Notunterkunft im Museumsdepot

Potsdam will Asylsuchende verstärkt in freien Mietwohnungen unterbringen. Eine Alternative sind Pensionszimmer und Sporthallen

Die brandenburgische Landeshauptstadt muss in diesem Jahr 396Flüchtlinge aufnehmen. Bis jetzt hat sie nicht einmal der Hälfte der ursprünglich geplanten 336 eine Unterkunft zur Verfügung stellen können. Bei ständig steigenden Flüchtlingszahlen und völliger Überfüllung des Erstaufnahmelagers in Eisenhüttenstadt drängt die Landesregierung auf baldige Lösungen, denn die Prognosen sagen eine noch größere Zahl von Neuankömmlingen für die Wintermonate voraus. Bis Dienstag musste die Stadt dem zuständigen Sozialministerium einen Notfallplan vorlegen, aus dem hervorgeht, wie die zugewiesenen Asylsuchenden kurzfristig untergebracht werden können. Bei einer im Vorfeld als „Verteiler-Konferenz“ bezeichneten Sitzung der Landkreise und kreisfreien Städte sollen an diesem Mittwoch die Asylsuchenden den Regionen zugewiesen werden. Dann wird sich zeigen, ob in es in Potsdam Notlösungen geben wird.

Tür an Tür mit Einheimischen

Vor allem mit Wohnungsverbänden habe man in der Vergangenheit positive Erfahrungen gemacht, deshalb setzte man auch weiterhin auf diese Form der Unterkunft, sagt Potsdams Stadtsprecher Jan Brunzlow. In Potsdam-West leben seit etwa einem Jahr Flüchtlingsfamilien in einem Haus Tür an Tür mit alteingesessenen deutschen Nachbarn. Auch im sogenannten Staudenhof, nur wenige Meter vom neuen Landtag entfernt, erprobt man dieses Modell seit einigen Monaten und stellt freie Wohnungen für Asylsuchende zur Verfügung. Zelte wolle man in Potsdam auf jeden Fall vermeiden, so Brunzlow. Als Alternative biete sich deshalb zurzeit nur die Anmietung von Pensionszimmern oder eine eventuelle kurzfristige Umnutzung von Sporthallen an, alles befinde sich aber noch in der Prüfung.

Weitere Unterkünfte in Wohnungsverbänden sind im Bau, können aber nicht vor 2015 bezogen werden. Für etwa 100 Personen soll Platz in einer ehemaligen Waldschule in Groß Glienicke geschaffen werden, weitere 100 werden in das Gebäude eines privaten Investors in einer Seitenstraße des Horstwegs ziehen können. Auf dem Gelände der AWO in Potsdam-Bornim ist eine Einrichtung in Modulbauweise für 150 Menschen geplant, die in relativ kurzer Zeit bewohnbar sein kann. Außerdem sollen 100 weitere Flüchtlinge in einem ehemaligen Depot des Potsdam-Museums auf der Insel Hermannswerder eine vorübergehende Bleibe erhalten. Dieser Standort, der sich direkt an die evangelische Hoffbauer-Stiftung anschließt, wird aus Sicht der Stadtverwaltung als eher kritisch angesehen. Denn dort ist die Einrichtung eines Heims für Asylsuchende in der Vergangenheit bereits von Anrainern verhindert worden. Außerdem hat die Stadt noch kein alternatives Gebäude für die Museumsbestände gefunden.

Lediglich an der Grotrianstraße im Stadtteil Am Stern errichtet die städtische Wohnungsbaugesellschaft Pro Potsdam einen Wohnungsverband, der zu einer dauerhaften Unterkunft für Familien werden soll. Zehn barrierefreie Drei-Zimmer-Wohnungen sind dort für Asylsuchende reserviert. Alle anderen bereits bezogenen oder geplanten Unterkünfte stehen nur so lange zur Verfügung, bis sie grundsaniert oder einer anderen Nutzung zugeführt werden, was in einem Zeitraum von sechs Monaten bis drei Jahren geschehen kann.

Grundvoraussetzung für eine positive Integration ist eine ausführliche Information der Nachbarn. Daran hält die Stadt fest, denn ein friedliches Miteinander ist Potsdams Beigeordneter für Soziales, Elona Müller-Preinesberger (parteilos), wichtig. Erst kürzlich ist es ihr gelungen, mithilfe privater Spender Sprachkurse für Flüchtlingskinder zu ermöglichen, die im kommenden Jahr reguläre Kindergärten und Grundschulen besuchen sollen.

Doch in Potsdam herrscht seit Jahren Wohnungsnot, bezahlbarer Wohnraum ist trotz reger Bautätigkeit kaum zu finden. Eine Erleichterung wäre die zeitweise Übernahme der zugeteilten Kontingente durch andere Landkreise, sofern dort mehr Wohnraum bezugsfertig ist. Aber die Chancen stehen schlecht im Land Brandenburg, denn auch das Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt platzt seit Monaten aus allen Nähten.

Wohnheim soll Unterkunft werden

Als Abhilfe soll deshalb zunächst eine neue Außenstelle westlich von Potsdam im Gewerbegebiet der Gemeinde Schwielowsee zwischen Ferch und Werder (Havel) im Landkreis Potsdam-Mittelmark eingerichtet werden. In das ehemalige Bundeswehrwohnheim könnten in einigen Monaten bis zu 300 Flüchtlinge einziehen, deren Asylverfahren noch nicht so weit fortgeschritten sind, dass sie einem bestimmten Landkreis zugewiesen werden können. Große Umbaumaßnahmen seien dort nicht nötig. Das Abwasserproblem sei durch eine Sammelgrube relativ leicht zu lösen, sagt Sigmar Wilhelm, Ortsvorsteher von Werders Ortsteil Glindow. Etwas erstaunt sei man aber doch über die mangelnde Informationspolitik des Innenministeriums gewesen, das erst sehr spät Stellung bezogen habe.

Der Einzug war bereits für Anfang Oktober geplant, stieß aber auf Bedenken seitens der Schwielowseer Bürgermeisterin Kerstin Hoppe und ihrer Amtskollegin aus dem angrenzenden Werder, Manuela Saß (beide CDU). Inzwischen ist der Pachtvertrag unterzeichnet, die Umbauarbeiten haben begonnen. Mitte November sollen die ersten 40 Flüchtlinge einziehen. Die Anwohner werden offiziell am Freitagabend informiert.