Wittenberge

Das „e“ macht den Unterschied

Wittenberge an der Elbe ist nicht so berühmt wie Wittenberg – doch die Stadt kämpft um ein besseres Image. Am Mittwoch kommt Merkel

Es gibt viele Touristen, die sind auf Luthers Spuren. Und es gibt manche Touristen, die verwechseln die Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt mit Wittenberge, das im Nordwesten Brandenburgs an einer der weiten Schleifen der Elbe liegt. Das „e“ macht den Unterschied – dort ist es und da ist es nicht. Sie finden in Wittenberge nicht die Schlosskirche, an die der Reformer einst seine Thesen nagelte. Dafür haben sie sich in einen Ort mit Gründerzeitbauten und den Elbtalauen drumherum verirrt, der sich langsam aber stetig vom wirtschaftlichen Niedergang erholt. „Wir sind mittendrin“, sagt Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos) und meint den langsamen Imagewandel der Stadt. „Es ist ein zartes Pflänzchen, das gepflegt werden muss.“ Die Tourismusbranche fasst Fuß, mittelständische Unternehmen entdecken den Standort, Häuser wurden renoviert und saniert.

Kampf gegen das Hochwasser

Und am Mittwoch hat Wittenberge – und nicht Wittenberg – einen großen Auftritt: Dann kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Besuch. Es ist ihr einziger Auftritt in Brandenburg im Zuge des Wahlkampfs zur Europawahl. Die Kanzlerin kennt Wittenberge. Zuletzt war sie im vergangenen Sommer dort. Damals füllten Hunderte Menschen Sandsäcke gegen das drohende Hochwasser an der Elbe, schufteten Tag und Nacht und hofften, dass ihre Stadt – und mit ihr das zarte Pflänzchen Hoffnung – nicht überflutet wird. Die Kanzlerin machte sich vor Ort ein Bild von der Lage an dem Fluss. Und die Dämme hielten.

Wittenberge hat schwere Zeiten erlebt: Anfang der 90er-Jahre ging es wirtschaftlich rasant bergab. Tausende Arbeitsplätze fielen weg, Textilwerke und das einzige Nähmaschinenwerk der DDR als größte Arbeitgeber machten dicht. Zurück blieben Industriebrachen mit einem riesigen Uhrenturm als Wahrzeichen mittendrin. Zudem mochte niemand mehr in den maroden Häusern leben. Wer die Möglichkeit hatte, suchte das Weite. Von einst 32.000 Einwohnern blieb nur etwa die Hälfte übrig.

Doch dieser Abwärtstrend konnte mittlerweile verlangsamt werden. Denn die Zahl der Einwohner ist seit einigen Jahren wieder halbwegs stabil. „Der demografische Wandel ist aber nicht aufzuhalten“, sagt Bürgermeister Hermann, der seit 2008 im Amt ist. Noch sterben mehr Menschen in Wittenberge als geboren werden.

Und auch in der Wirtschaftspolitik gab es einen Kurswechsel. „Es war schmerzlich, sich von hochfliegenden Plänen zu verabschieden, Großunternehmen mit tausenden Arbeitsplätzen anzulocken“, sagt der Prignitzer CDU-Landtagsabgeordnete Gordon Hoffmann. „Jetzt wird auf die Ansiedlung mittelständischer Unternehmen gesetzt.“ Das scheint erfolgreich zu sein. Der Sprecher der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB), Alexander Gallrein, sagt: „Mittlerweile tut sich viel.“ Die Prignitz habe sich von der Absteiger- zur Aufsteigerregion gemausert, so der Experte.

Firmen wie der österreichische Dämmstoffhersteller Austrotherm, das Mischfutterwerk Bröring, die Elbe-Chemie-Werke oder der Dienstleister für Briefkommunikation Francotyp-Postalia hätten sich bewusst in die Stadt an der Elbe angesiedelt. „Sie nutzen den Vorteil der Lage auf halbem Wege zwischen Hamburg und Berlin“, sagt Gallrein. Ein anderes Argument sei auch der mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II ausgebaute Elbehafen. Trotzdem hielten sich hartnäckig Vorurteile über eine triste Stadt ohne Zukunft, beklagt Gallrein.

Die Arbeitslosigkeit liegt nach Angaben von Bürgermeister Hermann mit 12 Prozent immer noch über dem Landesdurchschnitt von 9,6 Prozent im April. Doch auch darin steckt eine positive Nachricht: Noch vor wenigen Jahren war sie doppelt so hoch.

Schönheit der Landschaft

„Firmen müssen Fachkräfte schon suchen“, beschreibt er die Lage. Mit guten Noten finde heute jeder Schulabgänger einen Ausbildungsplatz. „Im ersten Prignitz-Urlaubsjournal des Tourismusverbandes von 1990 tauchte die Stadt gar nicht auf“, erinnert sich das Stadtoberhaupt. Mittlerweile kann er über amerikanische Touristen schmunzeln, die das mit dem „e“ nicht bemerkt haben und die Luthersche Schlosskirche suchen. Auch weil er die Besucher dann meist für die Naturschönheiten der Elbelandschaft begeistern kann.

Wie sieht der Bürgermeister Wittenberge in zehn Jahren? „Es gibt dann hier eine kleine, feine Stadt, mit Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen, Kultur und Wohnen. Und als Zugabe schlagen wir irgendwo unsere eigenen Thesen an, wie in Wittenberg.“