Schicksal

Der schwere Weg zurück ins Leben

Ostern vor zwei Jahren verliert Sina Gaede ihre Tochter. In einem Feuer, das ihr Mann aus Eifersucht legt. Aber die Gastwirtin gibt nicht auf

Idyllisch liegt die Gaststätte „Zum Elsthal“ inmitten hochgewachsener Eichen. Am Rande von Luckenwalde, direkt an der Skater-Route in Teltow-Fläming. Am Wochenende kommen viele Ausflügler aus Berlin, vor allem Familien mit Kindern. Sina Gaede freut sich darüber – ein Familienlokal, das schwebte der 32-jährigen Gastwirtin schon immer vor. Auch wenn es heute ein bisschen wehtut, wenn sie die Kinder sieht. Es kommen dann immer die Erinnerungen an ihre Tochter hoch. Im März hätte Paulin Geburtstag gehabt, neun wäre sie geworden. Aber Paulin ist vor zwei Jahren gestorben. In der Nacht von Karfreitag zu Sonnabend.

Die junge Frau holt tief Luft, bevor sie von dieser Nacht erzählt, in der sie ihre Tochter verlor, in der sie selbst nur knapp dem Tod entkam, in der ihr Leben zerbrach. Aber die junge Frau will sprechen, weil sie das Unglaubliche dann besser verarbeiten kann. Das Leben, es muss doch weitergehen, sagt sie.

Ostern 2012. Die Ehe zwischen Sina Gaede und ihrem Mann Bernd war nicht mehr gut. Bernd war 24 Jahre älter, nach zwei Bandscheibenvorfällen konnte er nicht mehr arbeiten, er war unzufrieden mit seinem Leben, blieb nur noch oben in der Wohnung. Am liebsten hätte er alles hingeschmissen. Alles, das war vor allem die Gaststätte, die das Paar zusammen betrieb. Hier hatten sie sich 1998 kennengelernt, sie war als Auszubildende zu ihm gekommen. Damals waren sie glücklich. Und noch glücklicher, als 2005 Paulin geboren wurde. Aber irgendwann fing das Nörgeln an. „Wenn ich etwas in der Gaststätte veränderte, passte ihm das nicht. Ich wollte frische Blumen, er stellte weiter die Plastikblumen auf den Tisch“, erzählt sie. Und als Paulin zur Schule kam, schimpfte er, weil sie mit den Fingern rechnete. „Dabei war sie die Zweitbeste in ihrer Klasse.“

Sina Gaede wollte leben. Sie lernte Christopher kennen und sagte ihrem Mann, dass sie sich trennen würde. Das war ein paar Tage vor Ostern. Seine Reaktion muss heftig gewesen sein. Sina Gaede schluckt, dann kommen ihr doch die Tränen. „Dass es so schlimm werden würde, wusste ich nicht.“ Vor der jungen Gastwirtin steht eine Vase mit rosa Tulpen. Frische Blumen. Heute gibt es hier keine Plastikblumen mehr. An den Wänden gibt es statt Geweihen rosa Punkte. „Paulin wollte am liebsten das ganze Lokal rosa streichen“, erzählt ihre Mutter und lacht, während sie sich die Tränen aus dem Gesicht wischt. Lachen und weinen zugleich, das muss sie heute oft, wenn sie an ihre Tochter denkt. Eine rosa Jagdgaststätte, das passt doch nicht, hat sie Paulin erklärt. Doch die blieb dabei: „Mama, wenn ich groß bin, werde ich hier Chefin, dann wird alles rosa!“ Der Traum einer Siebenjährigen.

Karfreitag 2012. Ihre Schwester war mit ihrer Tochter da, sie hatten zusammen Eier gefärbt. Das Lachen der Kinder drang durchs Haus. Sie haben dann noch im Wald Ostereier versteckt, „Ostern ist die Gaststätte voll, da hätten wir keine Zeit dafür gehabt“. Der letzte Tag ihres Lebens muss für Paulin schön gewesen sein. Mit einem Lächeln schlief sie abends ein. Zu diesem Zeitpunkt teilten schon nicht mehr Mann und Frau, sondern Mutter und Tochter das Schlafzimmer. Gegen 23 Uhr ging auch Sina Gaede ins Bett.

Ihr Schlaf sei tief und fest, sagt sie. Heute hilft ihr das, sie kommt nicht ins Grübeln und hat keine Albträume. Vor zwei Jahren hätte sie das fast das Leben gekostet. Eine halbe Stunde hat sie wohl erst geschlafen, als sie jäh erwachte. Überall Feuer, es stank nach Benzin. Sie sah an sich herunter: „Ich brannte lichterloh.“ Bernd stand vor ihr und höhnte, ob Christopher sie nun immer noch schön finden würde. „Ich rief nach der Kleinen, aber sie gab keinen Laut von sich.“ Panik ergriff Sina, sie versuchte zu ihrer Tochter zu kommen, bekam aber keine Luft, konnte nichts mehr sehen. „Ich muss Hilfe holen“, dachte sie, robbte zum Fenster und sprang. Vom zweiten Stock landete sie auf dem Dach des Festsaal-Anbaus, rappelte sich hoch, lief mit ihren verbrannten Beinen zum Tor. Es müssen höllische Schmerzen gewesen sein, aber Sina Gaede spürte in diesem Moment nichts. Nichts, außer der Angst um ihre Tochter. Ihre Schwester hatte schon die Feuerwehr gerufen. Sie war durch den Rauchmelder alarmiert worden. „Es kam mir vor wie Stunden, bis ich endlich das Blaulicht hörte“, erzählt Sina Gaede, dabei können es höchstens wenige Minuten gewesen sein. Irgendwann lag sie im Krankenwagen und wartete auf den Notarzt. Erst später erfuhr sie, warum sie so lange warten musste. Er war zuerst bei Paulin, versuchte sie zu retten, konnte aber nur noch ihren Tod feststellen – sechs Minuten nach Mitternacht, las sie später in der Polizeiakte.

Schuldgefühle verfolgen sie

Sina Gaede hatte Verbrennungen zweiten bis vierten Grades. Noch in der Nacht wurde sie notoperiert. „Als ich am nächsten Tag aus dem künstlichen Koma erwachte, habe ich zuerst gedacht, ich sei auf einer weißen Wolke. Im Himmel“, sagt sie heute, aber das Weiß, das sie sah, war der Kittel des Pflegers auf der Intensivstation. Sie kam zu sich, wollte Gewissheit. Sie rief bei ihrer Mutter an: „Mama, ist sie tot?“ Die Mutter reichte das Telefon dem Vater. In dem Moment war Sina Gaede alles klar. Seitdem wird sie die Schuldgefühle nicht mehr los. Dass sie nicht bei ihrer Tochter geblieben ist, dass sie sie nicht beschützen konnte vor dem eigenen Vater, der das Feuer gelegt hatte und bei dem Brand selbst ums Leben kam. Ihr Verstand sagt zwar: „Hilfe zu holen, war die einzige Chance, um Paulin zu retten.“ Aber es ist schwer, das Herz mit dem Verstand zu überzeugen.

In den ersten Tagen wollte Sina Gaede alles hinschmeißen. Weg aus Luckenwalde, weg aus diesem Leben. Aber Sina Gaede ist eine Kämpferin. Sie ist aufgestanden. Dass sie das überhaupt konnte, grenzt an ein Wunder. Denn die Ärzte wussten erst nicht, ob sie Sinas Beine retten könnten. Nach zwei Wochen drängelte die Versicherung. Weil die Gaststätte vom Brand nicht betroffen war, zahlte sie nicht mehr für den Verdienstausfall. Das hieß: schließen oder weitermachen. Weitermachen, entschied Sina Gaede. Ihre Mutter, die ohnehin immer im Service mitgearbeitet hatte, kümmerte sich um das Geschäft, während Sina Gaede noch in der Klinik war. „Ohne meine Mutter“, sagt sie heute, „hätte ich das alles nicht geschafft.“ Aber die Gäste blieben aus, sie machten einen großen Bogen um Sina Gaede. Bis heute hat sie das Gefühl, dass hinter ihrem Rücken getuschelt wird. „Ich hätte mir gewünscht, dass mich die Menschen angesprochen hätten, dass sie sich mir gegenüber normal verhalten hätten.“ Normalität brauchte sie, um wieder einen Alltag zu finden. Und Gäste brauchte sie, um ihre Kreditschulden abzuzahlen. Zu ihrem Kummer kam nun noch die wirtschaftliche Not.

In ihrer Verzweiflung wendete sich Sina Gaede im vergangenen Herbst an Sternekoch Frank Rosin, der in einer TV-Serie Restaurants in Schwierigkeiten hilft. Wunder kann auch er nicht vollbringen, aber er machte der Gastwirtin Mut, das Lokal zu modernisieren und die Speisekarte zu entrümpeln. Das Konzept ging auf, der Gaststätte geht es wieder besser. Die Gäste, die heute kommen, wissen oft gar nichts von Sina Gaedes Schicksal. Anzusehen ist ihr auch nichts. Die Narben auf der Hand sind fast verheilt, ihre Beine zeigt sie ohnehin nicht, die vertragen keine Sonne. Strandurlaub, wie ihn Paulin geliebt hat, wird Sina Gaede nie wieder machen.

Die Narben in ihrem Herzen – die werden wohl nie verheilen. Doch trotz des Schmerzes ist es gerade Paulin, die Sina Gaede jeden Morgen Kraft gibt, aufzustehen und ihre Gaststätte zu führen. So wie sie jetzt aussieht, mit den rosa Farbtupfern, hätte sie ihrer Tochter gefallen.