Kriminalität

Der Brandstifter geht um

Brennende Mülltonnen und Autos: Anwohner des Kirchsteigfeldes in Potsdam leben seit Wochen in Angst

Die Versöhnungskirche ist schon eine Viertelstunde vor Versammlungsbeginn gefüllt. Die Stühle sind alle besetzt, hinten drängen sich Zuhörer in mehreren Reihen, auch oben auf der Empore ist kein Platz mehr. Vorne, unter dem großen schlichten Holzkreuz im Gottesraum, steht Wilfried Naumann. Mit so großem Interesse hat er nicht gerechnet. „Wir alle fragen uns, ob unser geliebtes Kirchsteigfeld zum Schwerpunkt kriminellen Handelns geworden ist“, sagt er und begrüßt die rund 350 Bewohner aus dem ruhigen Potsdamer Stadtteil, die sich an diesem kalten Winterabend aufgemacht haben – mit pochendem Herzen und Wut im Bauch.

Rauch bis zur Wohnung

Der promovierte Ingenieur hat als Sprecher der Bürgerinitiative Kirchsteigfeld/Alt Drewitz zu einem „brandheißen Thema“ eingeladen, wie er es nennt. Innerhalb eines Jahres haben Unbekannte im Kirchsteigfeld elf Mülltonnen und neun Autos in Brand gesetzt. Seit Anfang Januar sind fünf Fahrzeuge komplett ausgebrannt. Vier weitere wurden durch das Feuer schwer beschädigt. Im Viertel haben die meisten seither Angst, um ihre Autos, aber auch um ihre Wohnungen über den Carports und um ihre Gesundheit. „Was ist, wenn einer umkommt?“, fragt ein Mann mit eindringlicher Stimme. „Der Rauch stieg in dieser Nacht bis in unsere Wohnung hoch.“

Eine Sonderkommission sucht die Täter oder den Täter – bislang erfolglos. Schon bald stellt sich an diesem Abend heraus, wie aufgeheizt die Stimmung ist. „Wir wollen heute informieren und Fragen beantworten“, versucht Naumann zu beschwichtigen. „Was wir nicht wollen, ist zur Gründung einer Bürgerwehr aufzurufen.“ Vor den zum Teil sehr aufgebrachten Bürgern sitzt Kriminalhauptkommissar Herbert Stude, daneben Peter Schultheiß. Der Stadtverordnete der „Potsdamer Demokraten“ war früher Polizeidirektor in Potsdam. Er nimmt im Gegensatz zum amtierenden, zur Loyalität verpflichteten Kollegen, kein Blatt vor den Mund und gibt denen Recht, die mehr Polizeipräsenz fordern. Der Personalabbau durch die Polizeireform bleibe nicht ohne Auswirkungen, sagt Schultheiß. „Die Bilder erschüttern auch uns“, beteuert Polizeihauptkommissar Stude. „Aber wir treten noch auf der Stelle.“

Die Brandstifter kamen jeweils nachts, zwischen 23 und 3 Uhr. In der Nacht zum 8. Januar brannte in der Ricarda-Huch-Straße kurz nach 2 Uhr in einem Carport ein Wagen der Marke Kia aus. Der Wagen daneben wurde ebenfalls beschädigt. Am 14. Januar wurde die Feuerwehr kurz nach 1.30 Uhr von der Polizei zu einer brennenden Mülltonne gerufen. Gegen 2.15 Uhr stand am Hirtengraben ein Toyota in Flammen. Am schlimmsten war die Nacht zum 19. Januar. Da brannten gleich drei Autos an der Bettina-von-Armin-Straße. Ihre Reste stehen noch immer da. Es riecht nach Ruß und Gummi. Niemand kann erkennen, dass es sich um einen Citroën, einen Opel und einen Skoda handelt.

Kein politischer Hintergrund

Hinweise auf einen politischen Hintergrund gebe es nicht, sagt Hauptkommissar Stude. Die Bewohner müssen also fürchten, dass der Täter unter ihnen ist. Ein Nachbar etwa? Ein lauter Knall nach dem anderen hatte die Bewohner über den Carports aus dem Schlaf gerissen. Als der 23-jährige Alexander Mettner nach Hause kam, war die Straße abgesperrt. Wieder kam die Berufsfeuerwehr nur schlecht an den Brandherd heran. Denn im Kirchsteigfeld ist es eng und es wird wild geparkt. Das Ordnungsamt müsse sich auch mal nachts sehen lassen, fordern die Bürger. Zehn Mieter durften zunächst nicht zurück in ihre Wohnungen. „Ich hatte Glück, dass ich mit dem Auto unterwegs war“, sagt Mettner. Seinen Audi hat er erst seit zehn Monaten. Thomas Banuscher, der auch in dem Haus wohnt, kann sich bei der Bürgerversammlung kaum beherrschen: „Wenn uns keiner hilft, dann müssen wir uns doch noch selbst etwas einfallen lassen.“

Immerhin: Bei der Polizei werden weniger Stellen gestrichen als geplant. 7800 Beamten sollen mindestens bleiben. Das beschloss die SPD-Landtagsfraktion am Mittwoch. Die Polizeireform sah bis 2020 einen weiteren Abbau von derzeit 8250 auf 7000 Beamte vor.