Untertage

Gefahr aus der Unterwelt

Bis vor 90 Jahren wurde im Stadtgebiet von Frankfurt (Oder) Braunkohle abgebaut. Über den alten Stollen ist die Erde brüchig, Löcher tun sich auf

– Frankfurts Unterwelt ist brüchig – nicht flächendeckend, aber in mehreren Siedlungen, an der Stadttangente, an der westlichen Ortsumgehung, am Rangierbahnhof. Was kaum noch jemand weiß: Bis vor 90 Jahren wurde im Stadtgebiet Braunkohle abgebaut, tief unter Tage in Stollen und Schächten. Zwar liegt diese Vergangenheit größtenteils im Verborgenen, aber manchmal kommt sie doch ans Tageslicht. Risse in Gebäuden, Absenkungen von Straßen oder plötzlich auftretende, mehrere Quadratmeter große Löcher sind Zeichen der Gefahr, die von den unterirdischen Hohlräumen ausgeht.

Keine andere Stadt in Brandenburg ist nach Angaben des Brandenburger Landesbergbauamtes in Zentrumsnähe und in potenziellen Baugebieten mit Bergbau-Spätfolgen derart belastet. Damals, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde der Rohstoff noch im Tiefbau abgebaut: Die Kohle lagerte überwiegend mehrere Dutzend Meter unter der Oberfläche und die Beseitigung des Abraums wie sie in Tagebauen praktiziert wird, war zu jener Zeit technisch noch nicht möglich. Um die Flöze zu erreichen, wurden Schächte geteuft – also von oben nach unten gegraben, um Lagerstätten zu erschließen - und Stollen angelegt. Mit Keilhaue und Spaten arbeiteten sich die Bergleute in der aus neun Gruben bestehenden Zeche „Vaterland“ durch Frankfurts Unterwelt.

Als die Vorkommen Anfang des 20. Jahrhunderts erschöpft waren, gab man den Tiefbau auf – ohne jedoch die alten Stollen zu sichern. Lediglich die hölzernen Stützpfeiler wurden in der Regel entfernt, ein Zusammenbrechen der Bergbaureste einkalkuliert. „Über Jahrzehnte senken sich diese Hohlräume, stürzen schließlich ein“, erklärt Wolfram Seiferth, Geschäftsführer der Frankfurter Firma BSF Bergsicherung und Baugrundsanierung. Im Auftrag des Brandenburger Landesbergbauamtes – Sonderordnungsbehörde für Maßnahmen zur Gefahrenabwehr aus dem Altbergbau – verfüllt das Unternehmen knapp 90 Jahre nach dem Ende der Braunkohlenförderung in Frankfurt noch immer alte Stollen. Seiferth ist froh, dass bisher wie durch ein Wunder noch nie Menschen dabei zu Schaden kamen.

Die alten, einsturzgefährdeten Schachtstandorte sind heute für den Laien allerdings nicht mehr erkennbar. „Dort gab es große Abraumhalden mit dem sogenannten Braunkohlenschluft, die heute in der Regel bewaldet sind“, beschreibt der Fachmann. Wo Schächte und Stollen schon vor Jahrzehnten zusammenbrachen, sind seinen Angaben nach längere Senken entstanden, beispielsweise entlang der Bundesstraße 5. Im Jahr 2005 hat das Landesbergbauamt die Gefährdungsbereiche im Frankfurter Stadtgebiet analysiert und ein Sicherungsprogramm erarbeitet. Zugrunde lagen alte Akten und Risswerke des ehemaligen Bergbaureviers Frankfurt, die im Landeshauptarchiv von Sachsen-Anhalt lagern. Die Firma BSF sichert und verfüllt mit ihren 20 Mitarbeitern die alten Bergbau-Altlasten seit Jahren vor allem dort, wo die öffentliche Sicherheit gefährdet ist. „Das meiste haben wir in den vergangenen 20 Jahren abgearbeitet“, sagt Seiferth. Doch noch immer gibt es Stellen, an denen sogenannte Tagesbrüche auftreten. „Diese Gefahrenpunkte erkunden wir mit speziellen Bohrungen, um herauszufinden, wie groß und tief die verborgenen Hohlräume sind.“ Denn begehbar sind die alten Gruben nicht mehr. In die Bohrlöcher werden Stahlrohre bis zu 55 Meter tief geführt, durch die ein Gemisch aus Filterasche – die bei der Verbrennung in Kohlekraftwerken entsteht – und Wasser gepumpt wird. Dieses Material läuft bis in die letzte Ritze und wird fest wie Beton. „Da kann dann nichts mehr nachgeben“, sagt der Fachmann.

Das Land Brandenburg hat nach Angaben des Bergbauamtes seit 2007 in Frankfurt rund 1,5 Millionen Euro für die Erkundung und Schließung von Hohlräumen investiert. Hinzu kamen laut Seiferth noch 4,5 Millionen Euro EU-Fördermittel. Landesweit sind rund 265 Standorte ehemaliger Bergbaugruben bekannt. Im Raum Frankfurt wurde zwischen 1842 und 1925 von rund 200 Bergleuten Braunkohle auf mehr als drei Quadratkilometern in bis zu 40 Meter Tiefe gefördert. Danach waren die Vorkommen erschöpft.

Im Jahr 1896 entstand sogar eine Presskohle-Fabrik, die bis 1905 Vorläufer der heutigen Briketts produzierte. Der Abbau der Braunkohle führte zu einem industriellen Aufschwung. Durch die günstigere Energiegewinnung wurden verstärkt Dampfmaschinen in der Region eingesetzt. Die wiederum beförderten die Entwicklung des Eisenbahntransportes, den Einsatz von Dampfschiffen auf der Oder und ein Wachstum verschiedener Industriezweige.

Aufgrund des technischen Fortschrittes unwirtschaftlich geworden, wurde der Braunkohletiefbau um 1930 von Tagebauen abgelöst. Das über der Kohle liegende Gestein wird seitdem mit technischen Maschinen und Anlagen entfernt sowie als Abraum verkippt. Das wohl bekannteste, in den 1960er-Jahren geflutete Tagebaurestloch ist das Frankfurter Naherholungsgebiet um den Helene- und den Katjasee.