Wurzelbehandlung am Flughafen

Auf der Baustelle in Schönefeld gibt es eine Zahnarztpraxis. Bisher kommen vor allem Bauarbeiter

Fein surrt der Bohrer, der Speichelsauger schlürft: Mit Karies und anderen Baustellen haben Constanze und Hans-Joachim Schönberg Erfahrung. Das trifft sich gut, denn das Zahnärzte-Ehepaar hat seine Praxis am künftigen Hauptstadtflughafen in Schönefeld eröffnet. Das BER-Gelände am Stadtrand ist Deutschlands wohl berühmteste Baustelle. Viele Menschen sind dort mit Reparaturen beschäftigt. Mit ihrem Bohrer sind die Schönbergs also in guter Gesellschaft.

Gerade liegt ein 24-Jähriger auf dem Behandlungsstuhl, einer seiner Zähne bekommt eine neue Füllung. Seinen Namen will er nicht sagen – er fürchtet Probleme mit dem Arbeitgeber. Der junge Mann ist bei der Flughafengesellschaft FBB angestellt, wo die Nerven ziemlich blank liegen. Baumängel und Managementfehler: Die Kosten für den Flughafen sind im Laufe der Zeit auf mehr als 4,3 Milliarden Euro gestiegen.

Wann der Pannen-Airport endlich eröffnet wird, ist weiter unklar. Das Areal liegt brach, der BER ist ein Geister-Flughafen. Hier und da erscheint mal ein Bauarbeiter mit leuchtender Warnweste. Eines aber scheint inmitten des Planungschaos zu funktionieren: die neue Zahnarzt-Praxis. „Hier braucht man Humor“, sagt Ärztin Schönberg.

Mitte Oktober wurde die Praxis der Dentisten am „Airport BER“ offiziell eröffnet. Und es laufe besser als erwartet, sagt Schönberg. Pro Tag habe man zwischen drei und zehn Patienten – hauptsächlich Beschäftigte auf dem Flughafengelände. Aber die Patienten kämen auch aus dem Umland, etwa aus Königs Wusterhausen, Wildau und Berlin-Adlershof. Man schätzt die Anbindung: Welcher Zahnarzt habe schon eine eigene Autobahnabfahrt, scherzt eine Praxis-Angestellte.

Doch die Wahrheit sei „bitter“, sagt Ärztin Schönberg. Schließlich sei es nicht geplant gewesen, die Praxis auf einer Baustelle zu eröffnen – sondern an Europas modernstem Flughafen. „20.000 bis 40.000 Leute sollten hier arbeiten“, sagt Schönberg. Das wären so viele potenzielle Patienten wie in einer Kleinstadt. Eine halbe Million Euro investierten die Schönbergs in ihre Praxis. Dann platzte jedoch mehrfach der Eröffnungstermin. Würde das Ehepaar nicht noch in zwei anderen Gemeinschaftspraxen arbeiten, könnte es sich das Abenteuer am BER nicht leisten. Für viele andere Unternehmer kam nach der geplatzten Eröffnung das Aus. Restaurants, Einzelhandel – allein im Terminal hätten 150 Geschäftsflächen bewirtschaftet werden sollen, sagt Flughafensprecher Ralf Kunkel. Dazu etliche Gebäude ringsum: Der Hauptstadtflughafen sollte ein Top-Wirtschaftsstandort werden. Viele Millionen wurden bislang jedoch umsonst investiert.

Nur in einem Bürogebäude direkt am Terminal ist Betrieb. Im ersten Stock liegt die Zahnarztpraxis der Schönbergs. Aber auch Fluggesellschaften wie Turkish Airlines und ein Steuerberater sind in das Haus eingezogen. Ja, auf dem BER-Gelände gebe es „Dinge, die fertig sind“, sagt Flughafensprecher Kunkel. Auch ein Billighotel und eine Tankstelle nutzten den Standort. Einnahmen werden gebraucht: Eine Million Euro soll der Stillstand auf dem Flughafen den Steuerzahler täglich kosten. Im Wartezimmer der Zahnarztpraxis läuft gediegene Popmusik, Zeitschriften wie das „Manager Magazin“ liegen aus. Der Top-Manager am BER, Hartmut Mehdorn, sei noch nicht zur Behandlung gekommen, sagt Ärztin Schönberg. Vielleicht hätte sie ihm dann die Information entlocken können, wann der Flughafen denn nun tatsächlich fertig wird. Die FBB ist Nachbarin, im dritten Stock sitzt die Abteilung „Planung und Bau“. Sickern da keine Infos durch?

Zwar brodele die Gerüchteküche, sagt Constanze Schönberg. Unter den Patienten seien viele Ingenieure und andere Insider aus dem Pannen-Universum BER. Ein Mitarbeiter von Siemens habe ihr neulich auf dem Behandlungsstuhl etwas von 18 Monaten bis zur Eröffnung erzählt, verrät die Zahnärztin. Aber dann kämen auch wieder andere Patienten mit ganz anderen Zahlen, sagt sie. Ihr Eindruck ist deshalb: „Es geht nicht vorwärts.“