Handel

Und noch mal 150 Stände mehr

Kundenansturm aus Deutschland zahlt sich aus: Größter polnischer Grenzmarkt in Slubice wird erweitert. Nicht jeden Händler freut das

Grzegorz Szram lächelt zufrieden. „Den Kunden gefällt es. Sie fühlen sich sicher und kommen in Scharen“, erzählt der Inhaber eines Gardinenpavillons mitten auf dem Grenzbasar im polnischen Slubice. Szram ist gleichzeitig Vizechef der 400 Händler zählenden Marktvereinigung, die sich gegründet hat, als der Basar nach einem verheerenden Brand neu aufgebaut worden war.

Keine Unterstützung

Von der Stadt hatten die Basar-Geschäftsleute damals keine finanzielle Unterstützung bekommen. Die Neugestaltung des Marktes bezahlten sie aus eigener Tasche. Und diese Anstrengung hat sich gelohnt. Statt wilder Hütten und Zelte und abenteuerlicher Wärmeversorgung unter Missachtung sämtlicher Brandschutzbestimmungen haben die festen überdachten Stände jetzt eher etwas von einer riesigen Markthalle. Die Gänge sind weiter, insgesamt wirkt der Basar sauber und aufgeräumt. Die Marktbetreiber haben sich auch sprachlich auf die Kunden, den von jenseits der Grenze kommen, eingestellt. Es gibt sogar Werbedurchsagen auf Deutsch. Dazu kommen noch ein markteigener Sicherheitsdienst und Parkplätze, die videoüberwacht sind. Die Parkgebühr beträgt – egal, wie lange die Verweildauer ist – fünf Zloty (umgerechnet 1,40 Euro), die an Automaten zu bezahlen sind. Einziges Manko: Man kann lediglich in der polnischen Währung bezahlen, muss also extra an einer der vielen Wechselstuben tauschen.

Die Schnäppchenjäger strömen vor allem freitags und an den Wochenenden auf den großen Markt am südlichen Stadtrand von Slubice. Und das, obwohl den Grenzbasaren schon vor Jahren das baldige Aus vorausgesagt worden war. Auch eine Studie der Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg war zu dem Ergebnis gekommen, dass die typisch polnischen Händler-Märkte in naher Zukunft von Supermärkten und Fachgeschäften verdrängt werden. Tenor: Qualität und Service setzen sich durch. Doch offenbar gibt es noch immer genügend Kunden mit geringem Einkommen, die die niedrigen Preise für Käse, Schinken und Zigaretten, aber auch für Bekleidung und Kinderspielzeug zu schätzen wissen. Förderlich für den Markthandel ist augenscheinlich die grenzüberschreitende Nahverkehrslinie zwischen Frankfurt und Slubice.

Der Bus Nummer 983 verkehrt seit mehr als einem Jahr stündlich bis halbstündlich über die Oder und ist mit 300.000 Fahrgästen im vergangenen Jahr ein voller Erfolg. Und das nach jahrelangen Bemühungen für eine grenzüberschreitende Verbindung beider Kommunen, die sich gern als binationale Doppelstadt präsentieren. Auch Eleonore und Claudia Krause steigen am Grenzbasar aus der Linie 983. Mit dem Regionalexpress sind sie aus Potsdam angereist, am Frankfurter Bahnhof dann in den Grenzbus gestiegen. „Diese Verbindung ist praktisch und spart Zeit“, loben Mutter und Tochter, während sie ihre Erkundungstour durch die Marktstände beginnen.

In Slubice selbst waren beide noch nie, wie sie gestehen. „Da kennen wir uns nicht aus.“ Zudem biete der Basar doch eine breite Palette. Neben den üblichen Verkaufsschlagern wie Lebensmittel sowie Textilien, Schuhen und Korbwaren sind inzwischen auch Haarfärbemittel, Perücken, Dessous und sogar Aquarienfische nebst Zubehör zu bekommen. „Klamotten und natürlich Zigaretten“ sucht die 34-jährige Verkäuferin Claudia Krause eigenen Angaben nach. Bei Lebensmitteln sei sie vorsichtiger, die kaufe sie lieber in Deutschland. Zwei Schals für zusammen nur fünf Euro sind ihre erste Trophäe. Nun liebäugelt die junge Frau noch mit einem Pullover und Sporthosen. „Das Schöne ist, dass man hier mit den Händlern noch feilschen kann“, erklärt Krause stolz darauf, das Oberteil schließlich auf 15 statt 17 Euro herunter gehandelt zu haben.

Auch Parfüms sind für die beiden Frauen von Interesse. Dass die Markenpiraterie in dieser Sparte blüht, stört sie dabei nicht. Namhafte Düfte sind auf dem Slubicer Basar für nur zehn Euro zu bekommen – und dass allein zählt. Während sich viele Besucher enthusiastisch ins Getümmel stürzen, schlendern Martin und Regina Kleber aus Wünsdorf ganz gemütlich durch die Gänge. „Der Basar hat längst nicht mehr das Flair von früher. Und auch die Preise sind keine Schnäppchen mehr“, sagen beide, ohne etwas zu kaufen. Man müsse Preise schon genau vergleichen, bestätigen die Berliner Jürgen und Beate Rechert. Auch bei dem Ehepaar aus der Hauptstadt ist die Reise nach Slubice beliebt. Regelmäßig kommen sie zum Wochenendeinkauf in die polnische Grenzstadt, aber sie holen ihre Lebensmittel im Supermarkt „Biedronka.“

„Für 50, 60 Euro bekommst du hier den Kofferraum wenigstens noch voll“, sagt die zweifache Mutter Beate, während sie die Waren einlädt. Ihre Kinder würden inzwischen nur noch Wurst und Käse aus Polen essen. Vom Slubicer Basar hält die Berliner Familie nichts. „Früher war es ein Erlebnis, heute ist es nur noch Touristenabzocke“, so ihr Fazit. Doch der Kundenansturm aus Deutschland reicht in Slubice offenbar für alle Geschäftsleute – ob direkt in der Stadt oder auf dem Basar. „Ich bin zufrieden“, erzählt Verkäufer Zbyszek, der seit 20 Jahren auf dem polnischen Markt Lebensmittel verkauft. Zwar sei die Käuferschar nach Weihnachten und Silvester immer etwas geringer. „Aber Lebensmittel brauchen die Leute immer.“

Offenbar läuft das Markt-Geschäft so gut, dass Slubices Bürgermeister Tomasz Ciszewicz jetzt zusätzliche Flächen für weitere 150 Marktstände freigegeben hat. Ein Platz gegenüber dem Basar ist dafür bereits gerodet worden. „Unser eigener Bürgermeister macht uns jetzt Konkurrenz“, schüttelt Händlervertreter Szram verärgert den Kopf. Auch Bäckereiverkäuferin Marta Kowalska ist erzürnt. „Das ist doch krank, die Stellplätze sollen bereits an Händler verkauft worden sein. Unnötig dieser Konkurrenzdruck in so einer kleinen Stadt, in der zudem immer neue Supermärkte aufmachen“, schimpft sie. Zwar brumme das Geschäft auf dem Basar jedes Jahr in der Adventszeit, der Erlös müsse die Händler allerdings über magere Monate Anfang des Jahres retten, gibt sie zu bedenken.

Ausgelastete Pendlerbusse

Die Sorgen der Basar-Verkäufer interessieren Claudia und Eleonore Krause nicht. Müssen sie doch selbst ihr Geld zusammen halten. Wie viele andere haben sie inzwischen prall gefüllte Beutel, mit denen sie zur Haltestelle des Grenzbusses laufen. Mit dem geht es zurück über die Oder, nach wenigen Minuten sind die Frauen wieder am Bahnhof der deutschen Grenzstadt und steigen in den Zug nach Potsdam. Durchschnittlich hat der Bus 1000 Fahrgäste pro Tag. In Spitzenzeiten freitags und sonnabends musste die Frankfurter Stadtverkehrsgesellschaft aus Kapazitätsgründen bereits größere Gelenkbusse einsetzen.

Gedacht ist die Verbindung in erster Linie für die Frankfurter und Slubicer selbst sowie für die Studenten, die zwischen der Europa-Universität Viadrina auf deutscher sowie dem Collegium Polonicum und Wohnheimen auf polnischer Seite pendeln. Nicht hinwegzureden ist allerdings, dass es letztlich die vielen Schnäppchenjäger sind, die zu dieser guten Auslastung führen. Offiziell heißt das „überdurchschnittlicher Einkaufsverkehr“.

Praktischerweise gilt das VBB-Zug-Ticket gleich mit für den Bus. Und nicht umsonst steht an einem der Linie 983-Busse der Werbeslogan: „Auf nach Polen, Nachschub holen“.