Demonstration

Potsdams Studenten kündigen Proteste wie in Hongkong an

Marodes Rechenzentrum soll als Übergangsstandort für die Fachhochschule dienen. Präsident berichtet von aufgeheizter Stimmung

Er ist hässlich und hätte – wenn es nach den Vorstellungen von Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) geht – schon längst abgerissen sein sollen: Der heruntergekommene Plattenbau neben dem schmucken, wieder aufgebauten Stadtschloss. Doch wohin mit der dort untergebrachten Fachhochschule (FH)? Der Neubau am Campus Pappelallee im Norden Potsdams wird voraussichtlich erst 2017 fertig, er ist noch nicht einmal begonnen. Der neueste Vorschlag der Stadtverwaltung treibt die Studierenden auf die Barrikaden: Die rund 1500 Studenten der Fachrichtung Soziales und Informationswissenschaften sollen übergangsweise im bisherigen Rechenzentrum unterkommen. Auch dieses Gebäude sollte nach den ursprünglichen Plänen bereits abgerissen sein.

Im Hauptausschuss der Stadtverordnetenversammlung berichtete Fachhochschulpräsident Eckehard Binas von „aufgeheizter Stimmung“. Ein Sprecher der Allgemeinen Studierendenversammlung (Asta) habe bei einer Informationsveranstaltung der FH auf die Proteste in Hongkong verwiesen. Der Asta-Vertreter erklärte laut Präsident Binas, es „sei anzunehmen, dass dann auch in Potsdam Kreuzungen besetzt werden“, sollte sich die Stadt mit ihrem Rechenzentrums-Vorschlag durchsetzen.

„Wir fühlen uns veräppelt“

Der studentische Vize-Präsident der FH, Marcus Dreier, sagte der Berliner Morgenpost: „Wir Studierende fühlen uns veräppelt. Jahrelang wurden wir vertröstet – und nun werden wir von einem Abrissobjekt ins nächste verschachert.“ Nicht nur, dass den jetzt zum Wintersemester gestarteten Studenten damit zwei Umzüge zugemutet würden. Im Rechenzentrum würden sich die Bedingungen noch mehr verschlechtern. „Es gibt dort keinen geeigneten Hörsaal und keine Mensa“, nennt Dreier nur zwei Beispiele. Der Hörsaal könne nach den Vorstellungen der Stadt im Bergmann-Klinikum genutzt werden, doch das würde für die Studenten ein ständiges Hin und Her bedeuten. „Wenn die Stadt nicht einlenkt, werden wir Protestaktionen starten“, kündigt Architekturstudent Dreier an. „Ich hoffe aber, die Verantwortlichen sehen rechtzeitig ein, was sie da für einen Blödsinn planen.“

Auch Fachhochschul-Präsident Eckehard Binas zeigt sich zuversichtlich, „dass eine für alle Beteiligten annehmbare Lösung gefunden wird“. Ein Umzug in das Rechenzentrum sei keine. Er nennt den Plan „unseriös“. Statt eine teure und unpraktikable Variante zu finanzieren, könnte die Stadt auch Geld bereitstellen, damit die Studierenden früher an den Campus an der Pappelallee umziehen können. Dort werden bislang etwa 2500 Studenten unterrichtet. Denkbar wäre für die Übergangszeit ein Fertigbaugebäude. Der Präsident verweist auf die Hochschulautonomie. Die Selbstverwaltungsgremien könnten einem Umzug ins Rechenzentrum widersprechen. Dann wäre mit Klagen zu rechnen. Er mahnt dennoch zur Sachlichkeit: „Wir müssen Ruhe bewahren, solange das Verfahren läuft.“ Eine Arbeitsgruppe des Ministeriums, der Stadt und der Fachhochschule arbeite derzeit an einer Lösung. Wie Ministeriumssprecher Hans-Georg Moek ankündigt, werde das Gremium Ende November ein Ergebnis vorlegen.

Oberbürgermeister Jann Jakobs will das Ergebnis abwarten. Der umstrittene Vorschlag für einen Zwischenumzug stammt vom Baubeigeordneten Matthias Klipp (Grüne). Er beruft sich auf eine Machbarkeitsstudie im Auftrag des städtischen Sanierungsträgers.

Die Rathaus-Spitze sieht durch die Verzögerung des Auszugs der Fachhochschule die Pläne für die Neugestaltung der historischen Stadtmitte gefährdet. Das Top-Grundstück an der Friedrich-Ebert-Straße/Alter Markt sollte bereits bebaut werden. Nach dem Abriss ist auch dort ein Gebäude mit historischer Fassade geplant. Der Sanierungsträger beklagt, er könne die zugesagten Fördermittel des Infrastrukturministeriums nicht abrufen und die geplanten Grundstücksverkaufserlöse nicht erzielen.

Kritik am Land

Die Schuld für die Misere sieht Jakobs bei der Landesregierung. Er sagt: „Das Land verhält sich nicht so, wie sich Partner verhalten.“ Die Fachhochschule sollte längst ausgezogen sein. Doch die Planungen für einen Umzug an die Pappelallee waren 2009 gestoppt worden, nachdem ein Gutachten im Auftrag des Wissenschaftsministeriums ergeben hatte, dass die Studenten dort mehr Platz benötigen. Laut einer Vereinbarung hätte auch längst das Rechenzentrum freigegeben werden müssen. Der Mietvertrag des Landes mit der Stadt endete 2013. Auch dort soll neu gebaut werden. „Womöglich stehen die bis 2016 zugesagten Fördermittel in Millionenhöhe 2018 nicht mehr zur Verfügung“, sagt Rathaus-Sprecher Stefan Schulz. „Wir haben kein Vertrauen mehr in das Land, es hat die Zusagen mehrfach nicht eingehalten.“