Behinderung

Anders unter anderen

Jedes Jahr treffen sich Menschen mit Downsyndrom zum Sportfest. Luca Moser aus Bernau ist heute auch dabei

Herr Moser spielt Tennis. Barfuß, in roter Hose und blau-weiß geringeltem Oberteil steht er im Wohnzimmers und holt aus. Der weiche rote Softball springt auf dem hellen Laminatboden auf, prallt gegen den Bildschirm des Fernsehers und rollt in die Küche. „Herr Moser, jetzt machen wir mal kurz Pause“, sagt seine Mutter. Der Junge, den seine Mutter meist nur Herr Moser nennt, schüttelt energisch den Kopf. Seine braunen Haare fallen ihm ins Gesicht. „Komm, nur fünf Minuten“, bittet seine Mutter. Er streckt seinen dünnen Arm nach vorne und streckt den Zeigefinger aus. „Eine“, sagt er trotzig.

Sie haben ihren eigenen Kopf

Für eine Minute darf Ulli Moser den Tennisschläger zur Seite legen. Der elfjährige Luca hat das Downsyndrom und liebt alle Sportarten, die mit einem Ball zu tun haben. Federball, Tennis, Hockey. „Spielen wir alles hier in der Wohnung“, erzählt seine Mutter. Das Wohnzimmer der kleinen Wohnung am Rande von Bernau ist ein kleines Kinderparadies. Spielsachen liegen auf dem Boden verstreut, eine Schultafel steht herum, eine hölzerne Murmelbahn und Bälle in allen Farben und Größen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass Ulli Moser Erzieherin ist und eine Kita leitet. Vielleicht aber auch, weil die 45-Jährige mit Luca nicht nach draußen auf den Spielplatz geht. Die anderen Kinder, die nichtbehinderten, starren den Jungen an, der ein bisschen anders aussieht als sie und nicht richtig sprechen kann, und sie flüstern mit ihren Eltern. Noch immer, obwohl Ulli und Luca Moser bereits vor acht Jahren aus München nach Bernau gekommen sind. Wo Ulli Moser aufgewachsen ist und ihre Eltern noch leben.

Doch in zwei Tagen geht es raus aus der Stadt. Dann packt Herr Moser seine Sportoutfits in den Koffer, er und Ulli Moser setzen sich in den Zug nach Frankfurt am Main, wie fast in jedem Jahr. Denn am heutigen Sonnabend findet dort das 12. Down-Sportlerfestival statt. 550 Menschen mit Downsyndrom treten vor 2500 Zuschauern gegeneinander an, und am Ende gewinnen sie alle Gold. Denn es ist zwar ein sportlicher Wettkampf, aber unter besonderen Bedingungen. Menschen mit Downsyndrom machen nicht immer, was man von ihnen erwartet. Ist die Laufstrecke rechts herum geplant, laufen sie auch schon mal gerne links herum. Sie haben ihren eigenen Kopf.

Also sind ein bisschen auch die Eltern bei diesem Sportfest gefragt. „Einmal wollte Luca einfach nicht laufen, wie er sollte,“ erzählt Ulli Moser, „da habe ich ihn mir einfach geschnappt und bin mit ihm auf dem Arm die Strecke gelaufen.“ Und Vater Beimer aus der „Lindenstraße“ rannte mit und feuerte die Mosers an. In diesem Jahr werden neben Vater Beimer auch andere Prominente dabei sein: Peyman Amin, Modelagent und bekannt aus der Castingshow „Germany’s next Topmodel“, dessen älterer Bruder auch das Downsyndrom hat, und Bobby Brederlow, der bekannte Schauspieler mit Downsyndrom. Luca wird heute einer von mehr als 500 sein, die nicht aussehen und nicht sind wie die meisten Menschen auf der Welt. Gestarrt wird hier auch, „aber das macht nichts, weil ja alle irgendwie komisch aussehen“, erzählt Ulli Moser. Auch für sie ist die jährliche Fahrt nach Frankfurt ein wichtiger Termin. Er gibt ihr das gute Gefühl, dass es noch viele andere Eltern gibt, die mit den Problemen des Alltags mit einem Down-Kind zu kämpfen haben. Nicht, dass das Downsyndrom für sie ein Problem sei, es ist die Umwelt, die es ihr schwer macht. Ulli Moser erinnert sich noch gut an die besorgten Gesichter der Schwestern und Ärzte, als man ihr nach der Geburt mitteilte, was mit ihrem Sohn los sei. Sie hatte nur mit den Schultern gezuckt. „Und?“, fragte sie die Ärzte, „ist das jetzt ein Problem?“

Luca Moser ist kein Problem. Er ist ein Junge, der es liebt, sich um andere Menschen zu kümmern. Der dafür sorgt, dass es seinen körperlich behinderten Mitschülern an seiner zehn Kilometer entfernten Förderschule gut geht. Der ihnen den Kopf zurechtlegt und sie massiert. Er tut die Dinge, die er gerne macht. Was ihm keinen Spaß macht, lässt er einfach bleiben. So wie Lesen und Rechnen. In einer Stadt wie Bernau ist er dann aber ein Kind, das anders ist. Das auch nicht Fahrrad fahren kann und schlecht hört. „Es ist komisch, aber hier gibt es kaum Menschen mit Downsyndrom“, überlegt Ulli Moser. „Wahrscheinlich seit es die pränatale Diagnostik gibt. Da macht man so ein Kind einfach weg.“ Sie sitzt in ihrer blau gestrichenen Küche und erzählt vom Umgang mit den Ärzten. Von Sprüchen wie „Was sollen wir da jetzt machen? Besser wird’s nicht.“ Das sind schwere Momente in ihrem Alltag, der in der Wohnung so unbeschwert wirkt. „Das tut mir als Mutter schon weh“, sagt Ulli Moser.

„Sport könnte er immer machen“

Luca wird in Frankfurt in den Disziplinen Laufen, Weitsprung, Werfen und Tennis antreten. Worauf freut er sich am meisten? „Ball“, brummelt er unter der Decke hervor, unter der er sich auf dem Sofa versteckt hat. Und dann kullert ein Ball nach dem anderen unter der Decke hervor, vom Sofa auf den Boden. „Sport könnte er immer machen“ sagt Ulli Moser. Nur Weitsprung mag er nicht, weil dann die Schuhe sandig werden. Und dreckige Klamotten mag er überhaupt nicht, denn Luca ist sehr auf sein Äußeres bedacht. „Wir gehen auch nur in München zum Friseur“, sagt die Mutter und lacht. Luca mag keine schwarzen Friseurumhänge. Seine alte Friseurin in München hat extra für ihn einen weißen angeschafft. „Und Herr Moser ist eine Shopping Queen“, sagt die Mutter und verdreht die Augen. Das Beste sind rote Hosen. Auch für den heutigen Tag wird er sich ein Outfit zurechtlegen. Schließlich muss man gut aussehen, wenn alle Goldmedaillengewinner in die Halle einziehen und „We Are the Champions“ ertönt. Und danach kommt Olympia? „Ja“, grinst Herr Moser. „Und ein Angeber ist er auch“, sagt Frau Moser.