Prozessauftakt

Attacke im Himmel

Flugschüler greift Pilot in 1500 Meter Flughöhe plötzlich mit Stein an

Der Fluglehrer Winfried G. kann auch heute noch nicht fassen, was ihm am 21. Juni vergangenen Jahres passierte: Der 73-Jährige wurde in einer Flughöhe von 1500 Meter von einem Schüler plötzlich mit einem Stein attackiert. Er konnte die Cessna gerade noch halbwegs landen. Als Motiv des Flugschülers wird eine geplante Selbsttötung vermutet.

Theatralischer Auftritt

Dieser Schüler muss sich seit Montag in Frankfurt/Oder nun wegen versuchten Mordes vor einem Schwurgericht verantworten. Kleomenis S. ist Grieche, hat in Berlin offenbar auch nur kurz bei einem Freund gewohnt, den er im Internet kennenlernte. Wenn sich der 52-Jährige theatralisch zum Gericht beugt, erinnert er an den Komiker Rowan Atkinson, der den Sonderling Mr. Bean spielt.

Vor Gericht gibt sich Kleomenis S. große Mühe, den Mann von Welt vorzugeben. Er berichtet von seinem – offenbar abgebrochenen – Medizinstudium in den USA. Zudem will er in Italien Design studiert und als Schuhdesigner gearbeitet haben. Er war angeblich auch Lehrer für Englisch, Französisch und Italienisch oder auch mal Generaldirektor einer Werbegesellschaft. Später kommt bei Nachfragen des Vorsitzenden Richters zur Sprache, dass Kleomenis S. von einer griechischen Rente lebte (700 Euro), die er als HIV-positiver Patient bekam, von der Verpachtung zweier Parkplätze in Athen (500 Euro pro Monat) und von 3000 Euro, die ihm seine offenbar wohlhabende Mutter alle zwei Monate überwies. „Egal, wo ich gerade war“, erklärte er freimütig, „das Geld meiner Mutter kam immer hinterher.“

Für das Geschehen am 21. Juni hat Kleomenis S. eine schwer nachvollziehbare Erklärung. Es war der zweite Unterrichtstag bei Fluglehrer Winfried G. Aber schon bei dem Check-up auf dem Flughafen in Strausberg (Märkisch-Oderland) habe ihn der Fluglehrer angeblich mehrfach an intime Stellen gefasst. Das habe sich während des Fluges fortgesetzt. Kleomenis S. – seine Wort werden von einem Dolmetscher übersetzt – beschreibt das sehr wortreich. Er schildert, seine Angst, seine Panik, seinen Schockzustand angesichts der sexuellen Übergriffe im Cockpit. Und er beschreibt den Fluglehrer, der ein „rotes Gesicht“ hatte, „teuflische Augen“ und „Hände wie Schlangen“.

Es sei zu einem Gerangel gekommen. Der Fluglehrer habe – in dem winzigen Cockpit kaum möglich – plötzlich über ihn gelegen. Dann sei die Cessna auch schon nach unten gerast. Winfried G. gelang es noch, den Motor abzuschalten und die Landeklappen auszufahren. Die Maschine landete rücklings auf einem Feld. Lehrer und Schüler überlebten ohne große Verletzungen. Aber selbst nach dem Absturz soll Winfried G. weiterhin zudringlich gewesen sein. Als Reiseutensil trug Kleomenis S. einen Beutel bei sich, in dem sich ein Messer und ein gut ein Kilogramm schwerer, scharfkantiger Kristallstein befand. Er soll für ihn, sagt er, „wegen seiner Therapiekraft“ eine Art Glücksbringer gewesen. Er habe ihn 2006 in London gekauft und seitdem stets bei sich getragen, so Kleomenis S. Diesen Stein habe er zu packen bekommen und damit zugeschlagen. Wieder ohne Erfolg. Der Fluglehrer – „er war stark wie ein Tiger“ – habe ihm den Stein entrissen. Wenig später sei Kleomenis S. aus der Maschine, in einem Wald geflohen und dort in Ohmacht gefallen.

Als erster Zeuge wird Winfried G. gehört. Er ist ein drahtiger Mann, trägt eine Lederjacke und ist mit seinem wettergegerbten Gesicht auch sonst genau das Gegenteil zum Angeklagten. Winfried G. war nach eigener Aussage völlig arglos, als ihn Kleomenis S. „plötzlich während des Fluges den Stein gegen den Kopf“ geschlagen. „Ich habe geblutet wie ein Schwein“, sagt er. Als ihn der Richter vorsichtig fragt, ob er homosexuell sei, schnauft der Fluglehrer und antwortet voller Verachtung: „Nein, ganz gewiss nicht.“ Warum der Angeklagte ausgerechnet zu ihm gekommen sei, kann er nicht sagen. „Ich möchte ja selber wissen, warum das ausgerechnet mir passiert ist“, poltert er. „Wir auch“, sagt der Richter, „wir auch.“

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt. Vieles wird noch geklärt und hinterfragt werden. So hatte Kleomenis S. unmittelbar vor seiner Flugstunde im griechischen Konsulat ein Testament hinterlegt. Und den Kristallstein soll Kleomenis S. in Berlin gestohlen haben – auch das unmittelbar vor dem Flug.