Prozess

„Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe“

35 Jahre alte Mutter eines Neugeborenen steht seit Montag wegen Totschlag vor dem Landgericht

- Ein Kind kommt zur Welt, wird mit Toilettenpapier erstickt und vorübergehend in einer Waschmaschine deponiert, bevor es schließlich auf einem Komposthaufen landet. Das ist die drastische Kurzbeschreibung einer weiteren Tragödie, in der das Leben eines Kindes gewaltsam endete, kaum das es begonnen hatte. Zugetragen hat sich das unfassbare Geschehen im Herbst vergangenen Jahres in Glindow, einem Ortsteil von Werder (Havel), Landkreis Potsdam-Mittelmark. Seit Montag muss sich die 35 Jahre alte Mutter des Kindes, das nicht leben durfte, wegen Totschlags vor dem Landgericht Potsdam verantworten.

Fünf Verhandlungstage hat die Schwurgerichtskammer angesetzt, um zu erfahren, wer die Frau ist, die zu solch einer Tat fähig war. Und vor allem, was sie veranlasste, ihr Neugeborenes zu töten. Zur zweiten Frage vermochte die Angeklagte Kathleen B. zu Prozessbeginn nur wenig zu sagen. „Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe“, sagte die zierliche Frau mit leiser Stimme. „Das war wie ein Tunnel“, fügte sie hinzu. Was die 35-Jährige damit meinte, blieb weitgehend unklar, ihre weiteren Aussagen blieben ebenso vage.

Eine umso präzisere Schilderung des entsetzlichen Geschehens enthält hingegen die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, die am Montag zu Beginn des Prozesses verlesen wurde. Die Darstellung basiert auf einem Geständnis, das Kathleen B. bei ihren polizeilichen Vernehmungen abgelegt hat. Danach hat die Angeklagte, die zur Tatzeit im Haus der Familie ihres damaligen Freundes in Glindow lebte, den Jungen am 19. Oktober 2013 heimlich auf der Toilette des Hauses zur Welt gebracht. Kurz darauf stopfte sie dem Neugeborenen Toilettenpapier in den Mund, wickelte den Jungen mit einem Handtuch sowie Toiletten- und Küchenpapier ein und band Klebeband darum. „Danach habe ich das Kind erst einmal in die Waschmaschine gelegt, damit es aus meinem Blickfeld ist“, berichtete Kathleen B. unter Tränen. Schließlich legte die Angeklagte das Bündel mit dem toten Säugling auf dem Komposthaufen hinter dem Haus ab.

Mit allen Mitteln hatte die Angeklagte zuvor versucht, die Schwangerschaft vor ihrem Freund und dessen Familie geheim zu halten. Auch nach der Tat bemühte sie sich zunächst, weiter zu leben, als sei nichts geschehen, ging normal zur Arbeit und schwieg über das Geschehene. Doch als die Mutter ihres Freundes den toten Säugling in der Kompostieranlage entdeckte, fiel der Verdacht der eingeschalteten Kriminalpolizei schnell auf Kathleen B. Wenige Tage später legte sie ein Geständnis ab. Dabei habe sie völlig verstört gewirkt und sei psychologisch betreut worden, hieß es seitens der Ermittler.

Angeklagte will Sorgerecht

Ein Ermittlungsrichter erließ nach der Festnahme Haftbefehl gegen die 35-Jährige, der wurde allerdings nach ihrem Geständnis ausgesetzt, und die Angeklagte kam nach wenigen Tagen in Untersuchungshaft wieder frei. Derzeit arbeitet die gelernte Einzelhandelskauffrau als Küchenhilfe. Im Falle einer Verurteilung wegen Totschlags droht Kathleen B. eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren. Nach einem ersten psychiatrischen Gutachten eines Sachverständigen geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die 35-Jährige voll schuldfähig ist. Ob das Gericht dieser Einschätzung folgen wird, ist noch offen. Die Verteidigung hegt in jedem Fall erhebliche Zweifel.

Die Beziehung zum Vater des getöteten Säuglings ist nach der Tat zerbrochen, der Ex-Partner tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf. Er und Kathleen B. haben bereits ein gemeinsames heute sechs Jahre altes Kind, das beim Vater lebt. Kathleen B. hat ein Umgangsrecht und darf den Jungen zweimal im Monat sehen.

Nicht nur die Befragung der Angeklagten am ersten Verhandlungstag erweckt den Eindruck, als sei Kathleen B. auch mit 35 Jahren nur schwer in der Lage, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen. „Das habe ich einfach verdrängt“, sagte sie mehrfach auf Fragen der Richter und schilderte wiederholt, was sie in ihrem Alltag alles belastet habe. Und noch etwas anderes verstärkt den Eindruck, als lebe sie mitunter in einer eigenen Welt, in der die Realität keinen Platz hat. Kathleen B. hat zwar gestanden, ihren Säugling getötet zu haben. Die daraufhin erhobene Anklage wegen Totschlags hindert sie bislang aber nicht daran, vor Gericht um das Sorgerecht für ihr erstes Kind zu kämpfen. Derzeit liegt der Fall beim Oberlandesgericht Brandenburg.

Wann in dem Sorgerechtsstreit eine Entscheidung fällt, ist noch unklar. Das Urteil im Totschlagsprozess gegen Kathleen B. ist für den 31. Juli vorgesehen. Die Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt.