Landtag

Kehraus im Hohen Haus

Noch hängt im alten Landtag der Behördenmuff. Nun wird aufgeräumt – für künftige Investoren

Der Weihnachtsbaum nadelt. Der Computer, den ein Abgeordneter der Linken vergessen hat, staubt ein. Eine Palme lässt ihre vertrockneten Wedel hängen. „Ansonsten haben die Abgeordneten das Haus zu 99 Prozent besenrein verlassen“, lobt Dieter Kahlau. Die 30 Papier- und Restmüllcontainer, die seit Frühjahr 2013 vor Fenstern und Türen über Müllrutschen mit dem Backsteinbau verbunden wurden, hätten reichlich geschluckt. Kahlau ist zufrieden. Seit Januar ist der 60-Jährige als Sonderbeauftragter des Brandenburgischen Landesbetriebs für Liegenschaften und Bauen (BLB) zuständig für die Leerstandsverwaltung des früheren Brandenburger Landtags. Ein Job auf Zeit. Bis sich fürs Objekt auf der Brauhausbergkuppe, 1902 unter Wilhelm II. als Kriegsschule errichtet, ein Investor gefunden hat. „Die Lage ist top. Lange wird das nicht dauern“, sagt Kahlau.

Bis dahin muss er einiges erledigen. Sanitäranlagen müssen zurückgebaut, Zugänge von Baracken im Außenbereich vernagelt, morsche Bäume auf dem Areal gefällt, auch etwaige Nagetiere unter den Dielen vertrieben werden. Kahlau hat seine Augen und Ohren überall. Noch ist das Ensemble nicht beräumt, reihen sich quietschende Drehstühle neben Schreibtischen mit hellbraunem Kunststoffüberzug und taubengrauen Freischwingern. Der BLB-Mann muss prüfen, was an Ausstattung noch taugt. Rund 5.500 Gegenstände – größtenteils in den frühen 90er-Jahren angeschafft – stehen auf seiner Inventarliste. Alles muss raus. Zuerst wird an die Landesverwaltung verteilt. „An die, die Bedarf angemeldet haben. Schließlich wollen wir kein Geld für neue Möbel ausgeben müssen, wenn wir auf Vorhandenes zurückgreifen können“, sagt Kahlau. Was übrig bleibe, verwerte die bundeseigene Treuhandgesellschaft VEBEG. Das sei die Chance für am Mobiliar interessierte Privatleute. Die können bei einer Auktion Küchengeräte oder Sessel erwerben. Das Übrige werde anschließend kostenlos an Vereine abgegeben. „Nur den Transport müssen die selbst übernehmen.“

In den nächsten Tagen will Kahlau die Heizung „nach unten regulieren“. Die Frostgefahr scheine ja vorbei und damit die Sorge, dass Wasserrohre im Haupttrakt auf dem 39.000 Quadratmeter großen Areal platzen könnten. Noch schickt die gut 100 Jahre alte Niederdruckdampfheizung stetig heißen Wasserdampf durch eiserne Rohre und wuchtige Heizkörper. „Lässt sich leider alles schwer einstellen“, sagt Kahlau. „Manche Thermostate sind reinste Attrappen.“ Über die Jahrzehnte seien Teile der Anlage repariert oder ausgetauscht worden. Ein Flickstück, das aber funktioniere. Im langgestreckten Flur im Erdgeschoss, von dem frühere Besprechungsräume der Fraktionen abzweigen, staut sich die Wärme. Erst im weiträumigen historischen Treppenaufgang kühlt es sich merklich ab. „Das hat natürlich auch viel mit den Fenstern zu tun“, erklärt Kahlau. Die seien ein Sammelsurium aus Jahrzehnten: teils Doppelfenster mit Holz- und Kunststoffrahmen, einige undicht und zugig, andere dagegen gut isoliert.

Die einstige Kriegsschule, in der bis 1990 die SED-Bezirksleitung Potsdam und nach der Wende der Landtag residierte, ist ein Puzzlebau. Fleckiger, mausgrauer Spannteppich wird von welligem Parkett aus den 50er-Jahren abgelöst, gefolgt von dunklen Granitstufen aus der Kaiserzeit. Moderne Glastüren führen in Gänge, deren Oberlichter schon vor Jahrzehnten mit weißer Farbe überstrichen wurden und die Szenerie so in schummriges Halbdunkel tauchen. Nur wenn Kahlau eine der Bürotüren öffnet, dringt direktes Tageslicht in den Flurtrakt. Gänge und Treppen ziehen sich labyrinthartig durchs Gebäude – eine Folge der Anbauten, vom 1951 ergänzten Ostflügel bis zum Kopfanbau des Hauptgebäudes 1963. „In den Etagen fehlten die Schilder mit den Stockwerkangaben“, sagt Kahlau. „Für Erstbesucher sicher verwirrend.“ In den Wänden hat sich das Aroma aus muffigem Altbau und Reinigungsmitteln festgebissen.

„Bitte keine Speisen und Getränke in den Plenarsaal nehmen!“ ist auf einem Schild vor dem Saaleingang zu lesen. Niemand hat es entsorgt. Auch nicht die Namensschilder an den Tischen der Fraktionen, die noch vor Monaten Herrn Wichmann oder Frau Richstein ihren Platz zuwiesen. „Die technische Anlage ist ebenfalls noch intakt“, sagt Kahlau. Nichts davon bemerkt Frank Daskow. Das Innere des alten Landtags ist für den Sicherheitsmann tabu. Die Überwachungskameras sind nur auf den Außenbereich gerichtet. „Vandalismus gibt es hier nicht“, sagt der Wachmann. Vielleicht auch den hellen Lichtkegeln der Außenbeleuchtung geschuldet. Nur einmal habe sich ein Pärchen über den hüfthohen Zaun geschwungen. „Vielleicht Verliebte oder Neugierige, wer weiß.“ Daskow zuckt die Schultern. Und denkt an den Sonnenaufgang bei Schichtbeginn. „Das ist Romantik pur. Nur Fuchs und Katze schauen hier nur noch ab und an vorbei“, sagt er und lächelt.