Prozessauftakt

Tödliche Internet-Bekanntschaft

Von Montag an steht ein 20-Jähriger wegen Mordes an einer 14-jährigen Schülerin vor Gericht

Alyssa B. ahnte nicht die Gefahr. Im Internet hatte das 14-jährige Mädchen einen älteren Mann kennengelernt. Er sollte der Mörder der Schülerin aus dem brandenburgischen Eichwalde (Dahme-Spreewald) werden.

Der 20-Jährige steht nun ab Montag wegen Mordes vor dem Landgericht Cottbus. Maurice M. soll sich zur Tat bislang nicht geäußert haben. Die Beweislage indes scheint sicher. Ein Schulfreund war am 18. November dabei, als Maurice M. das Mädchen attackierte. Der Angeklagte soll der Schülerin in einem Wäldchen aufgelauert haben. Nur wenige Hundert Meter vom Wohnhaus der Jugendlichen entfernt.

Alyssas Mutter soll dagegen gewesen sein, dass die Tochter im Internet mit wildfremden Menschen kommunizierte. Die Mutter soll auch dafür gesorgt haben, dass das Profil der Tochter und der Zugang zu den Netzwerken gesperrt wurden. Geholfen hatte das am Ende nicht. Die Tochter machte heimlich weiter, lernte den sechs Jahre älteren Mann aus Lohmar (Nordrhein-Westfalen) kennen. Es kam zu Treffen. Zunächst freiwillig, später, aus Sicht des Opfers, unfreiwillig. Die letzte Begegnung gab es am 18. November vergangenen Jahres. Es war der Tag, an dem Maurice M. das Mädchen tötete.

Ein Schulfreund wollte helfen

Den Ermittlungen zufolge gab es einen Streit. Maurice M. soll Alyssa B. erregt mit einer Flasche auf den Kopf geschlagen und anschließend mit einem Messer immer wieder auf sie eingestochen haben. Die Jugendliche starb an ihren Verletzungen. Ein Schulfreund versuchte noch, dazwischen zu gehen und Alyssa B. zu helfen. Doch der 15-Jährige hatte keine Chance, wurde ebenfalls von dem offenbar völlig außer sich geratenen Maurice M. angegriffen und an der Hand verletzt.

Nach der Tat plante Maurice M., sich vor einen Zug zu legen, um sich das Leben zu nehmen. Ein Spaziergänger fand die Leiche des Mädchen und sah den jungen Mann, der auffällig blutige Hände hatte, in Richtung Bahnhof laufen. Der Zeuge alarmierte die Polizei. Wenig später fanden die Beamten Maurice M. auf den Gleisanlagen. In der Tasche, heißt es, fanden die Beamten einen Abschiedsbrief. Auch bei seinen Eltern in Lohmar soll er einen Abschiedsbrief hinterlassen haben: „Wenn ihr das lest, bin ich schon tot …“ Diese Briefe und das Messer, das Maurice M. am Tattag bei sich trug, sprechen sehr für eine geplante Tat. Seit seiner Festnahme sitzt er in Wriezen (Märkisch-Oderland) in Untersuchungshaft.

Rückblickend scheint es völlig verschiedene Vorstellungen bei Alyssa B. und Maurice M. über diese im Internet begonnene Beziehung gegeben zu haben. Vielleicht fühlte sich die 14-Jährige, die sich im Internet zwei Jahre älter machte, anfangs noch geschmeichelt, dass sich ein erwachsener Mann für sie interessierte. Aber es war dann vielleicht doch nicht ganz zufällig – ein psychiatrischer Gutachter wird dem Gericht in Cottbus darüber einiges erzählen können –, dass sich Maurice M. ausgerechnet für ein so junges Mädchen interessierte. Und dass er gleichaltrige Frauen wohl eher zu meiden schien.

Maurice M., heißt es, war ein Einzelgänger. Ein etwas schwerfälliger Mensch, der die Hauptschule nach der 8. Klasse verlassen haben soll. Er sei im heimischen Lohmar auch nicht gerade der Schwarm der Mädchen gewesen. Im Internet nannte er sich „Ryuu“, wie ein japanischer Manga-Comic-Held. Auch Alyssa B. soll sich für japanische Manga-Comics interessiert haben. Und über ein Fan-Forum kam es dann zur ersten virtuellen Begegnung. Das Foto von Alyssa B. zeigte ein Mädchen mit einem schmalen, ausdrucksvollen Gesicht und langem, schwarzem Haar. Ein Mädchen, das sich falsche Wimpern anklebte, den Pony wie ein Manga-Mädchen frisierte und sich wie ein Manga-Mädchen schminkte. Ein Mädchen, von dem Maurice M. vermutlich immer geträumt hatte und das er nun, so schien es, haben konnte.

Vermutlich wurde diese Beziehung zu der Schülerin, die er liebvoll Alice nannte, für ihn zu einer regelrechten Obsession. Im Internet wurden nach der Tat Briefe gefunden: „Schatz, du bist tausendmal schöner als die Mona Lisa. Ich liebe dich über alles und für immer“, schreibt er Alyssa B. Am 28. Oktober 2013 schrieb er nach einem ihrer wenigen Treffen: „Ein wundervolles Wochenende mit Schatz verbracht, das tollste, das ich je hatte. Jede Sekunde war so wundervoll. Ich freue mich sehr auf Freitag, dann bin ich wieder bei Alice.“ Maurice M. soll auch schon von einer späteren Hochzeit und von gemeinsamen Kindern gesprochen haben.

Alyssa B. indes schien mit dieser Beziehung überfordert und nach einiger Zeit von Maurice M. auch gelangweilt zu sein. Eine Schulfreundin sagte der Berliner Morgenpost: „Die beiden waren kein Paar, und sie hätten auch gar nicht zusammengepasst. Maurice hatte nicht den Intellekt wie Alyssa. Und wahrscheinlich hat er das auch gespürt“, so die 16-Jährige. „Alyssa lernte autodidaktisch die japanische Sprache. Sie träumte davon, dieses Land einmal zu bereisen, vielleicht sogar dort zu studieren.“ Das passe nicht zu einem erfolglosen Hauptschüler, so die 16-Jährige. „Sie hat mir auch erzählt, dass sie Maurice lediglich als eine Internet-Bekanntschaft ansah, für die sie eigentlich nur Mitleid empfand.“

Eltern sind Nebenkläger

Es spricht vieles dafür, dass Alyssa B. ihr schwindendes Interesse in Briefen an Maurice M. deutlich machte. Und dass dieser sich mit einer Trennung nicht abfinden wollte. Kurz vor der Tat soll er sich noch bei der Mutter von Alyssa B. vorgestellt und von seinen späteren Heiratsplänen berichtet haben. Und er soll, was kaum verwundern kann, auf wenig Gegenliebe gestoßen sein.

Alyssa B.s Eltern haben zwei Jahre vor dem Tod der Tochter schon auf tragische Art einen Sohn verloren. Er hat sich das Leben genommen. Sie sind jetzt Nebenkläger in dem anstehenden Prozess vor der Jugendkammer des Landgerichts. Am Montag sollen sie auch als Zeugen gehört werden. Ebenso der Schulfreund, der den Mord gesehen hat.

Für den Prozess sind bislang sechs Verhandlungstage angesetzt.