Bürgerumfrage

Dauerstau nervt die Potsdamer

Stadtverwaltung präsentiert eine Umfrage zur Lebensqualität

Dauerstau, Baustellen, Umleitungen, fehlende Parkplätze in der Innenstadt – tägliches Ärgernis, das Potsdams Autofahrer schon seit Monaten kräftig Nerven kostet. Nicht wenige, die sich trotz Kälte oder fehlender Radwege gestresst auf den Fahrradsattel schwingen. Was erheblich zur schlechten Stimmung in der Landeshauptstadt beiträgt. Für ein Drittel der Potsdamer ist der Verkehr mit seinen Problemen das Hauptproblem.

Das ist eines von vielen Ergebnissen einer aktuellen Umfrage unter den Potsdamern, die die Stadtverwaltung am Mittwoch vorgestellt hat. 5100 Bewohner der Landeshauptstadt – nach Alter, Geschlecht und Wohnort aus dem Melderegister herausgepickt – bekamen im Mai Post von der Stadt. Im Umschlag steckte ein mehrseitiger Bogen mit 44 Fragen inklusive Rückporto. 2191 Befragte zwischen 16 und 80 Jahren antworteten – schriftlich wie online im Stadtportal. „Mit kleinem Ungleichgewicht. Weniger Jugendliche, dafür mehr Ältere griffen zum Stift und setzten ihr Kreuzchen zu den vorgeschlagenen Antworten“, so Reiner Pokorny, Fachbereichsleiter Verwaltungsmanagement. Bei denen sei es um Bandbreite gegangen, sagte Pokorny. Aspekte zu Freizeit, Verkehr, Stadtentwicklung, Wirtschaft und Bildung interessierten die Fragesteller.

Auch die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt gehört zu den benannten Problemen. Zu teure Mieten oder zu kleine Wohnungen, klagen die Einwohner. Das fehlende Nachtleben sorgt zudem für Unmut. Was die Mehrzahl der Bewohner ihrer Stadt allerdings auch bescheinigen: dass diese attraktiv, familienfreundlich, modern, lebendig, seniorenfreundlich und tolerant ist. Ein gutes Image, das neben den Arbeitsmöglichkeiten in der Dienstleistungsbranche und der Wissenschaft gerade junge Menschen zum Zuzug bewegt. Einschätzungen, die die Stadtverwaltung nun als Bürgerumfrage „Leben in Potsdam“ schwarz auf weiß in den Händen hält. Die Auswertung ist ab sofort im Internet einzusehen, in Tabellen und Diagramme gegossen.

Viel Geld gespart

„Seit Mitte der 90er-Jahre kämpfe ich für eine Bürgerumfrage“, sagt Pokorny. Er hat das Vorbild anderer Großstädte vor Augen, die ihre Einwohner häufig schon seit 15 Jahren nach ihrer Meinung fragten. Mit dem vor gut zwei Jahren erklärten Ziel nach mehr Bürgerbeteiligung habe Potsdam jetzt endlich nachgezogen, so der 58-Jährige.

Das Ergebnis der Umfrage ist repräsentativ – zur Freude der Macher. „Und das, ohne eine Kostenexplosion zu verursachen“, erklärt Pokorny nicht ohne Stolz. „Hätten wir die Umfrage auf dem Markt in Auftrag gegeben, hätten wir dafür sicher 70.000 Euro auf den Tisch legen müssen.“ Die Stadt dachte sparsam, setzte stattdessen Sachbearbeiter Tobias Krol ans Thema. Fazit: Rund 13.000 Euro Materialkosten und acht Arbeitswochen für den 30 Jahre alten Statistikexperten fielen an. Die Aktion soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden, Ist-Zustände wie Entwicklungen sollen dokumentiert werden. „Hilfreich sind die Daten als Argument bei diversen Projekten, auch als Basis für die künftige Arbeit der Verwaltung“, betont Pokorny. Er ist nicht überrascht vom Umfragefazit: Über 70 Prozent der Befragten fühlen sich Potsdam insgesamt stark verbunden.

Anders sieht es teilweise aus beim Blick auf die einzelnen Stadtteile. Die Liebe zur Heimat bröckelt je nach Stadtteil, in dem der Befragte lebt. Babelsberg liegt beim Ranking an der Spitzenposition. Mehr als 70 Prozent fühlen sich hier sehr wohl. Die Bewohner der Viertel Schlaatz und Kirchsteigfeld sehen ihre Wohnquartiere eher negativ. Rund 15 Prozent aller Befragten möchten in den kommenden zwei Jahren definitiv aus ihrer jetzigen Wohnung ausziehen. Weitere 27 Prozent spielen zumindest mit dem Gedanken. Dennoch will mehr als die Hälfte der Umzugswilligen in Potsdam bleiben. Bis zu 11.000 Menschen ziehen jährlich innerhalb der Stadt um. Von den geplanten Umzügen ist jeder sechste durch eine zu kleine und jeder achte durch eine zu teure Wohnung motiviert. Bei fast der Hälfte der befragten Mieter wurde in den vergangenen vier Jahren die Kaltmiete erhöht. Durchschnittlich machten Mieter ein Drittel ihres Haushaltseinkommens für die Gesamtmiete locker, sagt Pokorny. „Bei Zugezogenen geben 56,4 Prozent an, sich aus privaten Gründen für Potsdam entschieden zu haben.“ Für 27,8 Prozent sei der Beruf ausschlaggebend gewesen. Mit Uni und Fachhochschulen zieht Potsdam junge Leute an: 15,8 Prozent haben aufgrund ihres Studiums oder ihrer Lehrstelle ihren Wohnsitz in den Landeshauptstadt. Die meisten Zugezogenen sind zwischen 25 und 35 Jahren. „Und gut ausgebildet“, sagt Pokorny. Womit Potsdam noch punktet – nicht nur bei Touristen: Die Vielzahl an gepflegten Grün- und Erholungsflächen. Volkspark, Freundschaftsinsel oder die Anlagen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten sind beliebt.