Kirche

Eine Tankstelle für die Seele

Heute öffnet die erste Autobahnkirche am Berliner Ring – in Zeestow an der A10

Pfarrerin Rajah Scheepers hatte zunächst abgelehnt. Nein, sie wolle kein Nutzungskonzept für die verfallene Dorfkirche in Zeestow bei Brieselang im Havelland entwerfen. Sie hatte bereits genug zu tun, mit ihrer Habilitation und ihren zwei Kindern. „Als ich die marode Kirche dann aber sah, im Dornröschenschlaf, zugewuchert und mit dem Vorhängeschloss an der Tür, habe ich es mir anders überlegt“, sagt die Pfarrerin. „Es wäre zu schade gewesen um dieses Kleinod“. Das ist fünf Jahre her. An diesem Sonntag nun wird in der liebevoll sanierten Dorfkirche der erste Gottesdienst nach mehr als 40 Jahren Dornröschenschlaf gefeiert – mit 400 geladenen Gästen. Bischof Markus Dröge wird heute die erste Autobahnkirche am Berliner Ring eröffnen.

Brandenburgs Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD) wird auch dabei sein. Einige Tage vor dem großen Ereignis sitzt Pfarrerin Rajah Scheepers erstmals auf einer der abgezogenen, historischen Kiefernholz-Kirchenbänke. „Das ist ja schön geworden“, sagt sie und streicht über das noch duftende Holz. Ihr Blick fällt auf das schlichte Holzkreuz vorne in der Apsis, rechts daneben steht das ebenso schlichte Taufbecken in sandsteinfarbenem Klinker. Links die Kanzel. Sie wurde eigens ein Stück versetzt. „Sonst wären die fast lebensgroßen Figuren auf den Bildern an der vorderen Wand nicht zur Geltung gekommen“, sagt die Pfarrerin.

Zwölf Männer sind rechts und links des Altarraums zu sehen, zwölf Mann gezeichnet vom Leben. In dem Bilderzyklus „Die Berufenen“ hat der renommierte Künstler Volker Stelzmann zwölf Obdachlose in Berlin porträtiert – und ihnen die Namen der zwölf Jünger Jesu zugeordnet. Das Werk stammt aus dem Jahr 1988. Vermittelt hat den Kontakt zum Künstler der Kunstbeauftragte der Berliner Landeskirche, Christhard Neubert, den Kaufvertrag zwischen Kirchenkreis und Künstler schloss der Berliner Kunstmäzen Peter Raue. Volker Stelzmann, 1940 in Dresden geboren, gehörte als Maler und Hochschullehrer zu den bekanntesten bildenden Künstlern der DDR.

„Künstlerischer Knaller“

Nach seinem Wechsel in die Bundesrepublik 1987 setzte er seine Arbeit als Künstler und als Professor an der Städelschule in Frankfurt/Main und an der damaligen Hochschule der Künste Berlin fort. 240.000 Euro sollte der Bilderzyklus kosten, der Maler verzichtete auf die Hälfte des Betrags. 50.000 Euro kamen aus dem Missionsfonds der Evangelischen Kirche. „Damit die Leute kurz vor Berlin halten, braucht es schon einen künstlerischen Knaller“ sagt die Pfarrerin. Zu jeder 170 mal 60 Zentimeter großen Tafel gibt es einen QR-Code. Mit einem Handy oder einem Tablet können die Besucher die zwischen zwei und drei Minuten langen Beiträge des Bibelerzählers Jochem Westhof zu den jeweiligen Bildern im Internet abrufen. Zum Beispiel die Geschichte von Petrus. Die Apostelgeschichten sind aber auch auf Postkarten nachzulesen. „Die Bilder erzählen etwas über die ersten zwölf Menschen, die mit Jesus unterwegs waren“, sagt die Pfarrerin.

Die Kunst allein wird die Besucher nicht anlocken. Warum sollten sie so kurz vor Berlin die A10 an der Abfahrt Zeestow verlassen? „Die Autobahnkirche ist nur 800 Meter von der Autobahn entfernt, bietet ein Innehalten vor dem Eintauchen in den Moloch Berlin“, sagt Rajah Scheepers. Eine Tankstelle für die Seele. „Die Dorfkirche steht für jeden offen“, sagt sie. „Er muss keinem Glauben angehören.“ Einfach für sich sein, nachdenken oder ein Buch lesen. „Man kann hier drin auch an heißen Tagen im Kühlen sitzen.“

Ein offenes Haus also. Ohne Pfarrer. Auch sonst kein Personal. Kein Gottesdienst. Nur Ruhe. „Wir rechnen mit rund 10.000 Besuchern im Jahr“, sagt die Pfarrerin. Nach der Eröffnung wird die Zeestower Kirche täglich von 8 bis 18 Uhr geöffnet sein. Konzerte sind auch geplant, einmal im Monat eine Apostelandacht. Nur einer wacht über das Kleinod: Hausmeister Hartmut Müller. Gefragt nach seinen Aufgaben, sagt er: „Ich bin der Church-Manager“.Eine Million Euro hat die Sanierung der Kirche bisher gekostet. Das Brandenburger Agrarministerium stellte für das Projekt etwa 434.000 Euro aus dem EU-Agrarfonds bereit. So konnten der Glockenturm, das Kirchenschiff und die kleeblattförmige Apsis aus dem 19. Jahrhundert unter Leitung der Potsdamer Architektin Sibylle Stich saniert werden. Das Kulturministerium beteiligte sich mit rund 64.000 Euro.

Noch ist nicht alles fertig. „Wie beim Flughafenbau ging auch uns das Geld aus“, sagt die Pfarrerin. Etwa 54.000 Euro fehlen. Die Empore muss gestrichen werden, auch die Kirchenbänke. Der Förderverein wirbt deshalb um Spenden – auch, um den fehlenden Busparkplatz für rund 30.000 Euro bauen zu können. Ein Zukunftstraum bleibt die Sanierung des verfallenden Stallgebäudes auf dem Gelände. „Dort könnte später einmal ein Hofcafé entstehen“, so die Pfarrerin. Im Freizeitheim im ehemaligen Pfarrhaus neben der Kirche können schon jetzt bis zu 30 Selbstversorger übernachten.

Lebendige historische Dorfmitte

Fürchten die rund 300 Bewohner des Zeestower Dorfkerns nicht den Verkehr? Immerhin ist hinter der Kirche die Kita. Ortsvorsteherin Marianne Schulze verneint. „Die allermeisten freuen sich, dass die Kirche wieder hergerichtet ist. Endlich ist die historische Dorfmitte wieder lebendig.“ Auch Katja Berbrich aus Brieselang freut sich: „Ich bin total begeistert.“ Nicht nur, weil ein so altes Gebäude vor dem Verfall gerettet worden ist. „Es ist toll, dass die Kirche den ganzen Tag über geöffnet hat.“ Sie sei ohnehin ein Autobahnkirchenfan. „Wir waren schon in einigen solchen Kirchen“, sagt sie. „Da machen wir mit unserem Proviant Rast im Grünen und wissen: Im Gegensatz zu so manch anderen Rastplätzen sind die Toiletten auch in Ordnung.“

Pfarrerin Scheepers spricht von einem „kleinen Boom der Autobahnkirchen“. Der Berliner Ring sei eine der meist befahrenen Autobahnen Europas. Es kommen also jedes Jahr Hundertausende Menschen vorbei, die nur noch „anhalten müssen“. In Deutschland gibt es derzeit 33 Autobahnkirchen und -kapellen. Die Zahl wächst. In Brandenburg sind es jetzt drei – nach Werbellin in Barnim und Duben in Dahme-Spreewald.

Förderverein Autobahnkirche Zeestow, Telefon: 03322/12 73 41, Internet: www.autobahnkirche-zeestow.de