Prozess

„Es war für das Kind sicher qualvoll“

Kathleen B. tötete ihr Neugeborenes. Das Landgericht verurteilt sie zu vier Jahren Haft

- Kathleen B. trägt im Gerichtssaal trotz der sommerliche Hitze eine Strickjacke aus Wolle. Es scheint, als friere sie. Wenig später wird Richter Frank Tiemann das Urteil des Potsdamer Schwurgerichts verkünden: Vier Jahre Gefängnis für Kathleen B., die am 19. Oktober vergangenen Jahres ihr Neugeborenes tötete.

Es ist ein Verurteilung wegen Totschlags im minder schweren Fall. Auch Mord aus niedrigen Beweggründen wäre theoretisch in Frage gekommen, sagt der Richter bei der Urteilsbegründung. Aber bei der Angeklagten habe das „mit Blick auf ihre Täterpersönlichkeit“ ausgeschlossen werden können.

Wer ist diese Kathleen B., die später selber nicht mehr sagen kann, warum sie ihrem Baby nach der Geburt auf der Toilette ihres Wohnhauses Toilettenpapier in den kleinen Mund stopfte und ihm das Gesicht mit Packband verklebte? Tiemann beschreibt die 35-Jährige als „eine ängstliche, unsicher, zurückgezogene“ Frau, „unfähig die eigenen Interessen durchzusetzen oder gar zu artikulieren“. Eine „Eigenbrötlerin“, die „keine beste Freundin“ hat und außerhalb ihrer Partnerschaft mit dem zwei Jahre älteren Stephan Bo. „auch kein eigenes soziales Umfeld“. Eine Frau, so Tiemann, die Konflikte vermeiden wollte und die, wenn es brenzlich wurde, „die Dinge einfach laufen ließ“. Dazu passe dann auch die von ihr mit aller konsequent verheimlichte ungewollte Schwangerschaft. Der psychiatrische Sachverständige Matthias Lammer sprach in seinem Gutachten von einer „Persönlichkeitseigenheit“, die einer Persönlichkeitsstörung gleichzusetzen sei. Die Angeklagte sei jedoch nicht als vermindert schuldfähig einzuschätzen.

Auf 16 Quadratmetern gehaust

Ungünstig, so Richter Tiemann, seien aber auch die äußeren Umstände gewesen. Kathleen B. und Stephan Bo. hatten sich in einem Lebensmitteldiscounter kennengelernt. Sie ist gelernte Verkäuferin, arbeitete in der Warenannahme. Er kam oft als Paketzusteller. 2004 zog sie zu ihm. Stephan Bo. wohnte in Glindow (Potsdam-Mittelmark) bei seiner Mutter. Für ihn und die Freundin habe es nur „eine Art Schuppen“ gegeben, sagt Tiemann. 16 Quadratmeter, ein Raum mit Küche. Wenn sie auf die Toilette mussten oder sich waschen wollten, gab es nur den Weg ins angrenzende Haus von Stephan Bo.s Mutter. Es sei selbstverständlich gewesen, dass sie es betraten, sagt Tiemann, aber mit der gleichen Selbstverständlichkeit sei die Mutter auch unangemeldet zu ihnen in den Schuppen gekommen.

Der sollte zwar ausgebaut werden, aber das Geld war nicht üppig. Zusammen hatten sie knapp 2000 Euro netto. Das wurde noch weniger, nachdem Kathleen B. im Jahr 2005 in dem Netto-Markt fristlos gekündigt wurde. Sie war dabei erwischt worden, wie sie Zigaretten stahl.

Ein Jahr später wurde sie dann zum ersten Mal schwanger. Es war kein Wunschkind, aber das Paar freute sich doch. Mit dem kleinen Jungen wurden auch die Ausbaupläne realistischer. Kathleen B. sei diese Veränderung sehr wichtig gewesen, sagt Richter Tiemann. Sie habe, um ihren Lebensgefährten voranzutreiben, sogar eine angesparte Bausparsummer von 10.000 Euro erfunden und Unterlagen gefälscht. Als Stephan Bo. Baumaterialien kaufte und das Geld dafür von Kathleen B. haben wollte, flog der Schwindel auf – und Stephan Bo.s Mutter musste aushelfen. Anschließend ging es nur noch Stück für Stück voran. „Sie haben sechs Jahre wie auf einer Baustelle gelebt“, sagt Tiemann. „Und die Angeklagte hat das als sehr belastend empfunden.“

In der Zeit Februar/März 2013 merkte Kathleen B., dass sie erneut schwanger war. Sie verheimlichte es. Stephan Bo. und dessen Mutter fragten zwar mal halbherzig nach, weil Kathleen B. zunahm. Aber sie lachte jedesmal und erwiderte, sie sei nicht schwanger, sie nehme doch Verhütungsmittel. Diese Verheimlichen sei typisch für Kathleen B., sagt Tiemann. Sie habe die Schwangerschaft als Problem gesehen und sie einfach nur verdrängt.

Am 18. Oktober, es war ein Freitag, wurde Kathleen B. von ihrem Chef nach Hause geschickt. Sie arbeitete seit Februar 2013 in einem Callcenter. Es ging ihr sichtlich nicht gut an diesem Tag. Zu Hause, im Schuppen, war sie ganz allein. Der Sohn übernachtete bei einer Verwandten. Stephan Bo., Mitglied eines FC-Bayern-Fanclubs, war zu einem Spiel nach München gefahren. Am nächsten Morgen wurde Kathleen B. plötzlich übel. Sie ging auf die Toilette und gebar das Kind. Es gab Laute von sich. Kathleen B. geriet in Panik, befürchtete, dass Stephan Bo.s Mutter es hören könne. Und dann griff sie zu dem Toilettenpapier. Es sei kein schneller Tod gewesen, sagt Richter Tiemann. „Es war für das Kind sicher qualvoll“. Die Kammer gehe aber auch davon aus, dass die Angeklagte nicht lange vorher schon plante, das Kind sofort umzubringen. „Es war nicht Ausdruck krasser Selbstsucht“, die dann auch ein Mordmerk hätte sein können. „Sie hat sich in diesem Moment spontan dazu entschlossen. Sie war in einer psychischen Ausnahmesituation.“

Auch die Staatsanwaltschaft hatte die Tat nicht als Mord gesehen und sechs Jahres wegen Totschlags beantragt. Das Schwurgericht folgte jedoch Kathleen B.s Verteidiger Karsten Beckmann: Totschlag im minder schweren Fall. Die Voraussetzungen für Beckmanns Plädoyer auf eine Bewährungsstrafe sahen die Richter jedoch als nicht erfüllt. „Das hätte eine völlig falsche Signalwirkung“, sagte Tiemann. Und mit Blick zur Angeklagten: „Dafür, dass Sie einen Menschen getötet haben, ist eine Freiheitsstrafe von vier Jahren schon recht niedrig.“

Kathleen B. bleibt zunächst auf freiem Fuß. Der Haftbefehl gegen sie war schon Ende 2013 außer Vollzug gesetzt worden. Sie wohnt jetzt bei ihrer Mutter in Brandenburg an der Havel. Ihr inzwischen siebenjähriger Sohn lebt weiter in Glindow. Sie will um das Sorgerecht kämpfen. Aber jetzt kommt erst einmal die Zeit im Gefängnis.