Bildung

Emanzipation einer Religion

In Potsdam wird erstmals an einer staatlichen Universität in Europa Jüdische Theologie gelehrt. Dienstag ist Eröffnung

Ein historischer Moment, ein bewegender Moment. Die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches. Das wird die offizielle Eröffnung der School of Jewish Theology in Potsdam. Mehr als 400 Gäste aus dem In- und Ausland haben sich für die Feier am kommenden Dienstag im Audimax der Universität Potsdam angesagt. Festrednerin ist Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Bislang wurde nirgendwo in Europa Jüdische Theologie als Fach an einer Universität unterrichtet“, sagt Professor Walter Homolka, Rektor des Rabbinerseminars des Abraham Geiger Kollegs. „Künftig ist die Jüdische Theologie erstmals an einer deutschen Universität auf Augenhöhe mit den christlichen Religionen und dem Islam vertreten.“

Mit der Gründung des Instituts werde eine Forderung von Abraham Geiger – einem der wichtigsten Vordenker des Reformjudentums – aus dem Jahr 1836 nach mehr als 175 Jahren erfüllt, betont Homolka. Die Emanzipation der Juden in Deutschland sei, so Geiger, erst vollendet, wenn Jüdische Theologie gleichberechtigt mit den christlichen Religionen an den Universitäten gelehrt werde.

Das ist nun geschafft: als eigenständiges Fach mit einem konfessionellen Einfluss auf die Berufung der Professoren. Der Bachelorstudiengang steht Studenten unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit offen. 47 Studenten haben Mitte Oktober ihr Studium zur mehr als 3000-jährigen Geschichte des Judentums aufgenommen, damit sind alle Studienplätze vergeben. Geplant und genehmigt sind ein Bachelor- und Masterstudiengang Jüdische Theologie, der zum Beruf des Rabbiners führt. Die vergangenen drei Jahre haben den Durchbruch gebracht. „Ein Klimmzug“, sagt Homolka. „Anstrengend, aber erfolgreich.“ Für die Errichtung der School of Jewish Theology musste das Hochschulgesetz geändert werden. Die Initiative kam aus dem Parlament: Auf Antrag von SPD, Linken, Grünen und FDP hat sich der Landtag im Frühjahr 2012 für die Stärkung der Rabbinerausbildung ausgesprochen. Für ihre Verdienste auf dem Weg zur Gleichstellung der akademischen Rabbinerausbildung sollen drei Abgeordnete mit der Abraham-Geiger-Plakette geehrt werden: Susanne Melior (SPD), Andreas Büttner (FDP) und Peer Jürgens (Linke).

„Die School trägt dazu bei, dass in unserer Region ein Kompetenzzentrum der wissenschaftlichen Theologie des Judentums entsteht“, sagt Sabine Kunst (parteilos), Brandenburgs Wissenschaftsministerin. Am Sonntag wird ihr die Ehrendoktorwürde der American Jewish University Los Angeles verliehen. Von den sechs Professuren finanziert das Land über das Wissenschaftsministerium künftig deren drei für 480.000 Euro jährlich. Weitere 430.000 Euro kommen durch das Bundesforschungsministerium über das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg für zwei Professuren und eine Gastprofessur. Ein Stifter wird zudem eine Junior-Professur finanzieren.

„Das Licht der Geschichte“

Laut Universitätspräsident Oliver Günther ist „die Idee in einem weitgehend säkularen Bundesland wie Brandenburg zunächst nicht allerorts auf fruchtbaren Boden gefallen“. Auch er sei lange skeptisch gewesen. „Letztlich bin ich aber zu der Einsicht gelangt, dass der zentrale Ort der Theologien in der Tat das staatliche Hochschulsystem sein sollte.“ Professor Johann Hafner, Dekan der Philosophischen Fakultät, zu der die neue School gehört, verweist darauf, dass „die Empfehlungen des Wissenschaftsrats, Professuren für Islamische Theologie an deutschen Universitäten einzurichten, reichlich Rückenwind für das Vorhaben gebracht haben“. Für den Dekan ist die Eröffnung der School of Jewish Theology ein Ereignis, das ihn auch persönlich bewegt. „Auf Potsdam fällt jetzt das Licht der Geschichte, wenn zum ersten Mal an einer staatlichen Universität die konfessionelle Befassung mit dem Judentum auf akademischem Niveau möglich ist.“ Die Uni arbeitet mit dem liberalen Abraham Geiger Kolleg zusammen, aber auch mit dem konservativen Zacharias Frankel College in Potsdam. Dieses wird am Sonntag mit einem Festakt im Berliner Centrum Judaicum eröffnet. Beide bilden Rabbiner für Europa aus. Rabbiner kümmern sich in jüdischen Gemeinden unter anderem um Seelsorge, Beerdigungen und Eheschließungen.