommen werden – für 99,99 Euro pro Stuhl. KulturGenossen zahlen nur 77,77 Euro. Inzwischen ist Michael Martens nicht mehr dabei, es gab Differenzen über die Ausrichtung des Programms. Die Neuen Kammerspiele bieten auch Tanz- und Theaterworkshops, Kindergeburtstage werden gefeiert.

Ein weiterer Anlaufpunkt ist der KultRaum. Mit dem Kunstverein Die Brücke ist die Spielstätte seit Sommer 2013 in einem sanierten Landarbeiterhaus am Zehlendorfer Damm 200 untergebracht. Der Verein unter der Opernsängerin Christiane Heinke holt Stars wie Gayle Tufts. Vor allem die Kleinkunst hat hier ein Podium. „Der KultRaum hat die Initialzündung vor sechs Jahren gegeben“, sagt sie. „Seither ist in Kleinmachnow wieder ein reges Kleinkunstleben entstanden, mit internationalen Künstlern in den Bereichen Kabarett, Chanson und viel Jazz“, sagt Christiane Heinke.

Begabter Nachwuchs

2013 wurde der KultRaum von Kulturstaatsminister Bernd Neumann mit dem Spielstättenprogrammpreis ausgezeichnet – für die Reihe „Junger Jazz am Mittwoch“. Jeden vierten Mittwoch treten Studierende aus einer der Berliner Musikhochschulen auf. Der KultRaum initiiert zudem Chorkonzerte mit Sängern aus der Region. Zu dem musikalischen Krippenspiel auf dem Seeberg kommen mehrere Hundert Besucher. Die Gemeinde selbst bietet ganzjährig ein kulturelles Programm. 38.000 Euro gibt sie im Jahr für Veranstaltungen aus, Vereine fördert sie mit rund 90.000 Euro. Kleinmachnow muss sich auch um den begabten Nachwuchs keine Sorgen machen: Die preisgekrönte Schauspieltruppe des Weinberg-Gymnasiums feiert mit ihren Aufführungen stets große Erfolge.