Immobilien

Die Kirche nicht ins Dorf lassen

Wegen Platzmangel muss dringend ein Gotteshaus gebaut werden. Doch wo, das ist durchaus umstritten

Pfarrer Jürgen Duschka steht kurz vor dem Ziel – und ist trotzdem nicht glücklich. „Ich hoffe, dass der Gemeindefrieden gewahrt bleibt“, sagt er bekümmert. Jahrelang hat er mit seiner Pfarr-Kollegin Elke Rosenthal und anderen Mitstreitern darum gekämpft, dass „das alltägliche Chaos“ im längst zu engen Gemeindehaus und dem angebauten Kirchensaal am Jägerstieg in Kleinmachnow ein Ende nimmt. Nun ist das neue Gemeindezentrum, um das sich seit Jahren alles dreht, „zum Greifen nah“, wie er sagt. Es sieht so aus, als werde die Gemeindevertretung am Donnerstag dem Vorhaben der evangelischen Auferstehungs-Kirchengemeinde mehrheitlich zustimmen. Obwohl die künftige Kirche mitten in einem Naturschutzgebiet liegt – und die Randlage innerhalb der Kirchengemeinde heftig umstritten ist.

Das Bauvorhaben droht die evangelische Gemeinde zu spalten. Je näher die Entscheidung rückt, desto heftiger werden die Proteste. „Kaum zu glauben, dass ein Gebäude solche Emotionen freisetzen kann“, sagt der Pfarrer. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist die Leitung der Kirchengemeinde auf der Suche nach einer Lösung des Platzproblems. Denn in Kleinmachnow hat die Kirche Zulauf, vor allem die evangelische. „Unsere Kirchengemeinde hatte zur Wende 1800 Mitglieder, mittlerweile sind es 5500“, sagt Duschka. Das ist ein Viertel der 20.400Bewohner der rasant gewachsenen Gemeinde. Im Saal der Auferstehungskirche ist nur Platz für etwa 200 Menschen. An Festtagen oder auch bei den beliebten Konzerten der Kantorei sind die Platzkarten innerhalb weniger Minuten weg.

Neubau neben Dorfkirche

Dass es zu eng ist, bestätigen alle. Allerdings wollen einige Gemeindeglieder lieber am Jägerstieg bleiben und fordern einen Umbau. „Wie auch das gegenüberliegende Pfarrhaus ist das in den 1930er-Jahren fertiggestellte Gebäude in einem schlechten Zustand“, sagt Duschka. „Wir haben uns deshalb entschieden, alle Immobilien in Kirchenbesitz zu verkaufen.“ Dafür soll etwa anderthalb Kilometer weiter Richtung Stahnsdorf komplett neu gebaut werden. Direkt neben der alten Dorfkirche, die nur zu besonderen Anlässen genutzt wird.

Das Baugrundstück dort gehört der Kommune. Die Kirche kann es für etwa 35.000 Euro erwerben, mit den archäologischen Untersuchungen und Ausgleichsmaßnahmen für den Naturschutz sind rund 200.000 Euro aufzubringen. Der Bau selbst ist mit etwa zwei Millionen Euro veranschlagt. Finanziert werde er durch die Kirchengemeinde, den Verkauf der Immobilien und mit Unterstützung der Kreis- und Landeskirche. Klappt alles, könnte nach einem Architektenwettbewerb 2015 im „alten Dorf“ der erste Spatenstich gesetzt werden.

Dass das Gelände in einem Landschaftsschutzgebiet liegt, ist nur einer von vielen Gründen für den Widerstand. In einem Brief haben sich etwa 60 Kirchenglieder an den Gemeindekirchenrat, den Evangelischen Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf und an Superintendent Johannes Krug gewandt. Sie verlangen eine neue Standortdiskussion. Auf dem abgelegenen Gelände des Alten Gutshofs, beklagen die Unterzeichner, könne das Gemeindeleben nicht mehr wahrgenommen werden. „Selbst das Glockenläuten wird nur wenige Gemeindeglieder erreichen“, heißt es in dem Schreiben. Der frühere Kirchenvorstand Gerhard Casperson sagt: „Viele Kirchgänger sagen, dass sie die alte Dorfkirche nur schwer erreichen können.“ Eltern scheuten sich, ihre Kinder in die abgelegene Gegend zum Unterricht zu schicken. Auch die Eingriffe in die Natur sorgen für Zündstoff. Ein erster Bebauungsplan war an den Umweltbehörden gescheitert.

Nun soll ein Teil des Grundstücks aus dem Landschaftsschutzgebiet herausgelöst werden, 1860 Quadratmeter. „Das ist ein Prozent des Landschaftsschutzgebiets“, sagt Bürgermeister Michael Grubert (SPD), der den Plan der Kirchengemeinde befürwortet. Er geht davon aus, dass die Kirche den Standort sensibel entwickelt.

Die Union unterstützt die Pläne der Kirche. CDU-Fraktionschef Ludwig Burkardt: „Die CDU/FDP-Fraktion wird dem Bebauungsplan, der Änderung des Flächennutzungsplans und dem Kaufvertrag zustimmen.“ Der gewählte Standort im alten Dorf sei „nachvollziehbar“. Burkhardt: „Die evangelische Kirche ist die gesellschaftliche Kraft in Kleinmachnow“. SPD-Fraktionschef Jens Klocksin wirft der Union vor, Wählerklientel zu betreiben und „wider besseren Wissens“ zuzustimmen. Klocksin warnt: „Damit verbauen wir uns die Option, den alten Dorfkern wieder herzustellen – mit Schloss und Stallungen.“

800 Unterschriften dagegen

„Der Förderverein Landschaftsschutzgebiet Buschgraben/Bäketal sieht schwere Abwägungsfehler beim Lärmschutz, den Parkplätzen und den geplanten Pflanzersatzmaßnahmen“, sagt Ursula Theiler. Gegen das Vorhaben läuft eine Unterschriftenaktion der „Bürgerinitiative für Kultur und Natur“. Sie sammelte bislang knapp 800 Unterschriften. In einem offenen Brief heißt es: „Der Kirchenneubau hält sich in seinen Baugrenzen nicht an die Gestalt des alten Gutshofes. Ein bedeutendes Stück brandenburgischer Kulturgeschichte und das historische Bodendenkmal gehen nachfolgenden Generationen unwiederbringlich verloren.“ Der Bürgermeister sieht das anders: „Der alte Gutshof lässt sich im Naturschutzgebiet nicht mehr rekonstruieren.“ Er rechnet mit einer Mehrheit in der Gemeindevertretung. Der Hauptausschuss hat die Annahme mit sieben zu vier Stimmen empfohlen.