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Ein kleiner Klecks gegen Einbrecher

Die Brandenburger Polizei empfiehlt Markierungen mit künstlicher DNA auf Wertgegenständen. Berlin ist skeptisch

Gerhard Wusterack ist schon so etwas wie ein Experte der künstlichen DNA. Auf seinem Briefkasten kleben gleich zwei runde Aufkleber mit der Aufschrift: „Diebstahlschutz durch DNA“. Zu lesen ist auch: „DNA-Spuren führen zum Täter“. Ein solcher Hinweis findet sich auch am Seitenfenster seines grauen Mazda 6, den der Zossener vor dem Haus geparkt hat. Der 66-Jährige hat alles, was ihm wichtig ist, mit der sogenannten K DNA markiert. Den großen Flachbild-Fernseher im Wohnzimmer. Die kleine goldene Standuhr. Auch das selbst gebastelte Segelschiff auf der Kommode. „Es gibt mir und meiner Frau ein Gefühl von Sicherheit“, sagt Gerhard Wusterack.

Seit sechs Jahren wohnt das Paar im Scheunenviertel in Zossen im Kreis Teltow-Fläming. Eine Siedlung mit Einfamilien- und Doppelhäusern, umgeben von Feldern. Eine ruhige Gegend. Vor allem tagsüber, wenn viele der Bewohner arbeiten sind. Die Ruhe wissen auch die Kriminellen zu schätzen. Innerhalb von 14 Tagen wurden in der Siedlung fünf Autos gestohlen. Fast jeder kennt einen, bei dem schon im Haus eingebrochen wurde oder Diebe es versucht haben. „Vor einigen Jahren haben Unbekannte unsere Gartenlaube in Steglitz aufgebrochen, durchwühlten und verwüsteten alles“, berichtet Gerhard Wusterack, der früher in Berlin gewohnt hat. „So was vergisst man nicht.“ Mit den Aufklebern hoffen er und seine Frau, die Diebe abzuschrecken. Und falls das nicht gelingt, ihr Eigentum wiederzubekommen.

Infomobil unterwegs

Wie die künstliche DNA funktioniert, darüber informiert derzeit die Brandenburger Polizei die Bürger – vor allem im Berliner Speckgürtel und in der Grenzregion zu Polen. Denn anders als Berlin empfiehlt das Land Brandenburg den Einsatz der chemischen Substanz. Die durchsichtige Flüssigkeit, die wie Nagellack aussieht, wird mit einem Stäbchen auf Uhren, Schmuck, Fernseher, Autos oder andere Wertgegenstände aufgetragen. Ein kleiner Klecks genügt. Lässt sich der Dieb nicht durch den zusätzlich angebrachten Warn-Aufkleber abhalten, besteht für Bestohlene zumindest die Chance, dass sie ihr Eigentum zurück bekommen. Denn wird die Diebesbeute sichergestellt, kann die Polizei anhand einer Schwarzlichtlampe im blauen Schein einen Code erkennen. Sie kann dann bei der Herstellerfirma nachfragen, dort sind die Daten des Besitzers registriert. Ein Set kostet etwa 90 Euro, die Flüssigkeit reicht für 50 Gegenstände aus und kann am einfachsten übers Internet erworben werden. „Es ist kein Wundermittel“, sagt Innenminister Ralf Holzschuher (SPD). „Aber die K DNA ist zumindest ein Baustein im Schutz vor Einbruch und Diebstahl.“

Polizeihauptkommissar Olaf Lehnhardt, der immer wieder auch mal in der Scheunensiedlung in Zossen vorbei schaut, hat gerade viele Bürgerfragen zu technischem Einbruchschutz beantwortet. Das Infomobil der Polizei stand auf einem Parkplatz in Blankenfelde-Mahlow. Der Leiter der Prävention bei der Polizeiinspektion Teltow-Fläming sagt: „Ein Drittel der etwa 120 Ratsuchenden heute hat sich für die künstliche DNA interessiert.“

Anstieg in Einbruchsstatistik

Einige Kommunen haben künstliche DNA selbst gekauft und geben sie an ihre Bürger zum Einkaufspreis weiter. Einer der Vorreiter war Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) südwestlich von Berlin. „Wir haben uns dafür entschieden, 1000 K DNA-Sets anzuschaffen und für jeweils 45 Euro an die Bürger auszugeben“, sagt Martina Bellack, die Sprecherin der Gemeindeverwaltung. Das war im Oktober vorigen Jahres. Von den 1000 Sets wurde bislang rund die Hälfte verkauft.

„Eigentlich hatten wir mit einem größeren Interesse gerechnet“, sagt Bellack. Kleinmachnow gilt als Einbruchs-Hochburg. Im ersten Halbjahr 2013 gab es dort 65 Einbrüche, neun mehr als im Vorjahreszeitraum. Vor allem werden die Täter immer dreister. Sie kommen verstärkt tagsüber. Vorher kundschaften sie meist die Gegend aus.

Wie die der Berliner Morgenpost vorliegende Statistik für 2013 belegt, hat es einen weiteren Anstieg der Wohnungseinbrüche in Brandenburg gegeben. 4001-mal wurde eingebrochen, im Jahr zuvor 3735-mal. Alarmierend: Seit 2009 hat sich die Zahl der Einbrüche fast verdoppelt. Aufgeklärt werden konnte nur rund ein Fünftel der Fälle. Im vorigen Jahr wurden 3522 Fahrzeuge geklaut, 2012 waren es 3355.

„30 Prozent dieser Wohnungseinbrüche wurden abgebrochen“, erläutert Ingo Decker, Sprecher des Innenministeriums. Im Bundesdurchschnitt liege die Quote der gescheiterten Taten bei 40 Prozent. Das bedeutet: „Die Brandenburger schützen ihr Eigentum immer noch zu wenig“, sagt Decker. Fast die Hälfte aller Einbrüche gab es im Speckgürtel um Berlin. Derzeit beschäftigt die Polizei eine Einbruchsserie in Potsdam-Mittelmark und Havelland.

In Potsdam wurde im ersten Halbjahr 2013 in 102 Häuser oder Wohnungen eingebrochen – eine Steigerung von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Stadtverwaltung ließ sich deshalb jetzt von der Polizeidirektion West auch über die künstliche DNA informieren. Die Beigeordnete Elona Müller-Preinesberger kündigte an: „Wir halten den Einsatz als Prävention für sinnvoll. Wir werden deshalb prüfen, wie wir damit verfahren.“ Im Klartext: Die Stadt Potsdam überlegt, ob sie wie Kleinmachnow Sets anschafft und an die Bürger weitergibt oder nur unterstützt.

„Wir haben der Stadt angeboten, sie auch künftig zu beraten“, sagt Christoph Koppe, Sprecher der Polizeidirektion West. „Erfolge können wir noch nicht in Zahlen nachweisen, da das Projekt zu kurz läuft.“ In dem Konzept werde ein „ganzheitlicher Ansatz verfolgt“. Der Bürger solle mitwirken. Landesweit wird die künstliche DNA in elf Kommunen verwendet. Darunter in Stahnsdorf, im havelländischen Ketzin und in Eisenhüttenstadt. Auch Firmen wie Vattenfall in Cottbus, die Deutsche Bahn AG, das PCK Schwedt und die Stadtwerke Frankfurt/Oder setzen das Mittel bereits ein.

Das Land Berlin hingegen hält offenbar nicht viel von der Methode. „Wir beobachten den Einsatz von künstlicher DNA“, sagt Polizeisprecherin Kerstin Ziesmer. Bislang gebe es aber keine Erkenntnisse, wonach die Einbruchskriminalität dadurch spürbar gesenkt werden könne. Auch die präventive Wirkung sei nicht erwiesen. „Gegen eine Einführung bei der Polizei Berlin sprechen zudem wirtschaftliche und organisatorische Gründe“, sagt sie.

Allein auf die Polizei will der Zossener Gerhard Wusterack nicht bauen. Er entschied sich nicht nur für die K DNA, er hat auch einen Wachhund. Florin ist nicht nur beeindruckend groß, er bellt auch sehr laut.