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Praxis im Niemandsland

Am BER haben sich schon viele Firmen angesiedelt. Sie warten in der Abgeschiedenheit verzweifelt auf Kunden

– Die Patienten von Constanze und Hans-Joachim Schönberg müssen sich keine Gedanken darüber machen, wo sie am besten parken. Auf dem großen Kurzzeit-Parkplatz ist fast alles leer, auch das Parkhaus direkt gegenüber der Zahnarztpraxis bietet jede Menge Platz. Und es kostet nichts. „Wer kann seinen Patienten schon eine eigene Autobahnausfahrt bieten“, sagt der Zahnarzt. „Und eine immer freie Zufahrtsstraße.“

Vor gut einem Jahr haben die Schönbergs ihre Praxis am künftigen Hauptstadtflughafen BER eröffnet – obwohl sie da längst wussten, dass der neue Airport erst einmal nicht in Betrieb geht. Viel anderes blieb ihnen nicht übrig. „Wir hatten schon rund 600.000 Euro in die Geräte und den Umbau investiert“, sagt Hans-Joachim Schönberg. „Und wollten diesen tollen Standort nicht aufgeben.“

Was waren sie glücklich, als sie Anfang 2012 den Mietvertrag angeboten bekommen hatten. „Nachdem wir uns Ende 2011 um die Räume beworben haben, erhielten wir erst einmal eine Absage“, erzählt der gebürtige Berliner. „Doch der Kollege, der auf der Liste vor uns war, zog seine Bewerbung zurück.“ Sie ergriffen ihre Chance. „Ein solcher Standort für eine Zahnarztpraxis ist einmalig. Die Menschen gehen entweder an ihrem Wohnort zum Zahnarzt oder dort, wo sie arbeiten“, sagt Schönberg. Mindestens 25.000 Menschen sollen einmal am Flughafen arbeiten. Eine ganze Kleinstadt mit vielen potenziellen Patienten.

Es läuft besser als erwartet

Als das Zahnarzt-Ehepaar den Vertrag für die 280 Quadratmeter unterschrieb, hatte es noch befürchtet, mit der Einrichtung der Praxis nicht rechtzeitig fertig zu werden. Am 3. Juni 2012 sollten die Flieger erstmals vom BER starten. Die Angst war unbegründet. Denn etwa vier Wochen vor der geplanten Eröffnung des Hauptstadtflughafens erfuhren die Schönbergs, dass daraus nichts wird. „Als uns das mitgeteilt wurde, waren wir zuerst sogar ein bisschen erleichtert“, erinnert sich Schönberg. „Die Rede war von einigen Wochen Verzögerung.“

Die Praxis liegt nur wenige Schritte vom Terminal entfernt, im ersten Stock eines modernen Bürokomplexes. Von den vier Behandlungszimmern sind vorerst nur zwei in Betrieb, dazu der Operationssaal und das 3-D-Röntgengerät. Außerdem werden die beiden Aufwachräume nach Eingriffen unter Narkose schon genutzt. „Viele hielten uns für bekloppt, dass wir hier quasi auf einer Baustelle unsere Praxis eröffnet haben“, sagt der 51-Jährige. „Es läuft besser als erwartet.“ Zehn bis zwölf Patienten fänden am Tag den Weg zu ihnen. „Ein Arzt ist gut beschäftigt“, sagt Schönberg. Meist sind seine Frau und er hier draußen, manchmal auch Kollegen aus den beiden anderen Praxen in Köpenick und im Ahrensfelder Ortsteil Eiche, die beide noch betreiben. Nur so klappt das mit dem derzeitigen Abenteuer.

Die Zeit, in der sich auch Bauarbeiter behandeln ließen, ist vorbei. Der BER ist schon lange keine Baustelle mehr. Noch immer ist die Brandschutzanlage das zentrale Problem am Pannen-Flughafen. So liegen auf dem Zahnarztstuhl bei den Schönfelds mittlerweile vor allem Techniker und Ingenieure, die derzeit auf dem Flughafengelände zu tun haben. Oder Mitarbeiter der Airlines und der Flughafengesellschaft, die wie der Zahnarzt bereits in das Bürogebäude am Willy-Brandt-Platz eingezogen sind. „Insgesamt dürften schon um die 400 Leute im Haus arbeiten“, schätzt Schönberg. Das Gebäude ist zu 100 Prozent vermietet, doch viele Räume werden nicht genutzt.

Der Immobilien-Projektentwickler Fay hatte das „Berlin Brandenburg Airport Center BBAC“ für 52 Millionen Euro errichtet. „Wir haben das Gebäude im April 2012 rechtzeitig zur geplanten Flughafeneröffnung im Juni 2013 fertiggestellt“, sagt der Chef der Fay-Projects GmbH, Wolfgang Heid. Wegen des ausbleibenden BER-Starts habe das Objekt erst zum 1. Mai 2014 an den Endinvestor übergeben werden können. Der Investor ist der HCI Fonds Airport. „Vor dem Hintergrund der Verschiebung des Flughafen-Eröffnungstermins haben sich unsere ursprünglichen Erwartungen nicht erfüllt“, sagt Fay-Chef Heid. „Gleichwohl sind der Standort und die Entwicklungsmöglichkeiten nach wie vor sehr interessant. So beschäftigen wir uns derzeit mit einem weiteren Projekt am BER.“

Meist ist der Willy-Brandt-Platz wie leergefegt. Los ist nur etwas, wenn sich der Aufsichtsrat der Flughafen-Gesellschaft im BBAC trifft. Dann rücken Kamerateams und Journalisten an. Meist wird es Abend, ehe Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Wowereit (SPD) und Flughafenchef Hartmut Mehdorn über die neuesten Beschlüsse informieren. Immer wieder geht es um Geld, das für den „Weiterbau“ des BER gebraucht wird. Wenigstens gibt es die Tankstelle. Sie hat schon mehr als zwei Jahre geöffnet.

Hoffnung auf den Boom

„Wir haben uns das anders vorgestellt“, sagt Burkhard Reuss, Sprecher von „Total Deutschland“. Das Unternehmen habe aus der Zeitung erfahren, dass der Flughafen-Eröffnungstermin im Juni 2012 platze. Da sei die Tankstelle bereits fertig und das Personal eingestellt gewesen. Derzeit arbeiten dort 20 Mitarbeiter, teilweise in Teilzeit. In der Umgebung gilt die Tankstelle allerdings als Geheimtipp. Hier gibt es keine Warteschlangen an den Zapfsäulen oder beim Waschen. Marco Struebig aus Schönefeld kommt mit seinem A4 einmal die Woche her. „Hier hat man seine Ruhe“, sagt der 31-Jährige.

Aber auch für den Tankstellenbetreiber gilt: Durchhalten bis zur Eröffnung, wann immer die auch sein wird. Mit der Hoffnung, dass das Geschäft dann boomt. Das Zahnarztehepaar Schönberg hat einen Zehn-Jahres-Vertrag abgeschlossen. Allerdings mit Rücktrittsrecht – falls der Flughafen gar nicht eröffnen sollte.