Justiz

Das Doppelleben

Möglicher Kinderschänder gibt sich als Verfechter von Kinderrechten aus. Ihm werden 175 Fälle von sexuellem Missbrauch zur Last gelegt

Die Richard-Wagner-Straße liegt ein wenig abseits. Touristen kommen hier nicht vorbei, ehe sie vom Hafen in Lübbenau zu einer Kahnfahrt durch die Kanäle des Spreewalds aufbrechen. Gelb-weiß gestrichene Wohnblocks, alles sehr ordentlich und sauber. Viel Grün drumherum. Es ist ruhig hier, vor allem an diesem heißen Sonntag im Juli. Eine Frau führt ihren Pudel spazieren. Ein junges Pärchen lädt gerade seine Badesachen ins Auto. Ein älterer Mann schlendert mit einer Plastiktüte in der Hand auf den zweiten Aufgang des lang gezogenen Plattenbaus zu. Die Hitze macht träge. Doch die Ruhe täuscht: Vor zwei Tagen hat die Polizei einen 52-jährigen Mann aus der Richard-Wagner-Straße festgenommen, der mehrere Kinder und Jugendliche missbraucht haben soll. Die Menschen in der Siedlung sind in Aufruhr.

Am Freitag holten die Ermittler einen 14-jährigen, geistig behinderten Jungen aus der Wohnung des Taxifahrers im obersten Stock des fünfgeschossigen Wohnblocks. Es war Justin, den alle vier Wochen lang gesucht hatten. Der Ende Juni nicht zum Unterricht in der Förderschule erschienen war. Den die verzweifelten Eltern als vermisst meldeten. Dessen Foto die Polizei sogar bei Facebook einstellte.

„Die beiden kannten sich gut“

Angeblich war Justin freiwillig zu Thomas W. gegangen, der ihn dann sexuell missbraucht haben soll. Er sei auch freiwillig geblieben. Das sagte der Junge am Wochenende zumindest gegenüber der Polizei aus. „Die beiden kannten sich gut“, bestätigt Anwohner Thomas Gutsche Angaben der Cottbuser Staatsanwaltschaft. Denn Justin wie auch sein Zwillingsbruder hätten oft mit der Tochter des mutmaßlichen Täters unten auf der Wiese gespielt. Das 13-jährige Mädchen soll etwa seit einem Jahr beim Vater gelebt haben, erzählt Thomas Gutsche weiter. Noch am Donnerstag habe er das Mädchen nach dem vermissten Justin gefragt: „Was macht denn dein Kumpel?“ Daraufhin habe sie so etwas geantwortet wie: „Das wird schon.“

Niemals wäre Gutsche auf die Idee gekommen, dass der Junge in der Wohnung ihres Vaters oben versteckt war. „Ausgerechnet Justin“, sagt er. „Er ist ja geistig behindert und so arglos, ein ruhiger, netter Kerl.“ In der Siedlung vermuten sie, dass Thomas W. den Jungen eingeschüchtert hat, damit er den ganzen Tag in der Dreizimmerwohnung bleibt und nicht zu den Eltern zurückgeht. Sein Zuhause liegt nur wenige Blocks von dem Versteck entfernt. Er wolle auch jetzt vorerst nicht zurück, sagt die Polizei. Auf seinen Wunsch nahm ihn das Jugendamt in Obhut, nachdem Polizisten ihn in der Wohnung entdeckt hatten.

Mit Hubschrauber und Hunden hatte die Polizei nach dem als vermisst gemeldeten Jungen gesucht. Unter den Anwohnern heißt es, die ehemalige Schwiegermutter des mutmaßlichen Täters habe den Ermittlern den entscheidenden Tipp gegeben. Sie wohnt in derselben Straße und will nichts dazu sagen. Sie sagt nur: „Meine Enkelin ist jetzt in Sicherheit, bei ihrer Mutter.“ Sandra H., die frühere Ehefrau, war schon vor Jahren fortgezogen. Sie holte das Mädchen am Freitag aus Lübbenau ab, es wird nun bei ihr leben.

Gegen den Vater wurde am Sonnabend Haftbefehl erlassen. Er sitzt in Untersuchungshaft, wegen Fluchtgefahr. Den Taxifahrer beschreiben die Nachbarn als „schmal und unscheinbar“. Er habe stets freundlich gegrüßt, mehr auch nicht. Nur wenige wissen mehr über ihn: Als selbst ernannter Technik-Freak habe er vorgegeben, sich mit Autos auszukennen. Zudem habe er in seiner Wohnung modernste Computertechnik und vor allem: die neuesten Computerspiele. An der Wohnungstür unterm Dach hat er einen Bewegungsmelder installiert. Als Taxifahrer habe Thomas W. angeblich auch viele Schulkinder gefahren – berichten Anwohner.

Der Tatverdächtige Thomas W. hat offenbar seit Jahren ein Doppelleben geführt. Auf Facebook präsentiert er sich als Verfechter für mehr Rechte der Kinder. Am 6. Juni teilt er einen Link zu einem Kinderchor und schreibt: „Es soll ein Zeichen setzen gegen Missbrauch, Gewalt und Diskriminierung von Kindern sowie von behinderten Kindern, denn Kinder sind alle gleich und brauchen unsere Aufmerksamkeit, denn nur wenn Kinderaugen leuchten, sind sie glücklich.“

Doch tatsächlich soll W. Kinder und Jugendliche nicht geschützt, sondern sexuell missbraucht haben. Während der mehrwöchigen Suchaktion hatte die Polizei Bekannte von Justin vernommen. Und in diesen Gesprächen öffneten sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft fünf Opfer gegenüber den Ermittlern und gaben zu, dass sie in der Vergangenheit von Thomas W. belästigt wurden. Damit hatten die Ermittler eine heiße Spur, die sie schließlich direkt zum mutmaßlichen Täter führte.

Zuvor hatten sie drei Mal Thomas W. aufgesucht, ohne Durchsuchungsbefehl. Den Jungen entdeckten sie dabei nicht. „Bei den Besuchen von Polizisten hatte sich der vermisste 14-Jährige hinter einem Schrank versteckt“, sagt Oberstaatsanwältin Petra Hertwig. „Dies erzählte er jetzt.“ Als die Polizisten ihn schließlich am Freitag entdeckten, wirkte er körperlich unversehrt. Aufgrund seiner geistigen Behinderung könne er das Ausmaß des Missbrauchs aber nicht einschätzen. „Das Geschehen bei seinem Aufenthalt in der Wohnung kommt erst nach und nach ans Licht“, sagte Hertwig.

Fälle liegen 20 Jahre zurück

„Bislang haben die Ermittlungen ergeben, dass es sich um 100 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und 75 Mal um ein sexuelles Vergehen an Jugendlichen handelt“, sagte die Oberstaatsanwältin. Daher geht es um 175 Fälle des sexuellen Missbrauchs junger Menschen, die Thomas W. zur Last gelegt werden. Manche Fälle liegen 20 Jahre zurück.

Die Ermittler befragten in den vergangenen Wochen mehrere Zeugen, beobachteten das Wohnumfeld des Opfers und des möglichen Täters. Dabei seien auch Telefone abgehört worden. Zudem setzten die Fahnder speziell ausgebildete Polizeihunde ein. Ermittelt wurde auch im Nachbarland Sachsen. Man stehe noch am Anfang der Aufklärung, sagte die Oberstaatsanwältin. Der 52-Jährige war bislang nicht als Sexualstraftäter auffällig. Er hat keine Verurteilungen und Vorstrafen.