Justiz

Angriff mit Sturmhauben

In der Neuauflage des Rocker-Prozesses um den brutalen Angriff auf Konkurrenten schweigen die angeklagten Bandidos

Der Anblick der Schwerverletzten muss furchtbar gewesen sein: Von zahlreichen Messerstichen, Machetenhieben und Treffern mit dem Baseballschläger massiv verletzt, quälten sich vier blutverschmierte Personen in der Nacht zum 21. Juni 2009 aus dem völlig demolierten Auto mitten in Finowfurt. Sie schleppten sich auf eine Wiese, blieben entkräftet dort liegen. „So einen Anblick kennt man eigentlich nur aus einschlägigen Mafia-Filmen“, erinnert sich der Frankfurter Staatsanwalt Stefan Golfier an entsprechende Tatortfotos.

Das damalige Geschehen beschäftigt die Justiz immer noch. Am Freitag begann vor dem Frankfurter Landgericht unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen erneut der Prozess gegen zwei der mutmaßlichen Angreifer: Sepher F. und Christopher H. sollen als damalige Mitglieder des Rockerclubs „Bandidos“ gemeinsam mit vier bis sechs anderen Männern die vier Fahrzeuginsassen des verfeindeten Rockerclubs „Hells Angels“ angegriffen und brutal mit Macheten, Messern, Eisenrohren und Baseballschlägern geschlagen und auf sie eingestochen haben. Offene Brüche, zertrümmerte Kniescheiben, zahlreiche lebensgefährliche Stichverletzungen und ein fast abgetrenntes Bein waren laut Anklage die Folge.

Lebensgefährlich verletzt

Eines der Opfer wurde lebensgefährlich verletzt, konnte nur durch schnelle medizinische Hilfe gerettet werden. Zwei Polizisten einer Zivilstreife hatten gerade Feierabend und kamen zufällig am Tatort vorbei. Alle Angreifer trugen schwarze Sturmhauben, sodass sie von unmittelbaren Tatzeugen – Nachbarn in Finowfurt, die vom Lärm der Auseinandersetzung geweckt worden waren – nicht zu identifizieren waren.

Die Angeklagten schweigen weiter zu den Vorwürfen. Auch drei der Opfer machten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Der vierte damals lebensgefährlich verletzte „Hells Angel“ sagte nach der Androhung von Beugehaft nur aus, die Angreifer nicht erkannt zu haben. Die Angeklagten seien ihm zudem gänzlich unbekannt. „Rocker reden nicht mit der Polizei, das ist in der Szene Gesetz und quasi Ehrenkodex“, weiß der Anklagevertreter. Das Strafverfahren gegen F. und H. endete im vergangenen Jahr mit einem Freispruch. Dagegen legte Anklagevertreter Golfier Revision ein. Der Bundesgerichtshof (BGH) hob das erste Urteil auf und verwies die Sache zur Neuverhandlung zurück ans Frankfurter Landgericht.

Ermittler und Staatsanwaltschaft sind sich immer noch sicher, dass sie mit den beiden 30-Jährigen auf der Anklagebank zumindest zwei der Täter erwischt haben. Erneut werden ihnen versuchter Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung vorgeworfen, weil sie gewaltsam versucht haben sollen, den verfeindeten Hells Angels klarzumachen, dass Eberswalde und der Vorort Finowfurt „Territorium“ der „Bandidos“ sind. „Die Karten werden ab sofort neu gemischt“, so Golfier, der sich am Freitag überrascht davon zeigte, dass die beiden Angeklagten erneut jegliche Aussage verweigerten. Die Beweisführung in einem ersten Verfahren Anfang vergangenen Jahres gründete sich im Wesentlichen auf Indizien: die Analyse einer umfassenden Telefonüberwachung, eine Radkappe vom Auto des Angeklagten F., die DNA-Spur des Angeklagten H. auf der Machete, die bei dem Angriff benutzt und beim überstürzten Rückzug zurückgelassen worden war.

Diese Indizien seien vom Gericht nur einzeln und nicht im Zusammenhang gewertet worden, monierte der BGH. Der Staatsanwalt jedenfalls ist zuversichtlich, dass die beiden Angeklagten diesmal verurteilt werden – auch wenn die Beweise und Indizien die gleichen wie im ersten Verfahren sind, wie er zugeben muss. „Die Beweise reichen aus – deswegen sind wir ja vor dem Bundesgerichtshof in Revision gegangen“, so Golfier. Wenn immer größere rechtsfreie Räume entstünden, gingen Bürger bei Problemen künftig nicht mehr zur Polizei, sondern zu den Rockern. „Dann haben wir hier bald mafiöse Zustände wie in Sizilien“, mahnte der Staatsanwalt.

Kompliziertes Verfahren

Was die Sache im ersten Verfahren kompliziert machte: Noch 2009 hatte Brandenburgs damaliger Innenminister Jörg Schönbohm die Gruppierung Chicanos Barnim, die sich zu den Bandidos zählen, als kriminelle Vereinigung verboten. Deren ehemalige Mitglieder liefen daraufhin zu den „Hells Angels“ über. Das hieß, Angeklagte und frühere Opfer gehörten plötzlich zu ein und demselben Rockerclub, schwärzten sich natürlich nicht gegenseitig an, weil das als unehrenhaft gilt. Inzwischen, so der Staatsanwalt, sei nicht klar, ob und zu welchem Rockerclub die Angeklagten gehören.

Einziger Zeuge zum zweiten Prozessauftakt war der damalige Ermittlungsführer der Polizei, Michel Jahn. Er erläuterte zunächst die Revierstreitigkeiten zwischen „Bandidos“ und „Hells Angels“ um die „Vorherrschaft“ in Barnim, skizzierte die Vorgänge in jener Nacht und zeitliche Abläufe anhand von Kartenmaterial und analysierte anschließend die polizeiliche Handy-Überwachung unmittelbar vor und nach der Tat.

Abzuwarten bleibt, ob die Opfer diesmal von dem Angriff berichten werden. Sie sind zu einem der weiteren 14 Verhandlungstage geladen.

Zum Prozessauftakt waren die Zuschauerreihen bis auf Pressevertreter und ein, zwei „Beobachter“ aus der Rockerszene leer. Für den Staatsanwalt war das nicht verwunderlich: „Aus Angst, möglicherweise erkannt und mit Straftaten in Verbindung gebracht zu werden, lassen sich Rocker in der Regel nicht blicken.“ Wenig zu tun also für das Polizeiaufgebot, das das Frankfurter Landgericht gestern absicherte. Bis Mitte Januar werden die Prozessbeteiligten zu ergründen versuchen, ob H. und F. bei der Auseinandersetzung vor vier Jahren zu den Angreifern gehörten. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Noch ist offen, wann das Gericht ein Urteil sprechen wird.