Mitstreiter gesucht

Die sich die Kugel geben

Im Sieversdorf spielen die Einwohner eine friesische Sportart: Sie bosseln

Wenn in den Wäldern rings um Falkenhagen (Märkisch-Oderland) der dreifache Schlachtruf „Schmiet weg“ ertönt, sollten Spaziergänger, Anwohner und Jäger lieber in Deckung gehen. „Schmiet weg“ ist norddeutsch und heißt soviel wie „Schmeiß weg“. Danach fliegen und rollen kiloschwere, rote Gummikugeln durch die Gegend, während mehrere Männer und eine Frau begeistert hinterherlaufen. Sie gehören zu den aktiven Mitgliedern des Sieversdorfer Bosselvereins, der 1983 aus Begeisterung zu der aus Nordeuropa stammenden und vor allem bei den Friesen verbreiteten Sportart gegründet wurde.

Das ganze Prozedere ist nicht etwa Murmeln für Erwachsene, auch wenn die Gummikugeln ab und zu auch mal in Löchern verschwinden. Doch das ist ungewollt. Vielmehr geht es darum, die Kugel auf einer festgelegten Strecke möglichst weit zu schleudern. Die Technik ist dabei ähnlich dem Diskuswerfen, also nicht über die Schulter, sondern fast aus der Hocke heraus. Ein schneller Anlauf erhöht die Weite des Wurfes. Jeweils zwei Mannschaften treten gegeneinander an und werfen immer abwechselnd. Der zweite Spieler ist immer an der Stelle dran, an der die Kugel seines Mannschafts-Vorgängers liegengeblieben ist. Er muss also immer besser sein, als der erste Werfer der Gegner. Je nachdem, wie viel Würfe für eine bestimmte Distanz benötigt werden, gibt es Punkte. Vor fast 50 Jahren ist der Sieversdorfer Rolf Brendling in die Geheimnisse des Bosselns eingeweiht worden, dessen komplizierte Spielregeln schon Theodor Storm in seinem „Schimmelreiter“ ausführlich beschrieb. Brendling jedenfalls ließ das Bosseln auch im Brandenburgischen nicht mehr los.

„Zunächst haben wir nur in der Familie gespielt“, erinnert sich der 76-Jährige lächelnd. Vor mehr als 30 Jahren dann hatte der Bossel-Fan auch Nachbarn mit seiner nordischen Leidenschaft angesteckt, der Verein wurde gegründet. Seitdem trafen sich mehr als ein Dutzend Männer jeden Sonntagvormittag zum fröhlichen Gummikugel-Werfen. „Das bei uns ein Ersatz für den herkömmlichen Frühschoppen“, sagt Brendling, zur Halbzeit. Inzwischen ist Brendling eigenen Angaben nach zu alt zum Bosseln, ebenso wie viele seiner langjährigen Mitstreiter. „Den eingetragenen Verein gibt es nicht mehr, aber wir sind immer noch die Sieversdorfer Bosselfreunde“, erklärt Siegfried Weiss, der mit seinen Mitstreitern die Tradition fortsetzt – bei Wind und Wetter wird am Sonntagvormittag gebosselt. „Ausnahmen hatten wir bei schlimmem Glatteis oder strömendem Regen“, gesteht der 52-jährige Sieversdorfer. „Das Schlimmste, was wir mal erlebt haben, war ein Sandsturm Ende der 80er-Jahre“, erinnert sich Brendling. „Da haben wir ständig hinter den Bäumen Deckung gesucht. Auf der Strecke konnte man nichts mehr sehen.“ Ansonsten ist der Sonntagvormittag gesetzt. Unentschuldigtes Fehlen wird mit einer Strafzahlung von fünf Euro geahndet, feiertags kostet es doppelt. Strafen gibt es auch, wenn der Werfer mit seiner Kugel die der gegnerischen Mannschaft trifft – 20 Cent sind jedes Mal fällig. Die Bewegung an frischer Luft, die Herausforderung der Strecke mit Hügeln und Kurven sind für die Sieversdorfer das Faszinierende an dieser Sportart. „Da ist auch ne Menge Glück im Spiel – gerade im Winter auf glatten Strecken“, meint Angelika Skeide, seit 2008 bei den Sieversdorfer Bosselern, als erste und bisher einzige Frau.

Wettkampf mit Fußballern

Anfangs wurden die Sieversdorfer „Ostfriesen“ noch belächelt. „Vorsicht, da kommen die Verrückten mit den Gummikugeln“, lautete sonntags die Devise. In ihrer Ehre gekränkt forderten die Bossel-Freunde die Fußballer aus dem benachbarten Petersdorf heraus. „Na, die waren aber schnell kreuzlahm und uns schon in Sachen Kondition weit unterlegen“, erzählt Weiß stolz. Gebosselt wird nur in der kalten Jahreszeit – vom 3. Oktober des einen bis zum Karfreitag des folgenden Jahres. „Danach ist es einfach zu warm. Denn man kommt beim Werfen und zügigen Hinterher-Laufen doch ganz schön ins Schwitzen“, erklärt Ex-Bosseler-Brendling. Und außerdem sorge die wachsende Vegitation dafür, dass die Suche nach den Kugeln kompliziert werde, ergänzt Weiss. „Auch bei hohem Schnee ist es nicht einfach. Da kannst Du Dich nur an den Spuren orientieren und schauen, wo die Kugel eingeschlagen ist.“ Früher wurde rund um Sieversdorf (Landkreis Oder-Spree) gebosselt, seit einigen Jahren wetteifern die fünf auf einer Strecke im Wald bei Falkenhagen. „Die alten Waldwege sind alle zerfahren. Das macht keinen Spaß“, sagt Skeide, amtierende Feld-Meisterin der Sieversdorfer Bosselfreunde. Bei Falkenhagen hätten sie eine gut befestigte und Wind geschützte Strecke gefunden, auf der die Kugeln weit rollen.

Die Sieversdorfer Bosselfreunde hätten gern wieder mehr Mitstreiter. Doch bisher konnten sie niemanden begeistern. Die Aussicht, sonntags ab 9.30 Uhr durch den Wald zu jagen, scheint kaum verlockend.