Ansturm

Wartelisten bei Sportvereinen

In Stahnsdorf kommen 800 Interessierte nicht unter. Brandenburg fördert aber nur Sportstätten auf dem Land – über einen EU-Agrar-Topf

Brandenburgs Sportvereine sind gefragt – selbst in den bevölkerungsarmen Landkreisen wie der Prignitz oder der Uckermark. Im Speckgürtel um Berlin gibt es gar einen regelrechten Ansturm. Vor allem in den stark wachsenden Gemeinden wie Teltow, Stahnsdorf und Falkensee. „Der Sportverein RSV Eintracht 1949 in Stahnsdorf führt derzeit Wartelisten von knapp 800 interessierten Sportlern“, sagte Landessportbund-Hauptgeschäftsführer Andreas Gerlach am Dienstag in Potsdam.

„Allein auf einen Platz beim Kinderturnen warten momentan 450 bis 500 Kinder“, bestätigte Tanja Bartsch, die Leiterin der Geschäftsstelle des mit 2850 Mitgliedern viertgrößten Brandenburger Sportvereins, dieser Zeitung. Zwölf Sportarten bietet der Regionalverein für Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf. Der RSV in der kinderreichen Region mit den vielen Zuzüglern muss auch viele Bewerber für die Fußballjugend abweisen. „Wir benötigen dringend eine weitere Turnhalle“, sagt Tanja Bartsch. Die Mitglieder trainieren in mehreren Hallen in den drei Orten, die Nutzung kostet den Sportverein unterschiedlich viel. Einige Mitglieder kommen auch aus Berlin.

Zwei Millionen Euro pro Jahr

Das Land Brandenburg will die Sportvereine auch in den kommenden Jahren mit einem eigenen Förderprogramm unterstützen. Aus dem EU-Topf für ländliche Entwicklung sollen bis 2020 jährlich etwa zwei Millionen Euro für Investitionen in Sportstätten bereit gestellt werden. Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger (SPD) und der Präsident des Landessportbundes, Wolfgang Neubert, haben am Dienstag in Potsdam eine entsprechende neue Vereinbarung unterzeichnet.

Der Stahnsdorfer Sportverein hat allerdings keine Chance, in das Programm aufgenommen zu werden. Die Finanzspritze ist vor allem für den sogenannten ländlichen Raum gedacht. Die reichen Speckgürtelgemeinden bleiben wie die kreisfreien Städte Potsdam, Cottbus, Brandenburg an der Havel und Frankfurt (Oder) außen vor. „Bekommen wir keine Unterstützung, ist das sehr schade“, findet Tanja Bartsch vom Stahnsdorfer RSV. Ihr fällt auf: „Wenn man durchs Land fährt, sieht man in Brandenburg viele toll hergerichtete Sportplätze, doch häufig ist kein Mensch darauf zu sehen.“

Die Speckgürtel-Region hingegen braucht dringend weitere Anlagen, um den Bedarf abdecken zu können. Brandenburgs Agrarminister Jörg Vogelsänger bedauerte, dass nicht alle aus dem EU-Topf bedacht werden können. Bislang waren Ausnahmen möglich. So erhielt der Sportverein im ländlichen Glindow am Schwielowsee eine Unterstützung – trotz der Lage im Berliner Umland. „In manchen Fällen kann auch über das Programm Soziale Stadt gefördert werden“, sagte Vogelsänger. Dabei handele es sich allerdings um „Problemgebiete“ in Städten. Solche Gebiete gibt es in den vor allem bei Gutverdienenden beliebten Umlandgemeinden aber nicht.

„In der zu Ende gegangenen Förderperiode ab 2007 sind 17,6 Millionen Euro in 81 Sportanlagen auf dem Land investiert worden“ bilanzierte der Agrarminister. „Es besteht aber weiter ein hoher Sanierungsbedarf.“ Dem Präsidenten des Landessportbundes, Wolfgang Neubert zufolge ist über den „Goldenen Plan Brandenburg“ schon viel erreicht worden. Beispielsweise wurde die Cafeteria im Sport-Bildungszentrum Lindow erweitert, das Sporthaus des SV Prignitz Maulbeerwalde konnte vergrößert werden. Der FSV Brück 1922 erhielt eine neue Trainingsbeleuchtung, der „Glückauf“ Brieske-Senftenberg einen Kunstrasenplatz. „Es gibt aber immer noch Vereine, die ihre Duschen wegen des schlechten Zustands nicht mehr benutzen wollen“, sagte er. Oder der vorgeschriebene Ballfangzaun auf dem Sportplatz fehlt.

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hob bei der Unterzeichnung der Vereinbarung die Bedeutung eines flächendeckenden Sportangebots hervor: „Die Sportvereine in der Fläche des Landes prägen entscheidend das soziale und gesellschaftliche Leben.“ Brandenburg sei das wohl einzige Land bundesweit, das den 2009 ausgelaufenen Goldenen Plan für die Sportvereine einst neu aufgelegt und dabei eng mit dem Landessportbund kooperiert, so der Regierungschef. Es habe sich herausgestellt, dass Sportanlagen in gutem Zustand nicht nur für mehr Mitglieder sorgen, auch das ehrenamtliche Engagement sei dann höher. „Denn mit der Förderung verbunden ist auch ein Eigenanteil, den die Vereine leisten müssen“, sagte Woidke. Dabei könne es sich auch um die praktische Mithilfe bei der Pflege der Sportstätten handeln. Er stellt fest: „Viele, die Brandenburg für einige Jahre verlassen hatten und jetzt zurückkehren, sagen: Ich bin froh, dass ich wieder bei meinem Sportverein bin.“ Ministerpräsident Woidke ist auch ein Rückkehrer. Der Lausitzer war nach seinem Agrarstudium für einen Futtermittelhersteller in Bayern tätig und ist Mitglied in zwei Brandenburger Sportvereinen: beim SV Döbern und beim Polizeisportverein Forst. Zwei Jahre lang führte er – ab 2006 – den Brandenburgischen Radsport-Verband.

322.000 Mitglieder derzeit

Trotz der anhaltenden Landflucht konnten sich die Vereine offenbar auch fernab von Berlin gut behaupten. „Die Mitgliederzahlen im Land sind seit 1990 kontinuierlich gestiegen“, gab der Hauptgeschäftsführer des Landesportbundes, Andreas Gerlach, bekannt. „Vor 24 Jahren waren es 120.000 Mitglieder – ohne die damals noch im Landessportbund integrierten 80.000 Angler. Momentan sind 322.000 Mitglieder in 3000 Vereinen organisiert“, so Gerlach.

Der Zulauf sei bei den 19- bis 25 Jährigen und beim Seniorensport am größten. Bildungsministerin Martina Münch (SPD) zufolge werden mehr als 40 Prozent der brandenburgischen Kinder und Jugendliche in Sportvereinen betreut und gefördert. Allerdings seien zwar 40Prozent der Jungen Mitglied, aber nur 20 Prozent der Mädchen. „Wir veranstalten deshalb spezielle Mädchensporttage“, sagte die Ministerin. Mehr als die Hälfte der Schulen würden mittlerweile ganztags betrieben. „Es gibt zahlreiche Kooperationen zwischen den Schulen und den Sportvereinen“, sagte Münch.