Gedenken

Einblicke in die Brandenburger Geschichte

Bürger laden ihre persönlichen Fotos und Texte auf ein Internetportal. So wird die Historie des Landes neu aufgearbeitet

„Ein Russe dringt in unsere Wohnung ein. Ich verstecke mich unter dem Schreibtisch. Frl. Mellin wird am Kopf blutig geschlagen, weil sie sich nicht vergewaltigen lassen will.“ Sätze, die Hildegard Muschnau am 5. Mai 1945 in ihr Tagebuch schreibt. Erst einen Monat zuvor hat die Rathenowerin begonnen, Alltagsbegebenheiten, Gedanken, Gefühle zu notieren. Von ihrer gefüllten Wäschekiste, über die sie sich freut, vom Besuch bei Freunden. Von den Russen, die „im Anmarsch sind“, schnell hingekritzelt am 23. April. In schmaler Sütterlinschrift, hineingequetscht in die engen Spalten eines handlichen Kalenders. Und seit einigen Tagen nachzulesen im Internet. Im „Portal für Literatur und Alltag“ – dem Mammutprojekt des Brandenburgischen Literaturbüros zur Alltagsgeschichte in Berlin und Brandenburg, dessen Ergebnisse nun online zusammengefasst sind (www.zeitstimmen.de).

Gedacht waren die Aufzeichnungen von Hildegard Muschnau seinerzeit für Ehemann Fritz Kappelmeyer, einen Anwalt, den die Betreiberin eines Kunsthandwerkgeschäfts ein Jahr zuvor geheiratet hat. Doch der im Mai 1945 zum Staatsanwalt in Rathenow Berufene wird diese Zeilen niemals lesen. Im September ’45 denunziert, wird der Jurist ins NKWD-Speziallager Nr. 5 der Russen nach Ketschendorf verschleppt. Wenige Monate später stirbt er dort. Verhungert. Muschnau führt ihr Tagebuch weiter. Ohne Hoffnung. Orientierungslos. „Ich weiß nicht, warum ich weitermachen soll.“ Sie tut es doch. Ein Glück für Peter Walther vom Literaturbüro in Potsdam.

Vorbild Kempowski

Seit fünf Jahren versucht der 47-Jährige nachzuahmen, was der Schriftsteller Walter Kempowski bereits in den 70er-Jahren anstieß: das Sammeln individueller Erinnerungen, die in einer kollektiven Erfahrung münden. „In der DDR war so etwas damals nicht möglich. Der Ideologie wegen“, sagt Walther, der in Schönow, nördlich von Berlin, groß geworden ist. Seit Mitte der 90er-Jahre hat der Literaturwissenschaftler beim Brandenburgischen Literaturbüro für seine Idee endlich freie Hand, wird mit 13.600 Euro vom Land Brandenburg unterstützt. Vor fünf Jahren startete er schließlich einen Aufruf an die Bevölkerung, bat um das, was Brandenburger im 20. Jahrhundert in Schriftform oder auf Fotos festgehalten haben: Erinnerungen an Urlaub, Hochzeiten, Sterbefälle, das Schlangestehen vor Geschäften, Hunger, Angst, die Motorengeräusche amerikanischer Flugzeuge, die während der Berlin-Blockade über märkischen Gehöften zu hören waren. Puzzleteile, die, in der Gesamtheit erfasst, ein Bild des 20. Jahrhunderts in der Mark zeichnen.

120 Tagebücher haben Brandenburger wie Berliner dem Literaturbüro zugesandt. 6000 Eintragungen, die älteste von 1813, haben Walther und sein Team gefiltert. „Gescannt, vor allem transkribiert“, sagt Walther mit Blick auf blasse Tinte, Schnörkel, teils sogar kyrillische Schrift, um das Aufgeschriebene vor fremden Augen zu schützen. Oftmals bekam Walther auch nur einzelne Seiten eines Tagesbuchs – darunter beispielsweise Aufzeichnungen eines KZ-Häftlings, geschrieben auf dem Todesmarsch. Teils erhielt er aber auch ganze Bände, über Jahre akribisch geführt. Was Walther bei der optischen Aufbereitung der unzähligen Informationen für das Zeitstimmen-Portal zu Gute kam: das aktuelle Thema „Kindheit“ in der diesjährigen Veranstaltungsreihe Kulturland Brandenburg. Für die Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte haben etliche Brandenburger Fotos bereitgestellt. „400 Familien haben Persönliches geschickt“, sagt Walther anerkennend. 11.000 Motive hat er gesichtet: Kinder, die in gusseisernen Badewannen planschen, auf dem Schaukelpferd wippen, mit Schleife im langen Lockenhaar posieren, singend vorm mit Lametta geschmückten Weihnachtsbaum ausharren. Aufnahmen in Schwarz-Weiß und Farbe. 3000 Bilder hat der Potsdamer schließlich für das Portal ausgewählt. Auch unscharfe. „Durch Fehleinstellungen an der Kamera wurde manchmal ein Motiv herausgehoben, das den Fotografen nicht interessierte - aber uns heute in der Rückschau“, spricht er über den ungewöhnlichen Fokus. Der gibt umfassend Aufschluss über das Leben in der Stadt wie auf dem Land.

Schlammige Wege, auf denen ein Milchwagen mühselig von haarigen Männerhänden entlang geschoben wird, Vater und Tochter vor zwei Suppentellern im Garten, eine Bierflasche auf dem Tisch, aufgenommen im Jahr 1940. Ein Moment, der sich wiederholt. Das Bleibende und der Wandel Mitte des 20. Jahrhunderts – etwas, das Walther fasziniert. „Gerade im Optischen.“ Für ihn eine Komponente, die im Internetauftritt zwingend ist. „Empathie kommt vor allem über die Bilder.“

Pflicht der Chronisten

Auf Walthers Aufruf, Aufzeichnungen, aber auch Fotos zu schicken, haben vielfach Ältere reagiert. Nicht der Wunsch nach „Unsterblichkeit“ habe sie getrieben. „Fast allen ist bewusst, dass sie – oder ihre Ahnen – in einer besonderen Zeit gelebt haben. Dass sie Chronistenpflicht haben, Zeugnis ablegen wollen.“ So wie das auch unzählige Schriftsteller getan haben. Walther hat daher das Projekt um literarische Prominenz erweitert: Gottfried Benn, Theodor Fontane, Peter Huchel, Günter Eich - nur einige der bekannten Autoren, die mit mehr als 1.000 Textpassagen über Land und Leute in Brandenburg im Portal vertreten sind. Zusätzlich finden sich 3100 Ortsbezüge zu Autoren, die in der Mark und Berlin gewirkt haben. So sei ein „Erlebnisführer aus zwei Perspektiven“ entstanden, betont Walther – „aus privater und literarischer Sicht“.

Das Portal werde dadurch zur Fundgrube für Nachwuchswissenschaftler, die promovieren, ebenso wie für geschichtlich Interessierte oder Touristen, die sich Brandenburg auf ganz individuelle Weise erschließen wollen. Doch damit nicht genug, Walther will mehr, will den Alltag in Brandenburg so umfassend wie möglich widerspiegeln. „Wie sahen Lebensmittelmärkte auf dem Dorf aus? Wie das Handwerkszeug in der Landwirtschaft, der Schulranzen im städtischen Gymnasium?“ Der Literaturwissenschaftler sucht nach neuem Stoff. „Das Projekt ist zeitlos, die Präsentation wird fortlaufend erweitert.“ Weitere Einsendungen sind willkommen unter:

www.zeitstimmen.de