Gesundheit

Erste Hilfe für Menschen ohne Wohnsitz

Ein Berliner Arzt hilft in Potsdam Obdachlosen

Den weißen Kittel lässt Horst Schütz in der zentralen Notaufnahme des Klinikums Ernst von Bergmann hängen. Pulli und Jeans genügen dem 52-Jährigen an diesem Vormittag. Obwohl der Oberarzt im Dienst ist. Auch ein Namensschild ist unnötig. Namen spielen heute keine Rolle. Der Mediziner garantiert seinen Patienten Anonymität. Kennt nur ihr Alter, wenige Fakten ihrer aktuellen Lebensumstände – „ob jemand im Schlafsack in einem Abrisshaus campiert oder gelegentlich bei Bekannten in einer Wohnung unterschlüpft“. Informationen, die entscheidend sind, wenn es Schütz mit einer schweren Bronchitis, offenen Füßen, Ausschlag oder Magengeschwüren zu tun bekommt. Der Berliner, der seit 2005 in der Notaufnahme der Potsdamer Klinik Menschen hilft, ist Teil eines Teams aus drei Ärzten und fünf Krankenschwestern, das donnerstags Treffs von Obdachlosen anfährt. Zwei Koffer packt Schütz in den gelb lackierten, von der Feuerwehr spendierten Krankenwagen. Gefüllt mit Schmerztabletten, Hustenlösern, Mitteln gegen Verstopfung und Läuse, Antibiotika, Verbandsstoff, Messgeräten für Blutzucker und Blutdruck.

Rechnung von 25.000 Euro

Vor gut einem Jahr haben Stadt und städtisches Klinikum den Erste-Hilfe-Service initiiert, den sie allein finanzieren. Auf 25.000 Euro beläuft sich mittlerweile die Rechnung. 179 Patientenkontakte innerhalb von zwölf Monaten ergibt die Statistik. „Krankenkassen, auch die Kassenärztliche Vereinigung geben keinen Cent dazu“, kritisiert Schütz. Er ist verärgert darüber: „Immerhin sind fast alle Wohnungslosen, die wir behandeln, versichert.“ Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger stimmt zu: „Durch den Einsatz der Ärzte kann Menschen geholfen werden, die sonst nicht oder nur in den seltensten Fällen einen Arzt aufsuchen. Dadurch können Erkrankungen frühzeitig erkannt werden.“ Schütz nickt. Die Scheu vorm Arzt sitze bei vielen tief. Die Angst, von Mitpatienten im Wartezimmer stigmatisiert zu werden, halte vom Praxisbesuch ab. „Selbst die eigens eingerichtete Sprechstunde im Klinikum wird kaum frequentiert.“ Die Hemmschwelle sei zu groß.

„Ich mag keine Menschen“, sagt Max. Auskuriert hat sich der 37-Jährige früher allein. „Irgendwie.“ Sein Arm ist bandagiert. Schütz und Krankenschwester Silke Rühlicke haben ihn versorgt. Max ist mit dem Rad gestürzt. Er hat sich das Handgelenk geprellt, das erst kürzlich gebrochen war. Nur keine Schwäche zeigen. Damit Schmidt, seine Mischlingshündin, nicht unruhig wird. Die weicht ihrem Halter nicht von der Seite. Teilt sein Los von der „selbst gewählten Freiheit“, wie Max betont. Aufgewachsen ist er in Luckenwalde, als Achtjährigen hat ihn die Mutter nach Potsdam gebracht. In der Landeshauptstadt sei er nie richtig angekommen. Der Mann mit den zwei Ringen im Ohr und dem Musketierbärtchen lebt auf der Havel.

Ein paar Holzbalken hat er sich zu einem Floß gezimmert. „Unser Zuhause“, sagt er und streichelt den breiten Schädel seiner vierbeinigen Begleiterin. Die ist in einen Hundemantel gehüllt. Die Decke muss gegen die Minusgrade genügen. „In der Notunterkunft im Lerchensteig nehmen sie mich nicht auf“, zitiert er das dortige Verbot des Trägers, der Arbeiterwohlfahrt, Tiere mitzubringen. „Aber ohne meinen Hund bleibe ich nirgends.“ Vom Floßbau hat er Schwester Silke und Schütz beim Verbandanlegen erzählt. Auch von den zwei kulanten Tierärzten in Potsdam, bei denen er in Raten die Kosten für die Behandlung seines Hundes abzahlen kann. Mehr als eine halbe Stunde hätten ihm die beiden zugehört. Max lächelt kurz. Eines der wenigen Male.

„Die Patienten kennen mittlerweile unsere Gesichter, haben Vertrauen gefasst“, sagt Schütz. Das Arztmobil ist donnerstags von 9 bis 10 Uhr am Obdachlosenheim im Lerchensteig 55 anzutreffen und von 10.30 bis 12 Uhr an der bbw-Akademie.