Interview

„Kein Kind zurücklassen“

Bildungsministerin Martina Münch (SPD) über Lernprobleme bei Schülern und deren Förderung

Wegen des Geburtenrückgangs wurden seit 1990 Dutzende Schulen in Brandenburg geschlossen. Ab 2018 wird ein erneuter Schülerrückgang erwartet. Das flächendeckende Schulangebot ist ernsthaft bedroht. Darüber sprach Morgenpost-Redakteurin Gudrun Mallwitz mit Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch (SPD).

Berliner Morgenpost:

Frau Münch, der uckermärkische CDU-Landtagsabgeordnete Henryk Wichmann sagt: „Erst als meine Tochter in die 3. Klasse kam, hat sie ihr erstes Diktat geschrieben.“ Er war entsetzt, als sie in der 4. Klasse in einem Brief ihrem „Fata“ zum „Fatatak“ gratulierte.

Martina Münch:

Dass die Kinder erst in der dritten Klasse ihr erstes Diktat schreiben, bezweifele ich. Was Herr Wichmann kritisiert, ist die Lernmethode „Lesen durch Schreiben“. Die Kinder lernen damit – kurz gesagt – Schreiben nach Gehör. Die Methode geht zurück auf den 2009 verstorbenen Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen. Die meisten Schulen, die diese Methode anwenden, haben sich jedoch bewusst entschieden, nicht nur nach Reichen zu arbeiten, sondern Mischformen zu entwickeln – übrigens auch die Grundschule in Lychen.

Experten wie die Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben warnen zunehmend vor dieser Methode ...

Nach einer aktuellen Abfrage an Brandenburgs Schulen werden weit über 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 1 und 2 nach der herkömmlichen Rechtschreibmethode in einer Mischform mit anderen Methoden am Anfang der Schulzeit unterrichtet. Nur ein Bruchteil der Lehrkräfte nutzt die Methode „Lesen durch Schreiben“ – und die meisten Kinder kommen damit gut klar.

Woran machen Sie das fest?

Das zeigen sowohl die Vergleichsarbeiten in der 3. Klasse als auch die Orientierungsarbeiten in der 2. und 4. Klasse. Außerdem werden ab der Jahrgangsstufe 3 Klassenarbeiten geschrieben. Am Ende der 4. Klasse sind die Kinder nach unseren Erkenntnissen – egal mit welcher Methode – auf dem gleichen Stand.

Die bundesweit aktuell geführte Diskussion prallt also komplett an Brandenburgs Regierung ab?

Nein, natürlich nehme ich die Kritik von Experten an dieser Methode ernst. Wir wissen, dass die Methode „Lesen durch Schreiben“ für Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche oder auch für Kinder, die in einer spracharmen Umgebung aufwachsen, weniger geeignet ist. Ich weiß, dass die wenigen Schulen, die diese Methode nutzen, dies verantwortlich tun. Trotzdem werden wir die Schulen nochmals darüber informieren, dass diese Methode bei bestimmten Schülerinnen und Schülern nicht geeignet ist.

Die oppositionelle CDU fordert, die Stundentafel für die Klassen eins bis vier der Grundschulen im Schlüsselfach Deutsch zu erhöhen. Im Ländervergleich liegen Brandenburgs Schüler mit ihren Leistungen in dem Fach im unteren Drittel.

Brandenburg bietet an den Grundschulen schon jetzt in den Jahrgangsstufen eins bis sechs durchschnittlich fünf Stunden Deutsch pro Woche an. Das ist mehr als in vielen anderen Ländern.

Jahrelang schnitten Brandenburgs Schüler auch bei Leistungsvergleichen in Mathematik eher schlecht ab. Jetzt sind sie im jüngsten bundesweiten Leistungstest in Mathe und Biologie auf Platz drei hinter Sachsen und Thüringen gelandet. Ist das die Trendwende?

Wir haben, nach dem schlechten Abschneiden bei den ersten Pisa-Tests, schon vor Jahren die Weichen anders gestellt: hin zu mehr Verbindlichkeit, zentralen Leistungsvorgaben und konkreter Unterstützung der Schulen. Das macht sich bemerkbar. Die hervorragenden Ergebnisse beim letzten Ländervergleich sind ein deutliches Signal, dass sich Brandenburg bei Schulleistungsvergleichen kontinuierlich nach oben arbeitet.

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) hat in der Bildungspolitik erste Korrekturen angekündigt. Mit welchen Verbesserungen dürfen Eltern und Schüler rechnen?

Die Regierung wird die Schulen dabei verstärkt unterstützen, den Fachunterricht abzusichern und Unterrichtsausfall zu bekämpfen. Dazu stellen wir ab Januar 2014 jährlich zehn Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. Die Schulen erhalten ein eigenes Budget und können damit auch kurzfristig Ersatzkräfte einsetzen, ähnlich wie es bereits Schulen in Kleinmachnow und Potsdam praktizieren. Dafür stehen fünf Millionen Euro bereit. Die andere Hälfte ist für die Vertretung von langzeiterkrankten Lehrerinnen und Lehrern.

Nach Woidkes Vorstellungen soll das Land bis 2019 auch 4000 neue Lehrer einstellen. 3600 Lehrkräfte scheiden aus, also wären das 400 Lehrer mehr.

Wir wollen damit die „Schule für alle“, also die Aufnahme von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf an Regelschulen weiter vorantreiben. Die individuelle Förderung in den allgemeinen Schulen verbessern, kein Kind zurücklassen – das verstehe ich unter Chancengerechtigkeit in der Schule. Wir haben hier in den vergangenen Jahren bereits viel erreicht: Bereits heute sind mehr als 40 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf im gemeinsamen Unterricht – fast doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt. Diese Angebote wollen wir weiter ausbauen.

Wie will die Regierung einen erfolgreichen Schulbetrieb garantieren, wenn es im Speckgürtel um Berlin herum an den Schulen immer enger wird und im weitaus größeren Rest Brandenburgs wegen des Schülerrückgangs immer noch Schulen geschlossen werden müssen?

Einspruch. Die Zeiten von drastischen Schulschließungen sind vorerst vorbei – wir müssen uns aber dem erneuten Rückgang der Schülerzahlen stellen. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr eine Demografie-Kommission eingerichtet, die in Kürze ihren Abschlussbericht an den Ministerpräsidenten überreichen wird. Er wird Vorschläge enthalten, wie wir mit diesem Rückgang der Schülerzahlen umgehen können und wie die Grundschulversorgung im ländlichen Raum gesichert werden kann. Die aktuelle Frage ist, wie wir es schaffen, den steigenden Bedarf an Lehrkräften in den nächsten Jahren abzudecken, und zwar sowohl im berlinnahen Raum als auch in den ländlichen Regionen. Ich bin aber optimistisch, dass wir das schaffen, weil wir nach wie vor attraktive Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte bieten.

Was ist bei einem erneuten Rückgang der Schülerzahlen zu erwarten?

Der erneute Rückgang der Schülerzahlen wird ab 2018 in den ländlichen Regionen im Grundschulbereich beginnen und sich einige Jahre später in abgemilderter Form auch in den berlinnahen Regionen bemerkbar machen. Ich gehe davon aus, dass es aber nicht noch einmal zu einer großen Welle von Schulschließungen – rund 400 in den vergangenen 20 Jahren – kommen wird. Wir werden die Empfehlungen der Demografie-Kommission genau überprüfen und dann Konzepte für den Erhalt eines flächendeckenden Schulangebots vorlegen.

Die Diskussion über die Kinder- und Jugendheime der Haasenburg GmbH hat im Sommer hohe Wellen geschlagen. Werden die umstrittenen Einrichtungen trotz der Misshandlungsvorwürfe weitergeführt?

Der Mitte Juli ausgesprochene Belegungsstopp für den Standort Müncheberg bleibt bis auf Weiteres in Kraft, weil wir dort eine Neuaufnahme von Kindern mit einem intensiven Unterstützungsbedarf derzeit nicht verantworten können. Die von mir eingesetzte unabhängige Untersuchungskommission hat inzwischen das Ergebnis vorgelegt. Wir werden es intern diskutieren, dann werde ich entscheiden, wie es mit den Heimen der Haasenburg weitergeht. Wir werden die Ergebnisse der Untersuchung schnellstmöglich öffentlich vorstellen – voraussichtlich in den nächsten Tagen.