Öffentlicher Dienst

„Am Rande des Nervenzusammenbruchs“

Die Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt stößt an ihre Grenzen. Es werden dringend mehr Plätze für Flüchtlinge benötigt

Sommerliche Mittagshitze liegt über dem eingezäunten Areal am Stadtrand von Eisenhüttenstadt. Ruhe und Privatsphäre gibt es nirgends: Stimmengewirr sorgt für einen stetigen Geräuschpegel. Der Lärm wird zusätzlich durch Baumaschinen verstärkt, mit denen nebenan Parkplätze planiert und ein Häuserkomplex hochgezogen werden. „Das wird unser neues Familienhaus. So lange das nicht fertig ist, können wir alte, marode Gebäude nicht abreißen“, sagt Frank Nürnberger, Leiter der zentralen Brandenburger Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt.

Seit vergangenem Jahr ist der Komplex aus einstigen Kasernen der DDR-Volkspolizei aufgrund steigender Flüchtlingsströme immer wieder heillos überfüllt. So wie jetzt. Mehr als 900 Menschen aus über 20 Nationen leben in den Gebäuden und Wohncontainern. Alles ist voll. „Diese Überbelegung wird verursacht durch die massiven Flüchtlingsströme, die über das Mittelmeer und Italien in die EU drängen“, erklärt Nürnberger. Seinen Angaben nach kommen kaum noch Asylsuchende über die polnisch-deutsche Grenze, wie noch verstärkt im Jahr 2013 zu beobachten war. Das bestätigt Polizeioberrat Wilhelm Borgert, Leiter der Frankfurter Bundespolizeiinspektion. Rund 300 illegal nach Deutschland eingereiste Personen haben seine Kollegen im ersten Halbjahr 2014 aufgegriffen. „Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2013 waren es 1881 Flüchtlinge. Die Lage hat sich also deutlich entspannt“, so Borgert.

Doch die Gesamtzahl der Asylbewerber in Deutschland steigt. „Die italienische Marine rettet überfüllte Flüchtlingsboote bereits kurz hinter der libyschen Grenze. Gerade während der Sommermonate, wenn das Mittelmeer recht ruhig ist, herrscht da Hochkonjunktur“, sagt Nürnberger. „Wir sind am Rande des Nervenzusammenbruchs.“

Weitere Außenstellen nötig

Einen ehemaligen Verwaltungskomplex hat er trotz baupolizeilicher Bedenken notdürftig zum Quartier für 140 alleinreisende Männer aus Eritrea gemacht, neben Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien derzeit die größte Gruppe der Zufluchtsuchenden. 131 syrische Flüchtlinge wurden in einem leer stehenden, früheren Jugendwohnheim der Arbeiterwohlfahrt in Eisenhüttenstadt untergebracht. Die Frankfurter Oderland-Kaserne ist reaktiviert worden: 80 Männer verschiedenster Nationen sind hier untergebracht. Nürnberger geht davon aus, dass die 250 Plätze bietende Oderland-Kaserne für eine noch nicht absehbare Zeit genutzt werden muss. Und: „Es wird weitere Außenstellen geben müssen – verteilt auf ganz Brandenburg“, so Nürnberger, „wir suchen permanent nach neuen Quartieren.“ Nachdem das Land Brandenburg deutlich Druck auf die Kommunen ausgeübt hatte, habe es zwar eine kurzfristige Entlastung gegeben. Doch der aktuelle Ansturm würde alle vor neue Herausforderungen stellen.

Als letzte Notreserve hat er in Eisenhüttenstadt noch Zelte für jeweils zwölf Personen zur Verfügung. „Theoretisch könnten wir auch die Wohncontainer um eine Etage aufstocken, doch da spielen der Brandschutz und der Stromgenerator nicht mit.“

Nürnberger geht davon aus, demnächst bis zu 2500 Flüchtlinge auf einmal in Eisenhüttenstadt unterbringen zu müssen. Doch auch logistisch stößt die Einrichtung an ihre Grenzen: „Wir haben zwar die Küchenkapazität verdoppelt, aber die zwei Speisesäle reichen für die vielen Menschen nicht aus.“ 40 Mitarbeiter hat Nürnberger zur Verfügung, benötigte allerdings „locker das Doppelte“. Verstärkung ist beim Land angefordert, aber: „Das dauert, die Stellen müssen formal ausgeschrieben werden.“ Und Fachkräfte wie medizinisches Personal oder Sozialarbeiter seien inzwischen Mangelware.