Wahlen

Schüchtern bis aufgetaut

Die heiße Phase im Wahlkampf beginnt. Für Ministerpräsident Woidke heißt das: lächeln, zuhören, Schulterklopfen

Es gibt den kleinen Moment, ehe der brandenburgische Regierungschef in die Menge eintaucht und nach vorn auf die Bühne geht. Es ist der Moment, in dem Dietmar Woidke mit der Aufregung kämpft. Fast schüchtern steht er da mit seinen 196 Zentimetern, und streichelt mit seiner linken Hand mehrmals über den Ehering am rechten Ringfinger. Dann wird er begrüßt, und mit dem Applaus, der mit der Ansage einsetzt, richtet sich Dietmar Woidke noch ein Stück weiter auf. Nun ist er „ganz da“: Als Spitzenkandidat der SPD in seinem ersten Landtagswahlkampf. Der 52-Jährige führt ihn so, wie ihn sein erfolgreicher Vorgänger Matthias Platzeck im ländlichen Brandenburg geführt hat: bodenständig und auf Tuchfühlung.

An diesem Abend steht Dietmar Woidke in dunkler Hose und gestärktem weißem Hemd in Glindow (Potsdam-Mittelmark) beim „Strohballen-Fest“ vor etwa 350 Menschen. Der wichtigste Wahlkämpfer der märkischen SPD beginnt seine Rede mit dem für die Brandenburger wohl wichtigsten Thema: Arbeit. In den vergangenen zehn Jahren habe sich die Arbeitslosigkeit in Brandenburg halbiert. „Mit neun Prozent landesweit ist sie aber immer noch zu hoch“, sagt Woidke. „Wir müssen vor allem weiter darum kämpfen, dass Arbeit gut bezahlt wird.“

Dann kommt er schon zur Bildung. „Wir werden in der nächsten Wahlperiode 4000 neue Lehrer einstellen“, verspricht Woidke. Auch die Qualität der Betreuung in den Kitas müsse sich verbessern – durch 1000 zusätzliche Erzieher. Die seit 1990 ununterbrochen führende SPD in Brandenburg wusste schon immer, die strittigen Themen vor der Wahl „abzuräumen“.

Er regiert geräuschlos

Unter Applaus kritisiert der SPD-Spitzenkandidat, dass „eine Glindowerin weniger Mütterrente erhält als eine Mutter in Koblenz“. Und ehe er den Präsidenten des Fußballvereins Eintracht Glindow, Richard Bobka für sein ehrenamtliches Engagement die Auszeichnung „Brandenburg im Herzen“ verleiht, zitiert er die verstorbene Sozialministerin Regine Hildebrandt: „Kinder, der wahre Sinn des Lebens liegt im Miteinander.“ Die einst so populäre SPD-Politikerin ist inzwischen zur Mutter aller Wahlkämpfe in Brandenburg avanciert. Auch Woidkes Vorgänger griff vor allem in Wahlkampfzeiten gerne auf ihre Sprüche zurück.

Vor gut einem Jahr hat Dietmar Woidke, der Mann aus der Lausitz, Matthias Platzeck nach dessen Rückzug aus gesundheitlichen Gründen an der Spitze des Landes abgelöst. Die Brandenburger dürften von dem Wechsel nicht viel mitbekommen haben. Woidke regiert mit seiner rot-roten Regierung relativ geräuschlos, wirkliche Aufregerthemen landesweit gibt es nicht. Das Dauerdilemma um den BER und den befürchteten Fluglärm interessiert die Prignitzer und Uckermärker recht wenig, die Demonstrationen gegen die Ausweitung des Braunkohletagebaus in der Lausitz hingegen beeinflussen die Wähler im Speckgürtel um Berlin vermutlich kaum. Das Land steht wirtschaftlich so gut da wie noch nie. Das Einzige, was die Märker derzeit aufrüttelt, ist die Außenpolitik. SPD-Bundesprominenz wird in diesem Wahlkampf deshalb nur spärlich eingesetzt. „Ich will, dass Brandenburg so bleibt, wie es ist“, sagt Woidke auch an diesem Abend in Glindow. Und er bittet: „Sorgen Sie am 14. September mit ihrer Stimme dafür, dass Brandenburg in guten Händen bleibt.“

Damit auch ja nichts schiefgeht, hat Platzecks altes Wahlkampfteam dem „Neuen“ das bewährte Konzept verpasst: „Mensch Woidke, Verantwortung für Brandenburg“ steht auf einer Broschüre. Er ist „mit ganzem Herzen unterwegs für Brandenburg“. Das bedeutet: lächeln, zuhören, Schulterklopfen. Reicht es nicht, dass Platzeck schon halb Brandenburg umarmt hat? „Ich bin keine Kopie Platzecks“, sagt Woidke. „Ich habe weder die Zeit noch die Kraft, mich zu verstellen“.

In offiziellen Situationen wirkt er noch weitaus spröder als der herzliche Platzeck. Im Wahlkampf taut er aber auf. Auch an diesem Abend in Glindow kommt Woidke mit den Besuchern an den Biertischen leicht ins Gespräch.

Nach der jüngsten Umfrage liegt die SPD drei Wochen vor der Landtagswahl mit 34 Prozent klar vorne. Die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Michael Schierack belegt mit 23 Prozent mit deutlichem Abstand Platz zwei. Die derzeit mitregierende Linke kommt auf 22 Prozent. Ein Wohlfühlwahlkampf, wie Brandenburg ihn derzeit erlebt, birgt aber auch seine Gefahren: Die Wähler könnten beschließen, zu Hause zu bleiben.