Braunkohle

Recht auf Heimat, aber auch ein Recht auf Arbeit

In einem Dorf in der Lausitz prallen Bauern und Braunkohle-Befürworter aufeinander. Ein absurdes Beispiel der Energiewende

Das sorbische Dorf Proschim, 360 Einwohner, etwa eine Autostunde südlich von Cottbus, nicht weit von der polnischen Grenze, ist eines dieser üblichen „Käffer“ mitten in der Lausitz, wie der Großstädter sagen würde. Der Bürgermeister heißt hier Ortsvorsteher, und ein Wechsel in dem Amt ist eigentlich keine große Sache. Als sich am vergangenen Mittwoch jedoch Gebhard Schulz hinter den Schreibtisch im Gemeindebüro setzte, war das mehr als eine kommunalpolitische Lappalie. Denn mit Schulz sitzt ein Ortsvorsteher in der Amtsstube, der findet, dass es Proschim bald nicht mehr geben muss.

Schulz siegte bei einer Wahl, bei der es für Proschim ums Ganze ging, um das Überleben des Ortes, um die Frage: Wird es Proschim in zehn Jahren noch geben oder werden hier bald die Abrissbagger einfahren, die Häuser einzeln abtragen, den Ort erst in eine große Grube verwandeln und später in einen riesigen See? Umsiedlung nennt man das, wenn ein ganzes Dorf dem Braunkohletagebau weichen muss. 2024 soll der Tagebau Welzow-Süd hier angekommen sein. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall will hier etwa ab dem Jahr 2026 zusätzlich 200 Millionen Tonnen Braunkohle fördern. 83 Orte sind auf diese Weise bereits in der Lausitz verschwunden. Proschim soll der nächste sein.

Ein Riss geht durch das Dorf

Die Landesregierung von Brandenburg entschied vor der Sommerpause, dass der Tagebau Welzow-Süd bei Cottbus ausgebaut wird. Das erste Argument: Vattenfall ist der größte Arbeitgeber der Region. Über 8000 Stellen hängen an der Braunkohle. Zweitens: In Zeiten des Atomausstiegs muss der Strom irgendwo herkommen; Braunkohle sei als Brückentechnologie unverzichtbar. Die Entscheidung für die Erweiterung des Tagebaus fiel also nicht trotz, sondern wegen der Energiewende.

Nun geht ein Riss durch das Dorf: Auf der einen Seite stehen die Bauern, mit ihren Höfen, ihrem Weideland und den Solarzellen auf den Dächern. Sie möchten, dass Proschim bleibt. Und auf der anderen Seite stehen „die Mieter“, das sind die Kohlefreunde. Die Mieter haben ihre Jobs bei Vattenfall. Dazwischen verläuft eine Front. „Wir wehren uns. Wir gehen nicht“, sagt Erhard Lehmann, 63. Er sagt auch: „In einem Dorf mit 360 Einwohnern muss man keine Politik machen. Da muss man machen, was die Bürger wollen.“ Der ehemalige Bürgermeister kennt die Befindlichkeiten der Lausitz. In Haidemühl ist der Bürgermeister zur Schule gegangen, einem Nachbarort, der ist schon abgebaggert. Heute stehen dort nur noch Ruinen. „Zu DDR-Zeiten sollte Proschim schon mal weg. Uns wurde nach der Wende aber fest versprochen, dass das Dorf nicht angebaggert wird.“

„Die glauben, dass Vattenfall denen die Klinke vergoldet“, sagt Günter Jurischka, ein wütender Bauer, Mitte 60. Mit „denen“ meint er die Mieter, die auf Abfindungen hoffen, die der schwedische Stromkonzern für die Umsiedelung zahlen wird. Jurischka pfeift auf das Geld. Jurischka wohnt seit den 70er-Jahren hier. Haus und Hof aufzugeben, das zieht er nicht in Erwägung, für kein Geld der Welt, Heimat sei nicht mit Geld aufzuwiegen. Die Landwirte würden durch den Tagebau über 600 Hektar Land verlieren. Deswegen haben sie sich entschieden, gegen den Ausbau zu kämpfen. „Wir gehen bis nach Brüssel.“ Hilfe erhalten die Bauern von den Grünen, Greenpeace und Robin Wood. Im Juni schickten die Umweltschützer 40 internationale Aktivisten nach Proschim, bald soll es eine Menschenkette von Proschim bis zur polnischen Grenze geben. „Ganz Europa schaut auf die deutsche Energiewende. Es wäre fatal, wenn Deutschland jetzt neue Kohletagebaue genehmigt“, sagt der europäische Programmdirektor von Greenpeace, Thomas Henningsen. „Der Braunkohleabbau in der Lausitz ist ein Skandal mit europäischen Dimensionen.“

Umweltschützer wollen klagen

Braunkohle ist der klimaschädlichste Energieträger, und nach dem Abbau braucht die Landschaft Jahrhunderte, bis sie sich regeneriert. All das nehmen die Umweltschützer zum Anlass, eine Klagewelle vorzubereiten. Doch auch die Kohlefreunde organisieren sich. Zum Beispiel im Bündnis Pro Lausitz. Knapp 70.000 Unterschriften haben die Braunkohleaktivisten gesammelt – für den Tagebau. Dass Vattenfall das Bündnis finanziell unterstützt, ist kein Geheimnis.

„Die starke Ideologisierung der gesellschaftlichen Debatte über die Energiewende“, schreibt ein Mitglied in einem offenen Brief auf der Internetseite von Pro Lausitz, gefährde die Demokratie. Er schreibt aber auch: In der Lausitz ist das Recht auf Heimat wie auch das Recht auf Arbeit gefährdet.

Naturschutz gegen Arbeitsplätze – das ist stark verkürzt der Streit in der Lausitz. Martin Broslau, einer der Hofbesitzer aus Proschim, sieht das so: „Vattenfall schürt Ängste unter den eigenen Mitarbeitern und in der ganzen Region.“ Und: „Ich bin kein Kohlegegner. Ich plädiere dafür, dass die hier ihren angefangenen Tagebau zu Ende bringen.“ Natürlich könne man solch monumentale Unternehmen nicht von jetzt auf gleich abbrechen. „Aber ich bin dagegen, dass neue Tagebaue aufgemacht werden. Grundsätzlich.“

Die Linke stellt in der Regierung Brandenburgs vier Minister. Die stehen in der Kritik, weil sie der Fortführung des Tagebaus zugestimmt haben. Und das, obwohl ihre Partei in ihrem Bundesprogramm einen Ausstieg aus der Braunkohle bis 2040 fordert. Daran will die Partei laut Justizminister Helmuth Markov auch festhalten. Für Proschim könnte das zu spät sein.