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Die Suppenkasper

Agrarwissenschaftler aus Müncheberg wollen mit Eintöpfen und Currys aus dem Glas den Biomarkt in Deutschland erobern

Die „Soljanka Hausmacher Art“ erinnert geschmacklich an frühere Zeiten, als die säuerlich-scharfe Suppe aus Osteuropa in fast jedem DDR-Haushalt bekannt war. Die „Rote Linsensuppe“ schmeckt durch Kokos sowie Curry ungewohnt exotisch und sättigt erstaunlich schnell. Und der „Afrikanische Erdnusstopf“ verheißt eine kulinarische Reise der besonderen Art. Kunden einschlägiger Bioläden in Berlin und Brandenburg schwören auf diese nahrhaften Kreationen, die von der Firma „Wünsch Dir Mahl“ aus Müncheberg in der Märkischen Schweiz erfunden wurden.

Kaum jemand der Suppenliebhaber weiß jedoch, dass hinter den flüssigen, biologisch hergestellten Mahlzeiten zwei junge Männer stecken, die mit dem Kochen eigentlich so gar nichts am Hut hatten. „Unser Ansatz war, aus gesunden Zutaten schmackhaftes Essen zu kreieren, das wie hausgemacht schmeckt und von dem man auch satt werden kann“, erzählen Moritz Timm und André Riediger, die in den vergangenen Jahren bei jeder Gelegenheit Eintöpfe und Suppen probierten und testeten, um sich inspirieren zu lassen.

Kennengelernt haben sich die beiden vor Jahren als Neuntklässler auf dem Gymnasium in Berlin-Buch. Der eine war mit den Eltern aus Bremen nach Bernau gezogen, der andere ist gebürtiger Berliner. Nach dem Abitur schlugen die beiden Freunde zunächst unterschiedliche Wege ein, obwohl sie beide Agrarwissenschaften – an unterschiedlichen Universitäten – studierten. Timm zog es aufs Land nach Mecklenburg-Vorpommern und Frankreich, Riediger engagierte sich in der afrikanischen Entwicklungshilfe. „Der Kontakt zwischen uns riss nie ab, gemeinsame Urlaube verbrachten wir stets in den Bergen“, erinnert sich der 32-jährige Riediger.

Beim Wandern im Sommer vor sieben Jahren muss wohl auch die Idee entstanden sein, künftig beruflich zusammenzuarbeiten. „Wir wollten nie zurück in die Stadt, uns interessierte das einfache Landleben“, ergänzt der gleichaltrige Timm. Der Plan war seinen Angaben nach zunächst, eine eigene Gärtnerei für Biogemüse aufzubauen. Doch dafür Land zu erwerben im Speckgürtel von Berlin, erwies sich als schwierig. Bei ihrer Suche landeten die beiden 2009 auf dem Demeter-Hof „Apfeltraum“ im Müncheberger Ortsteil Eggersdorf. „Dort gab es eine Küche, die nicht ausgelastet war. Also beschlossen wir, auf dem Biohof angebautes Gemüse zu Suppen zu verarbeiten“, beschreibt Riediger die Anfänge. Vom letzten Ersparten kauften sich die beiden einen Einkochautomaten, den sogenannten Autoklaven. Denn beide waren sich einig: Ihre in 650-Gramm-Gläser gefüllten Suppen sollten ohne Konservierungsstoffe auskommen – Einkochen und fertig. Bis spät in die Nacht hinein schnippelten die zwei Existenzgründer Gemüse und experimentierten mit den Rezepturen. „Da ging einiges schief, die Zucchinisuppen beispielsweise wurden uns sauer. Sellerie hingegen kam bei den Kunden gar nicht an“, beschreibt Timm, der noch heute der kreative „Suppenkopf“ der Firma ist. Was hingegen gelang, lieferten sie an den Biohandel, der der Geschäftsidee der beiden jungen Männer recht aufgeschlossen begegnete.

Zunächst waren es herkömmliche, vegetarische Eintöpfe, die sie kochten – das Besondere, die Exotik kam erst mit der Erfahrung. „Geschmack und Sensibilität mussten wir tatsächlich erst entwickeln“, gibt er zu. Und: Das Exotische, wie das vegetarische Chili, verkauft sich besser. Also arbeitete der frischgebackene Suppenexperte an der Verfeinerung der Rezepturen. Seine „Rote Linsensuppe“ ist noch heute der Verkaufsschlager unter den gut zehn Sorten.

Schnell stießen Riediger und Timm aber an Kapazitätsgrenzen – sowohl in der nur ab dem Nachmittag nutzbaren „Apfeltraum“-Küche als auch beim arbeitsintensiven Gemüseschnippeln. Inzwischen haben sie auf biologisch angebautes und dann tiefgekühltes Gemüse umgestellt. „Das ist immerhin schon geschält und vorgeschnitten“, meint Riediger seufzend, der parallel an der Eberswalder Hochschule für Nachhaltige Entwicklung noch ein Öko-Agrarmanagement-Studium absolvierte. Zudem waren beide auf Messen unterwegs, um ihre Suppen verkosten zu lassen und so herauszufinden, was die Geschmacksnerven von Suppenliebhabern trifft. Neuestes Produkt ist eine karibische Kartoffelsuppe mit Kokos, Zimt und Koriander, die ganz aktuell ins Sortiment von „Wünsch Dir Mahl“ aufgenommen wurde. „Was wir schon regulär kochen, wird mir schnell über. Deswegen experimentiere ich sehr viel, gerade mit einer Mandelsuppe“, sagt Timm. Nach einem Zwischenstopp auf einem anderen Ökohof tut er das inzwischen in der firmeneigenen Küche – in einer früheren Gaststätte mitten in Müncheberg. „Wir wollten Produktion und Vertrieb professionalisieren, um auch in größeren Stückzahlen liefern zu können“, sagt Riediger.

Seit Anfang vergangenen Jahres kochen zwei Köchinnen die von Timm erstellten Rezepturen präzise nach – 500 Gläser pro Tag, 8000 im Monat. Dadurch ist es den beiden Suppenmachern möglich, neben regionalen Naturkostläden den Biogroßhandel in Berlin und Brandenburg zu beliefern. Eine Viertelmillion Euro haben Timm und Riediger in ihre Firma investiert, allein 50.000 Euro kosteten die beiden Edelstahleinkochautomaten. Sie schwören auf vitaminreiches Tiefkühlgemüse, wollen dieses verstärkt wieder von regionalen Erzeugern beziehen. Die sorgfältige Herstellung aus ausgewählten Zutaten hat ihren Preis: Zwischen fünf und sechs Euro kostet ein Glas „Wünsch Dir Mahl“ durchschnittlich. Entstanden ist eine Kooperation mit dem Ökodorf Brodowin im Barnim. Von dort beziehen sie das Fleisch für ihr indisches „Ziegenlamm-Curry“. Gern würden sie neben den vegetarischen Suppen mehr Fleischgerichte anbieten. „Biofleisch ist allerdings sehr kostenintensiv. Wird auf Massentierhaltung verzichtet, sind die Preise höher – und dafür ist die Gesellschaft noch nicht bereit“, ist Timm überzeugt.