Angeklagt

„Bei mir wollte sie nicht, bei anderen doch“

Friedhelm R. übergoss seine Ehefrau mit Benzin und zündete sie an. Jetzt steht der 51-Jährige wegen versuchten Mordes vor Gericht

– Im Juli 2012 sah der damals 50 Jahre alte Friedhelm R. zum ersten Mal seine spätere Ehefrau Dana. Sie war Krankenpflegerin und betreute die behinderte Tochter seiner Schwester. „Ich weiß, es klingt komisch“, sagt Friedhelm R. „Aber es war bei ihr tatsächlich Liebe auf dem ersten Blick.“

Gut anderthalb Jahre später steht Friedhelm R. vor einem Potsdamer Schwurgericht. Angeklagt wegen versuchten Mordes, nachdem er im Juni vergangenen Jahres seine Frau Dana mit Benzin übergossen und anzündet hatte. Die 36-Jährige ist Nebenklägerin in diesem Prozess. Sie konnte sich durch einen Sprung in einen Pool retten und lag danach tagelang im Koma.

Opfer will Aussage nicht hören

In Dana R.s Gesicht sind – auch nach inzwischen 13 Operationen – noch deutlich die Narben der Verbrennungen zu sehen. Sie sitzt im Gerichtsflur, will nicht dabei sein, wenn ihr Ex-Mann aussagt. Das würde ihre eigene Aussage – die am nächsten Prozesstag erwartet wird – schwächen. Aber sie mag ohnehin nicht hören, was Friedhelm R. zu sagen hat. Sie kenne das schon, sagt sie leise und nickt müde, als ihre Anwältin von „Fantasiegebilden“ spricht.

Friedhelm R. gesteht die Tat, doch er hat sich auf seine Aussage vorbereitet. Vor ihm liegen Zettel mit Stichpunkten. Und er nimmt die Aufforderung des Vorsitzenden Richters, erst einmal von seinem bisherigen Leben zu erzählen, sehr ernst. Es werden von ihm viele Details ausgebreitet: Die glückliche Kindheit in einer Kleinstadt an der Ostseeküste. Die nach der zehnten Klasse mit „sehr gut“ abgeschlossene Schulausbildung. Seine Lehre zum Restaurantfachmann. Die Beziehung zu seiner ersten Frau, die er „schon seit der ersten Klasse kannte“. Mit 18 Jahren wurde geheiratet. Sie hatten vier gemeinsame Kinder. Es habe aber von Anfang an sexuelle Probleme gegeben, sagt er. Seine Frau habe sich, nachdem sie als Kind vom eigenen Vater sexuell missbraucht worden sei, nie therapieren lassen. Sie sei lustlos gewesen. Er habe sich deswegen die sexuelle Erfüllung bei anderen Frauen gesucht. Aber auch sie habe ihn betrogen. „Bei mir wollte sie nicht, bei anderen doch.“

Später erwähnt er dann auch, dass er seine Frau einmal krankenhausreif geschlagen habe. Es überrascht nicht. Schon vorher wird deutlich, dass Friedhelm R. selbst im Gerichtssaal große Mühe hat, sich zu kontrollieren. Er ballt dann die Fäuste, schließt kurz die Augen, atmet schwer. Und es drängt sich der Gedanke auf, dass ihm etwas fehlt, was Psychologen Empathie nennen – die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen. Er hat offenbar immer nur sich gesehen: einen fleißigen Mann, sportlich, jünger wirkend, der sich rührend um die Familie kümmert, für alle kocht, wäscht putzt, und der dafür bitte schön aber auch Respekt bekommen möchte – und sexuelle Hingabe der jeweiligen Frauen. Im September 2001 wurde seine erste Ehe geschieden. „15 Tage haben an 20 Jahren Ehe gefehlt“, resümiert er bitte.

Wenig später lernte er eine neue Frau kennen. Eine Taxifahrerin. Er beschreibt sie als lebenslustig, kommunikativ. „Sie war völlig durchgeknallt, aber ich habe sie geliebt.“ Auch diese Frau habe ihn betrogen. Als er es erfuhr, habe er sofort Schluss gemacht.

Er untersucht ihre Unterwäsche

Und dann folgte die Begegnung mit der 15 Jahre jüngeren Dana. „Ich habe sie nicht mehr aus meinem Kopf bekommen“, sagt er. Über die Tochter seiner Schwester habe er heraus bekommen, dass Dana zwei Kinder und auch einen Mann dazu habe, mit dem sie aber nicht sehr zufrieden sei. Friedhelm R. ließ sich Danas Telefonnummer geben, rief sie an, sie trafen sich. „Wir haben schon am zweiten Tag geknutscht wie zwei Teenager“, sagt er. Bei der dritten Begegnung seien sie bei einem Juwelier vorbei gekommen, hätten sich Ringe angeschaut. Und im November 2013 wurde dann auch wirklich geheiratet.

Friedhelm R. gab seine Wohnung und seine Arbeit als Kellner auf, zog zu Dana R. nach Rostock und war auch bereit, ihr zu folgen, als sie zurück in den Heimatort Blankenfelde-Mahlow (Teltow-Fläming) ziehen wollte. Doch diese Ehe begann offenbar schon nach wenigen Tagen zu bröckeln. Dana R. habe sich sexuell entzogen, sagt er vorwurfsvoll. Sie habe ihn immer wieder abgewiesen, soll auch gesagt haben. „Ich habe extra einen alten Mann geheiratet, weil ich nicht so viel Sex haben wollte.“ Anfangs habe er gedacht, dass der Grund das gemeinsame Kind sei, dass Dana R. nach kurzer Schwangerschaft verloren hatte, sagt Friedhelm R. Später sei ihm klar geworden, „dass sie andere Männer hatte“. Er untersuchte ihre getragene Unterwäsche, glaubte, Beweise zu finden. Er machte ihr Vorwürfe. Dana R. soll darauf provozierende Antworten gegeben haben. „Ich habe alles in mich hinein gefressen“, sagt er. „Als uns meine Schwester besuchte, hat sie sich gewundert, wie in vier Monaten aus einem strahlenden Bräutigam ein menschliches Wrack werden konnte.“

Im Juni 2013 stand schon fest, dass die Ehe gescheitert ist und er das gemeinsame Haus verlassen sollte. Dana R. habe auch an diesem Tag mal wieder gestichelt, sagt er. Und dann habe ihn eine fürchterliche Wut gepackt. Was genau geschah, wisse er angeblich nicht mehr.