Interview

„Viel wirtschaftliche Expertise ist in Berlin nicht vorhanden“

Peter Zühlsdorff über seine neue Aufgabe als Aufsichtsratschef der Messe

Peter Zühlsdorff wurde Ende der 90er-Jahre vor allem bekannt als Sanierer des Handelskonzerns Tengelmann. Nun soll der 73-Jährige als Aufsichtsratschef die Erfolgsgeschichte der Messe Berlin fortschreiben.

Berliner Morgenpost:

Herr Zühlsdorff, Sie sind bereits seit etwas über einem Jahr Vorsitzender des Aufsichtsrates von Vivantes, seit vergangener Woche leiten Sie das Kontrollgremium der Messe Berlin. Warum haben Sie diesen Job auch noch übernommen?

Weil ich kein Golf spiele.

Tatsächlich?

Nein, im Ernst. Ich habe meine wirtschaftlichen Verhältnisse geordnet, habe jüngere Mitgesellschafter in meiner Firma. Ich habe jetzt den Rücken frei, war aber mein Leben lang auf der Suche nach Inhalt. Den bekomme ich jetzt in neuen interessanten Feldern.

Sie waren lange in der Privatwirtschaft unterwegs. Jetzt engagieren sie sich ausgerechnet in der kommunalen Wirtschaft. Warum?

Ich bin gebürtiger Berliner, habe Glück gehabt in meinem Lebenslauf. Ich möchte als Bürger der Stadt etwas zurückgeben. Meine Mandatshonorare werden in Spendentöpfe fließen.

Welches ist der schwierigere Job?

Vivantes ist für mich eine sehr empathische Beziehung. Die Messe ist in positivem Sinne Routine.

Wie erklären Sie sich das Vertrauen, das Berlins Politiker in Sie setzen?

Ich bin vor drei Jahren gefragt worden, ob ich Aufsichtsratsvorsitzender von Berlin Partner werden möchte ...

... da haben Sie aber nicht so gute Erfahrungen gemacht und sind ausgestiegen..

...ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht, ich bin rechtzeitig davor gegangen. Ich habe, nachdem der neue Senat in Amt und Würden war, gemerkt, dass die neue Senatorin (Obernitz d. Red) und ich keinen Weg zueinander gefunden haben.

Und warum helfen Sie dann doch wieder in einem öffentlichen Unternehmen?

Ich habe das Bedürfnis, für diese Stadt was zu tun. Ich bin außerhalb Berlins wirtschaftlich sozialisiert worden und kann hier ein paar Dinge einbringen, die hier nicht wachsen konnten.

Was meinen Sie damit?

Berlin, das waren zu Zeiten der Mauer zwei hoch subventionierte Stadtteile. Daraus haben sich Mentalitäten entwickelt, die bis heute fortwirken. In den kommunalen Unternehmen gibt es immer noch die Erwartung, am Ende werde schon das Land bezahlen. Die Devise „Hilf dir selbst“ ist nicht so verankert.

Sie sind jetzt in Unternehmen, die politischen Entscheidungen unterliegen. Wie kommen Sie damit zurecht?

Es macht Freude zu gestalten. Ich habe den Eindruck, dass wir etwas gestalten können. Allzu viel wirtschaftliche Expertise ist in der Berliner Politik nicht vorhanden. Ich muss das respektieren. Politik ist das Ergebnis von Wahlen unseres Souverän. Ich bin halt ein operatives Tier, ich habe mit 16 Jahren angefangen zu arbeiten. Ich bin weniger intellektuell, sondern ich sehe zu, dass die Dinge in Ordnung kommen.

Weiß das Land Berlin eigentlich immer, was es mit seinen Betrieben anfangen will? Gibt es klare Zielvorgaben und Indikatoren, um das Erreichen dieser Vorgaben zu messen?

Nein. Für die Unternehmen, die ich kenne, das sind Vivantes und in der Folge auch die Charité, gibt es kein erkennbares Konzept. Es wechseln die politisch handelnden Personen, das hat Auswirkungen. Wir haben eine unglaubliche Zusammenballung medizinischer und wissenschaftlicher Expertise. Aber die Frage, wie positioniere ich Vivantes in Berlin, die können sie nicht beantworten ohne zu fragen, wozu denn die Charité gut sein soll in Berlin. Für mich ist der Traum, dass die Charité ein Leuchtturm der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung und angewandter High-Tech-Medizin ist.

Das heißt, Vivantes macht die Versorgung und die Charité nur noch die wissenschaftlich interessanten Themen?

Im Prinzip ja. Ich sitze ja auch im Aufsichtsrat des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Insofern habe ich einen gewissen Einblick. Universitätsmedizin ist erheblich aufwendiger als Versorgungsmedizin.

Über eine solche Arbeitsteilung müsste die Politik entscheiden.

Ja, das wäre gut.

Ist es eigentlich egal, ob man eine Messegesellschaft oder einen Krankenhauskonzern beaufsichtigt?

Ich saß in meinem Leben in einer langen Reihe von Aufsichtsräten, habe verschiedene Unternehmen geleitet. Das konnte ich machen, weil ich mit Menschen wirklich gut kann. Einfluss nimmt ein Aufsichtsrat im Wesentlichen über Menschen. Posten müssen richtig besetzt sein, die Menschen müssen mitziehen. Wenn keine ausreichende soziale Kompetenz da ist, zieht sich das sofort ins Unternehmen rein.

Um die Besetzung des Messe-Aufsichtsrats gab es Ärger. Überschattet der Ausstieg von Hans-Joachim Kamp ihren Start?

Nein. Als das bekannt wurde, habe ich Herrn Kamp angerufen und gesagt, wir sollten uns mal zusammen setzen. das machen wir demnächst. Ich habe vor dem Start die Geschäftsführung getroffen und die Betriebsräte, die nach meiner Erfahrung ein Unternehmen oft besser kennen als das Management. Da kann man gute Hinweise bekommen, wo es sich lohnt, hinzugucken.

Der Wechsel im Aufsichtsrat wurde von oder Wirtschaftssenatorin ja mit der Notwendigkeit neuer Impulse für die Messe begründet. Welche könnten das sein?

Die Messe erstellt ja Produkte. Die wichtigsten sind die fünf Leitmessen. Das muss laufen, das ist die Kernkompetenz. Hinzu kommt die Zukunftsfrage: Gehen in zehn Jahren noch Leute zu einer Messe, um sich dort Fernseher anzusehen? Darüber hinaus schaue ich mir die kleineren Veranstaltungen an, was gut läuft und was sich weiter entwickeln lässt. Aber insgesamt bin ich infiziert von einem Gedanken: Was trägt das zur Entwicklung der Stadt bei? Es reduziert sich nicht auf deren Gewinn- und Verlustrechnung. Wir haben in Berlin einen besonderen Zukunftsmarkt, die Gesundheitsbranche. Der hat viel mit Smart City zu tun, mit der Frage, wie technische Hilfsmittel bei der Versorgung und beim Leben helfen.

Wir haben den Eindruck, dass Berlin nicht genau weiß, was es mit der Messe will.

Mein Eindruck ist, das Frau Yzer (Berliner Wirtschaftssenatorin, d. Red) hier etwas verändern will. Die Geschäftsführung wird durch bestimmte Strukturen behindert, schon allein dadurch, dass der Messe die von ihr genutzten Immobilien nicht gehören. Es wäre am besten, das Land würde die Immobilien an die Messegesellschaft verkaufen. Dann könnte die Messe eine saubere Gewinn- und Verlustrechnung aufstellen und die Leistung der Geschäftsführung könnte objektiver bewertet werden.

Die Messe will ja auch in anderen Standorten expandieren. Halten Sie das für richtig?

Es stimmt zwar, dass Europa Marktanteile im weltweiten Messegeschehen verliert. Aber vor 20 Jahren gab es ja Märkte wie China oder Russland noch gar nicht, insofern ist das kein Beinbruch. Es ist unvermeidbar, dass außerhalb Deutschlands jede Menge Wachstum entsteht. Aus Deutschland herauszugehen, kann auch die Flucht nach vorne sei. Oft, wenn eine Geschäftsführung nicht mehr weiß, was zu tun ist, kommt das Prinzip Hoffnung: Wir machen etwas Neues. Aber 99 Prozent aller neuen Dinge kosten erst einmal Geld. Ich würde eher hier in der Stadt anfangen. Man müsste prüfen, eine Handelsplatz-Messe als Umschlagplatz zwischen dem westlichen und dem östlichen Europa aufzubauen. Oder die Informationstechnik: Für die ganzen Internet-Start-ups wird es sicher keine herkömmliche Messe geben. Aber warum sollte man nicht die Region, in der das alles stattfindet, einmal im Jahr zu einem Event-Platz machen? Man muss auch an Organisation denken, nicht nur an die Vermietung von Flächen.

Sollte sich die Messegesellschaft stärker an der Vermarktung von Tempelhof beteiligen?

Dazu kann ich noch nichts sagen.

Bei Vivantes gab es ja auch viel Ärger. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei ehemalige Top-Manager. Sie haben mal gesagt, es klebe dort. Was meinten Sie damit?

Mir scheint, dass dort das alte Westberlin noch gewirkt hat. Eine ganze Reihe von Leuten hat von Vivantes profitiert. An den anderen Fällen ist das Landeskriminalamt dran.