Kunst

Kunst in 70 Kojen

In Potsdam beginnt die Kunstmesse „Art Brandenburg“. Ein neues Konzept soll Besucher in die Schiffbauergasse locken

Manchem märkischen Künstler fehle der Sinn für die eigene Vermarktung. Kritik, die Rainer Ehrt, selbst Bildhauer in Kleinmachnow, vor zehn Jahren antrieb, die Projektleitung für eine Kunst-Verkaufsmesse in Brandenburg zu übernehmen. „Um dem übermächtigen Kunstbetrieb Berlins etwas entgegenzusetzen“, sagt Ehrt. 2005 zum ersten Mal vom Kulturwerk des Brandenburgischen Verbandes Bildender Künstler (BVBK) veranstaltet, beginnt nun die „Art Brandenburg“, die vom 15. bis 17. November zum fünften Mal stattfindet. Diesmal am Standort Schiffbauergasse. In Schinkelhalle und Arena stellen 100 Künstler auf 1500 Quadratmetern aus.

126 Bewerber schickten der Jury, in der der BVBK und Kunstschaffende vertreten sind, ihre Mappen. Kriterium beim Auswählen: „Der Schaffensschwerpunkt muss in Brandenburg liegen, die Qualität der Arbeiten überzeugen“, erläutert BVBK-Vorsitzende und Jurymitglied Jutta Pelz. Nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ hätten die Messe als werbewirksame Plattform für sich entdeckt. Rund die Hälfte der Aussteller sind neue Gesichter, viele jüngeren Alters. Etliche sind bereits für ihre Werke prämiert. Wie Annette Paul, zweite Preisträgerin im Wettbewerb „Kunst am Bau“, deren goldener Schriftzug seit einigen Tagen die Fassade des Potsdamer Landtags schmückt, oder der Grafik-Preisträger des diesjährigen brandenburgischen Kunstpreises, Matthias Friedrich Muecke. Neben zahlreichen Einzelkünstlern sind auch drei Künstlergruppen vertreten: das Neue Atelierhaus Panzerhalle, die Künstlergruppe „Ornament und Versprechen“ und das Kunsthaus 17.

Das Dilemma der Freischaffenden

250 Euro müssen Bildhauer, Maler, Grafiker oder Fotografen für ihre Fläche auf der Messe bezahlen. „Der günstige Preis ist nur wegen der öffentlichen Förderung möglich“, erklärt Co-Projektchefin Daniela Dietsche. Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium, die Stadt Potsdam, die Kreise Potsdam-Mittelmark und Dahme-Spreewald steuerten 70.000 Euro zum Gesamtbudget von 100.000 Euro bei. „Trotz der Vergünstigung ist es für viele Künstler finanziell hart“, umreißt Ehrt das Dilemma Freischaffender. Die könnten vielfach nicht von ihrer Hände Kunst allein leben. Trotzdem: Die Chance, Kontakte zu knüpfen und Kunstliebhaber auch über den Messebesuch hinaus an sich zu binden, sei für viele das Argument, sich bei der Art Brandenburg zu präsentieren. Auch den einen oder anderen Euro zu verdienen. „Eine Postkarte mit Kunstdruck bekommt man schon ab einem Euro“, sagt Ehrt. Wer tatsächlich ein Original mitnehmen möchte, müsse mindestens 100 Euro investieren. „Die Preise für Plastiken können aber schnell in den vierstelligen Bereich schießen.“

4000 Besucher zählte die Kunstmesse laut Dietsche beim letzten Mal. Fraglich sei, ob diese Marke auch in diesem Jahr erreicht werden könne. Zweimal habe die Messe in der Vergangenheit auf Sinnesfreuden gesetzt, gemeinsam mit der Genussmesse „Salon Sanssouci“ in der Metropolishalle gastiert. Ein Konzept, das von Fachwelt und Publikum kontrovers diskutiert wurde, den Besucherzahlen aber nicht schadete. Damit sei es vorbei. Der Veranstalter, die Messe Potsdam GmbH, sei in Liquidation, sagt Dietsche. Die Kunstmesse tritt also allein an, mit frischem Outfit.

Für die neue Ausstellungsarchitektur haben Dietsche und Ehrt die Jan Ulmer Architekten gewonnen. Die punkteten mit ihren Referenzen, entwickelten vor zwei Jahren die Optik für die Art Berlin Contemporary im ehemaligen Postbahnhof in Berlin. Entstanden sind für die Art Brandenburg 70 Messekojen, die zu Kunstinseln zusammengefasst sind, samt einem Skulpturenareal.

Neu Geschaffenes publikumswirksam in Szene zu setzen, für Gesprächsstoff zu sorgen, das haben die Organisatoren im Griff. Irene Anton sorgt fürs Provokative. Zentral im Foyer der Schinkelhalle hat die Berliner Künstlerin, Mitglied im BVBK, ihre Netzinstallation „Intervention Invading, Network-Net.35“ in den Raum gespannt. Stoffbahnen, die an Knotenpunkten ballartige Gebilde umschließen, ziehen sich quer durch den Eingangsbereich. „Nur auf den ersten Blick wirkt das Kunstwerk leicht und bunt“, sagt Anton, die sich vom Vorbild der Nervenzellen habe inspirieren lassen. „Bei näherem Hinschauen kann den Betrachter Beklemmung erfassen“, hilft die Installationskünstlerin bei der Interpretation. „Die Stränge erinnern doch an Wucherungen“, liefert sie das Stichwort und deutet auf schwarze Stoffschlingen. Das Thema Natur und ihre Wahrnehmung in unserer modernen, technisch geprägten Zeit ziehe sich wie ein roter Faden durch die Ausstellungsbeiträge, sagt Claudia Häuser-Mogge. Die Kunstvermittlerin wird Neugierigen an allen drei Tagen kostenlos das Gezeigte fachkundig näher bringen. Ein Angebot, das bei der letzten Messe großen Anklang gefunden habe. In einem Wettbewerb für die kunstpädagogische Betreuung haben sich die Künstlerinnen Heike Isenmann und Susanne Pomerance durchgesetzt. Während der Messezeit gestalten sie ein künstlerisches Mitmach-Programm für Kinder. Ob das alles für genügend Zugkraft sorgt? Jörg Engelhardt zuckt die Schultern. Der 35-Jährige modelliert Tiere nach dem Vorbild menschlicher Charaktere, hat Gorillas und Tierfiguren aus verschiedenen Materialien auf Tisch und Säule in der Schinkelhalle drapiert. Seit drei Wochen lebt der gebürtige Wriezener in Bernau, wird dort mit seinen Tiermetaphern demnächst den Marktbrunnen gestalten. Um zu sich und seiner Kunst zu finden, habe er sich ein Atelier im Oderbruch aufgebaut. „Ich will die Geschwindigkeit herausnehmen, suche Ruhe“, spricht er für viele seiner Kollegen. Die wird ihm in den nächsten Tagen fehlen. „Ob die Messe mir etwas bringt, Kontakte oder Geld, wird sich zeigen.“