Zusammenarbeit

Eine Nummer für alle Ernstfälle

Personenauskunftsstelle soll bei Katastrophen schnell Hinweise zu Vermissten geben

– „Sie sprechen mit der Personenauskunftsstelle. Bitte nennen Sie mir Ihren Vor- und Zunamen. Suchen Sie eine bestimmte Person? Oder möchten Sie uns Hinweise geben?“ Worte, die Axel Pollex bisher nur zu Übungszwecken formulieren musste. „Den Ernstfall gab es glücklicherweise noch nicht“, sagt der 55-Jährige. Und denkt an Szenarien wie Flugzeugabstürze, entgleiste Züge, Massenkarambolagen auf der Autobahn, Terroranschläge. Mit Toten und Verletzten. Bei einer Katastrophe wird der Polizeibeamte, der sonst Diebstähle und Verkehrsdelikte in Königs Wusterhausen bearbeitet, zum Informationsgeber und -sammler. Zum ersten Ansprechpartner für Angehörige wie für Behörden. Für Menschen, die Hinweise zum Verlauf eines Unglücks geben können oder nach möglichen Opfern und Vermissten suchen. Um im Fall der Fälle schneller als bisher agieren zu können, arbeiten Polizei und Katastrophenschutz jetzt Hand in Hand: In der ersten gemeinsamen Personenauskunftsstelle im Landkreis Dahme-Spreewald. Landrat Stephan Loge, Polizeipräsident Arne Feuring und der Kreisbereitschaftsleiter des Deutschen Roten Kreuzes, Detlef Pudlitz, haben die Zusammenarbeit per Unterschrift besiegelt.

In der Personenauskunftsstelle wird Kripo-Mann Pollex künftig von elf Kollegen unterstützt. Nicht alle tragen das Blau der Brandenburger Polizei. Auch Ehrenamtler des DRK werden im Großraumbüro der Polizeidirektion Süd das Headset überstreifen. Ein Novum in Brandenburg, dass Polizei und Landkreis – der dabei auf die personelle Hilfe des DRK zurückgreift – die Auskunftsstelle gemeinsam betreiben. Eine Premiere auch, dass diese unter einer einheitlichen Durchwahl erreichbar ist. Die Nummer allerdings werde erst im Ernstfall bekannt gegeben, hieß es. Bislang aktivierten Polizei und Kommune in Notsituationen jeweils eine eigene Auskunftsstelle. Nicht nur räumlich voneinander getrennt. Auch ihre Rufnummern unterschieden sich. „Das ist der Bevölkerung nicht zuzumuten“, sagt Jörg Humboldt kopfschüttelnd. Seit Oktober 2011 ist der Polizeioberrat mit dem vom Innenministerium beauftragten Projekt befasst. „Die Nähe zu Berlin und der Standort des Hauptstadtflughafens BER im Landkreis spielten als Anstoß eine wesentliche Rolle“, sagt der 43-Jährige. Davon, dass der Eröffnungstermin des Airports noch immer nicht stehe, habe er sich nicht beirren lassen. Auch wenn der Sitz der temporären Auskunftsstelle im Katastrophenfall eigentlich am Flughafen geplant gewesen sei.

Kostbare Zeit verloren

Die ersten acht von 24 Mitgliedern des DRK-Kreisverbandes Fläming-Spreewald sowie weitere 60 Polizeimitarbeiter sind mittlerweile geschult, beherrschen das Handling der in elf Bundesländern von Polizei und Kommunen genutzten und aus Nordrhein-Westfalen stammenden Software GSL.net. Beim bisherigen Prozedere habe es an Schnittstellen zwischen Landkreis und Polizei gefehlt, berichtet Loge von früheren Fehlerquellen. „Dass die bisherigen Systeme nicht gut miteinander kompatibel waren, führte zum Verlust von Daten – und kostete Zeit“, sagt Loge. Er erinnert an das schwere Busunglück im September 2010 am Schönefelder Kreuz. 14 Menschen starben, Schwerverletzte wurden in verschiedene Kliniken gebracht – teils bis nach Leipzig. Für die aus Polen stammenden Familien war es schwer, schnell in Erfahrung zu bringen, in welche Krankenhäusern ihre Angehörigen gebracht wurden. „Wegen der unterschiedlichen Software wurden Bürgerhinweise auf Papier ausgedruckt, erst dann weitergeleitet“, bestätigt DRK-Mann Pudlitz. Erfahrungen, die in das Pilotprojekt eingeflossen sind, um Reibungsverluste künftig zu verhindern.

Bislang ebenfalls ein Stolperstein: „Der Katastrophenschutz des Landkreises nahm ausschließlich Personendaten auf, die für die Einsatzleitung und Angehörige möglicher Betroffener gedacht waren.“ Die Polizei wiederum registrierte ebenso Daten Betroffener, zusätzlich aber auch Hinweise auf den Geschehensverlauf und Begleitumstände. Die Suche nach Ursachen, nach möglichen Tätern genieße eben hohe Priorität, sagt Jörg Humboldt. Dass Polizisten und DRK-Leute im Callcenter Schulter an Schulter säßen, das gleiche System mit Daten bestückten, sorge für eine schnelle Weiterleitung an die Ermittler. „Der Datenschutz wird in jedem Fall gewahrt“, betont der Polizeioberrat.