Modellbau

Stein auf Stein auf Stein

Der Brandenburger René Hoffmeister arbeitet als einziger Lego-zertifizierter Modellbauer Deutschlands

Als Kind war René Hoffmeister der Rittertyp. Bei Lego, das war wie beim Karneval, war man entweder Ritter oder Cowboy, vielleicht noch irgendwas mit Weltraum. Als Junge war das eine Gewissensfrage, so wie später, wenn es dann hieß: Popper oder Punk, BMXler oder Skateboarder. Aber als René Hoffmeister in die Phase kam, wo man sich dann für die Subkultur und den Style entscheiden musste und nicht mehr für das Spielzeug, da hat er fast alles aus seinem Kinderzimmer verkauft, außer den Legosteinen. Heute ist er Chef von sechs Angestellten und Deutschlands einziger von der Firma selbst zertifizierter Legomodellbauer.

In Niemegk (Potsdam-Mittelmark), eine Stunde südwestlich von Berlin, hat er den alten Bahnhof gekauft. Man muss nur noch an der Straße des Fortschritts vorbei – die heißt wirklich so – und dann ist es auf der linken Seite. Der letzte Sonderzug fuhr 2004. „Reinhard, kannst du mal bitte die Post entgegennehmen“, sagt René Hoffmeister im Inneren des Bahnhofs. Innen ist es weiß. Und während Reinhard, eigentlich Maurermeister, die Post annimmt – „Morgen! Danke, schön. Bis bald“ –, baut Marion an den Platten, der Grundlage für die meisten der in Auftrag gegebenen Legomodelle, und Pascal baut für eine Firma eine Schraubenwaschanlage.

Start mit einem Legosteinhandel

Legomodellbauer, dafür benötigt man keine Ausbildung, beziehungsweise es gibt keine. Marion ist zum Beispiel gelernte Krankenschwester. Pascal war Erzieher. Ihr Chef war mal für Informatik und BWL eingeschrieben. Eine Vorlesung hat er nie besucht.

1999 gründete René Hoffmeister seinen Legosteinhandel „1000 Steine“. Er steht in seinem Bahnhof, als er zu erzählen beginnt. Auf Tischen sind große Stadtmodelle aus Lego gebaut, der Tower eines Flughafens, ein Wikingerschiff, eine Freiheitsstatue und der Magdeburger Dom. Alles ganz akkurat und detailgetreu. Jede Farbe, jeder Stein, alles sitzt perfekt.

„Ich hab also angefangen, mit Steinen zu handeln. Es gab keinen Legostore, kein Legoland.“ Das erste Legoland Deutschlands gab es drei Jahre lang, von 1973 bis 1976 in Sierksdorf, Schleswig-Holstein. Und das in Günzburg, in Bayern, wurde im Mai 2002 eröffnet. René Hoffmeister ist also in Spielzeugläden gegangen, hat sich zehn Bausets auf einmal gekauft und die Einzelteile dann über das Internet verkauft. „Der eine wollte nur Bäume, der andere nur rote Platten.“ Im Internetforum „1000 Steine“ lernte er zum Beispiel Marion kennen, die heute für ihn arbeitet. Pascal wiederum hatte schon im Legoland Discovery Center als Modellbauer gearbeitet, ehe er zu Hoffmeister kam. In Deutschland gibt es etwa 20.000 Erwachsene, schätzt der 38 Jahre alte Brandenburger, die im größeren Stil Legomodelle bauen. Ohne Anleitung. Ohne Set. Die Firma Lego wurde durch ihren Steinhandel auf ihn aufmerksam. Häufig bekommt Lego Anfragen, ob sie für Unternehmen oder Privatkunden Modelle bauen könnten. Und dann begannen sie, auf René Hoffmeister zu verweisen. Ursprünglich baute sein Team in der Garage seiner Eltern. So, wie alle angefangen haben. Apple. Microsoft. Start-ups, Visionäre.

Lego ist durch seine Zeitlosigkeit und die unbegrenzte Kombinationsmöglichkeit einzelner Bestandteile nie ein reines Kinderspielzeug gewesen. In den 60er-Jahren stellte Lego eine eigens genormte Serie für Architekten her. Es gab noch keine CAD-Programme, mit denen diese dreidimensionale Modelle am Computer erstellen konnten. Es gab auch noch keine richtigen Computer. Und so benutzten Architekten Lego, um Bauherren von ihren Ideen zu überzeugen. Im Spiel lernt das Kind, die Welt zu verstehen. Lego zerlegt die Welt in seinen kleinsten greifbaren Teil – den Stein. Der Stein ist das Atom der Kindheit. Am Legostein versteht das Kind; wenn es will und sich anstrengt, kann es Polizeiautos bauen, Kathedralen und sogar die sieben Weltwunder.

Lego hat längst auch Einzug in die Kunst gehalten. Der polnische Künstler Zbigniew Libera wollte zur Venedig-Biennale 1997 ein Konzentrationslager aus Lego einreichen. Die Veranstalter lehnten aus Furcht vor Protesten ab. Das Jewish Museum aus New York kaufte das Werk schließlich. Die Briten John Cake und Darren Neave, die unter dem Namen „The Little Artists“ auftreten, übersetzten bekannte Kunstwerke in die Legowelt. So kann man Damien Hirsts Hai aus Lego kaufen. Oder die berühmte „My Bed“-Arbeit von Tracey Emin.

Kunst aber, sagt Hoffmeister, machen er und sein Team nicht. 25 große Projekte realisieren sie jedes Jahr. Der Preis fängt bei 5000 Euro pro Platte an. Sie hat eine Grundfläche von 50 mal 40 Zentimetern. 5000 Euro klingt erst mal viel. Pascal aber ist zum Beispiel schon vier Wochen mit seiner Schraubenwaschmaschine beschäftigt. Sie soll auf Messen die Maschine des Auftraggebers im kleinen Maßstab veranschaulichen, tatsächlich auch genau so funktionieren. Schmutzige Schrauben fallen in einen Behälter. Der wird mit einem Kran in die erste Waschtrommel gelenkt, abgelassen. Die Trommel schließt sich. Die erste Waschung. Der Kran kommt wieder, hakt den Behälter erneut ein, in die nächste Trommel. Gewaschen werden die Legoschrauben zwar nicht, aber ansonsten funktioniert alles so wie bei der echten Maschine. Inzwischen kann man mit Lego Mindstorms auch Motoren programmieren.

Rauschmittel als Klebstoff

René Hoffmeisters Firma benutzt dabei keine Hilfsmittel. Nichts wird gesägt. Es werden nur Originalteile verwendet. Einzig und allein für die Statik wird geklebt, und zwar mit dem Lösungsmittel GBL. GBL heißt eigentlich y-Butyrolacton und taugt auch als Rauschmittel. Man kann daraus Liquid Ecstasy herstellen. In zu hohen Dosen kann es aber auch tödlich wirken. Im Gegensatz zu Liquid Ecstasy ist GBL aber völlig legal. Der Kauf von größeren Mengen wird allerdings gemeldet. Und so stand einmal der Zoll im alten Bahnhof in Niemegk zwischen all den Legos.

„Das GBL ist der Grund, warum wir so gut drauf sind“, scherzt René Hoffmeister. Aber das ist natürlich nur ein Gag. In Wahrheit sind sie einfach glücklich, weil sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben und damit erfolgreich sind. Für die Premiere von einem „Star Wars“-Film haben sie eine Orgel aus Legosteinen hergestellt, auf der kleine Ewoks gespielt haben. Bis nach Amerika wurde die verschickt. Managern gibt René Hoffmann Kurse, bei denen er anhand des Legomodellbaus Teamwork-Skills vermittelt. Und kommende Woche stellt das Team von René Hoffmeister in Magdeburg aus. Aber bis dahin ist noch viel zu tun. Und so bauen sie weiter. Stein auf Stein auf Stein.