Gericht

Der Mörder kam mit zwei Rosen

Im Prozess um die erstochene Alyssa, 14, belasten ein Freund und die Mutter den Angeklagten

Willi hat Alyssa geliebt. Er ist gerade 15 geworden. Ein großer Junge mit einem weichem Gesicht. Die Frage nach seinem Verhältnis zur ehemaligen Mitschülerin ist ihm spürbar unangenehm. „Ich hatte für sie Gefühle“, sagt er vor der Jugendkammer in Cottbus. Aber als er ein zweites Mal gefragt wird, antwortet er mit fester Stimme: „Ich war in sie verliebt.“

Der 20-jährige Maurice M., der sich in diesem Prozess wegen Mordes verantworten muss, glaubte auch, die sechs Jahre jüngere Alyssa geliebt zu haben. Er hatte dem Mädchen mehrfach gedroht, sich umzubringen, wenn sie die Beziehung zu ihm beende. Aber er hatte dann doch anders entschieden und nach der Trennung Alyssa getötet. Im November vergangenen Jahres, nur wenige Meter von Alyssas Elternhaus im brandenburgischen Eichwalde entfernt. Das gibt er vor Gericht so auch zu: Was in der Anklageschrift stehe sei richtig, heißt es in einer Erklärung, die sein Verteidiger vor der Jugendkammer in Cottbus am zweiten Prozesstag verliest. Er wisse, dass es dafür keine Entschuldigung gebe.

Schläge mit der Bierflasche

Willi H. ist der wichtigste Zeuge in diesem Mord-Prozess. Er kam am 18. November mit Alyssa von der Schule, wollte ihr „bei den Matheaufgaben helfen“. Als sie ein Wäldchen durchquerten, trat plötzlich Maurice M. hinter einem Baum hervor. Alyssa war erstaunt. Sie dachte, Maurice M. sei schon einen Tag zuvor zurück ins heimische Lohmar bei Köln gefahren. Sie hätten sich gestritten, erinnert sich Willi. Er habe sich abseits aufgehalten, „50 bis 60 Meter entfernt“, wollte nicht indiskret sein. Die beiden debattierten fast eine Stunde lang, mal laut, mal leise. Willi hörte nicht, worum es ging. Und dann sah er, wie sich Alyssa wegdrehte und gehen wollte. Und wie Maurice M. dem Mädchen eine Bierflasche, die er schon die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, auf den Hinterkopf schlug. Einmal – sie versuchte zu fliehen. Dann noch einmal – sie kam ins Straucheln. Und ein drittes Mal – da stürzte sie. Willi sagt, er sei schon beim ersten Schlag sofort losgerannt, hin zu dem Mädchen. Und bei diesem Herablaufen habe er gesehen, wie Maurice M. das Mädchen am Haar zu einem Rucksack zerrte, ein großes Küchenmesser aus dem Rucksack nahm und auf sie einstach. Er habe versucht, Maurice M. in den Arm zu fallen, sei dann selber an der Hand verletzt worden, sagt Willi. Danach habe er wie erstarrt gestanden und sei schließlich losgerannt, um Hilfe zu holen. Ob er Angst gehabt habe, dass er noch mehr verletzt werden könnte, wird Willi gefragt. Er nickt.

Alyssas Mutter hielt sich zu dieser Zeit im Haus auf. Sie erinnere sich noch, dass die Sirene eines Polizeiwagens und das Knattern eines Hubschraubers gehört habe, sagt Jeanette B. vor Gericht. „Ich habe noch gedacht, Gott sei Dank kommen die nicht zu mir.“ Sie beginnt heftig zu weinen und fügt leise hinzu: „Aber dann sind sie doch zu mir gekommen.“

Jeanette B. ist Heilpraktikerin. Seit dem Tod der Tochter hat sie nicht mehr in ihrem Beruf gearbeitet. „Dass ich ganz dicht an die Menschen rangehe, das geht jetzt nicht mehr“, sagt sie. Und dass sie schon bei der ersten Begegnung mit Maurice M. kein gutes Gefühl gehabt habe. „Er war freundlich, fast zu sehr, auch höflich – aber er konnte mir nicht in die Augen schauen.“ Sie hatte erst später erfahren, dass Alyssa ihren späteren Mörder im Internet über eine Chat-Plattform kennenlernte. Durch das gemeinsame Interesse für Manga, japanische Comics. Die Tochter habe den neuen Freund sogar in Lohmar besuchen wollen. „Das haben wir aber verboten“, sagt Jeanette B. Sie und ihr Mann hätten jedoch zugestimmt, dass Maurice M. nach Eichwalde kommen dürfe. „Wir dachten, immer noch besser, als wenn sie ihn heimlich trifft.“

Die Warnung der Mutter

Zum ersten Mal kam Maurice M. im Oktober. Er hatte zwei Rosen dabei. Eine für die Mutter, eine für die Tochter. Er bekam sein eigenes Zimmer. Alyssa hatte ihrer Mutter gesagt, dass sie sich den ersten Sex für „den Richtigen“ aufhebe. Und Maurice M. sei das nicht. Jeanette B. weiß noch, dass sie damals zur Tochter sagte: „Mensch, Engelchen, der hat doch Probleme.“ Worauf Alyssa geantwortet habe: „Ja Mama, ich weiß, aber vertrau mir doch!“

Im November kam Maurice M. ein zweites Mal. Er fuhr mit dem Mädchen in ein Einkaufscenter. Abends, sagt Jeanette B., sei die Tochter bedrückt gewesen. Und als sie fragte warum, sei Alyssa weinend zusammengebrochen. Sie wolle unbedingt die Beziehung beenden, wisse aber nicht wie. „Ich habe habe ihr gesagt, dass sie ihm das schreiben könne, wenn er wieder zuhause sei“, sagt Jeanette B. „Aber Alice wollte es ihm persönlich sagen, und wir, mein Mann und ich, sollten dabei sein.“ Kurz darauf kam es zu einer Aussprache in der Küche. Und Alyssa habe sich dann versucht, frei zu reden: dass sie seine dauernden Liebesbekundungen nicht ertragen könne, dass ihr das alles zu eng werde, dass er Hilfe brauche. „Aber ich kann das nicht, ich bin doch erst 14!“ Maurice M. habe zu weinen begonnen und gedroht, dass er sich umbringen werde. „Das hat mich besonders wütend gemacht“, sagt Jeanette B. Suizid ist ein besonders schmerzhaftes Wort in ihrer Familie. Ihr ältester Sohn hat sich mit 20 das Leben genommen. Deswegen habe sie anfangs auch gedacht, dass sich da vielleicht aus besonderen Gründen zwei gefunden haben: „Er hat keine Geschwister und sucht eine kleine Schwester. Und sie sieht in ihn vielleicht den großen Bruder.“

Am nächsten Morgen brachte Jeanette B. den ungebetenen Gast mit dem Auto nach Berlin zum Busbahnhof am Messedamm. Die Familie ging davon aus, dass er zurück nach Lohmar fährt. Aber er stieg nicht in den Bus. Er übernachtete in einem Hotel, fuhr am nächsten Morgen zurück nach Eichwalde und lauerte hinter einem Baum auf Alyssa.