Pizberatung

Die Angst der Pilzsucher

Immer mehr Sammler melden sich derzeit beim Giftnotruf der Charité

Sie heißen Kuhmaul, Ziegenlippe oder Judasohr: Die Wälder in Berlin und Brandenburg haben weit mehr Pilzarten zu bieten als Steinpilze und Maronen. Sammlern wird die große Auswahl allerdings auch immer wieder zum Verhängnis. Beim Giftnotruf der Charité häufen sich derzeit wieder Anfragen von Pilzsammlern aus Berlin, Brandenburg und anderen Bundesländern. „Viele Leute sind zu unvorsichtig und stellen sich oft erst nach dem Essen die Frage, ob nicht auch giftige Pilze dabei waren“, sagte die kommissarische Leiterin Daniela Acquarone am Mittwoch. Bei den Experten melden sich demnach immer wieder unerfahrene Pilzsammler, die über Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen klagen. Todesfälle seien – auch aus den vergangenen Jahren – nicht bekannt, jedoch schwere Vergiftungen.

Viel zu tun für Toxikologin

Aufgrund des günstigen Wetters rechnet die Toxikologin in diesem Jahr wieder mit deutlich mehr Anrufen als in den beiden Vorjahren. „Im Schnitt haben wir in jeder Saison etwa 400 Anfragen. 2010 gab es mehr als 550 Anrufe. In diesem Jahr könnten es wieder so viele werden.“ Das Sammeln bereite offenbar vielen Menschen Freude. „Doch viele Leute, die Pilze sammeln, sind nicht wirklich pilzkundig, sodass die Gefahr von Verwechslungen besteht.“

Im Allgemeinen verlaufen die Erkrankungen der Ärztin zufolge eher leicht. „Doch die Alarmglocken klingeln, wenn erst mehrere Stunden nach dem Pilzverzehr massives Erbrechen und Durchfall auftreten. Dann sollte man sofort eine Klinik aufsuchen.“ In solchen Fällen handele es sich oft um Vergiftungen mit amanitinhaltigen Pilzen wie etwa den Grünen Knollenblätterpilzen. „Diese Pilze sind tödlich giftig und können mit Champignons oder dem Grünen Täubling verwechselt werden“, weiß der Vorsitzende des Brandenburgischen Landesverbands der Pilzsachverständigen, Wolfgang Bivour. 2010 hatten sich mehrere Pilzsammler aus Berlin und Brandenburg damit vergiftet und mussten in Kliniken behandelt werden. Verwechslungsgefahr bestehe zudem zwischen dem essbaren Perlpilz und dem giftigen Pantherpilz. Letzterer sei in der DDR auch Sachsentöter genannt worden. „Vor allem Touristen aus Sachsen vergifteten sich mit dem Pantherpilz, weil sie ihn aus ihrer Region nicht kannten“, berichtet Bivour. Im Ernst-von-Bergmann-Klinkum in Potsdam ist in diesem Jahr bislang kein Vergiftungsfall behandelt worden. Nach Auskunft von Pressesprecherin Damaris Hunsmann ist nur selten eine stationäre Behandlung notwendig.

„Wir empfehlen Leuten, die sich mit Pilzen nicht auskennen, grundsätzlich nur im Geschäft gekaufte Pilze zu essen“, betont Acquarone. Bücher oder Pilz-Apps für Smartphones mit in den Wald zu nehmen und damit die Arten zu bestimmen, hält sie bei Laien für zu gefährlich. Wer Zweifel habe, könne die Pilze aber von professionellen Beratern bestimmen lassen, die in Berlin und Brandenburg regelmäßig Sprechstunden und zum Teil auch geführte Pilzwanderungen anbieten.

Der Brandenburgische Landesverband der Pilzsachverständigen mit seinen Beratungsstellen ist landesweit präsent und wird vom Land in diesem Jahr mit 2195 Euro aus Lottomitteln unterstützt. „Wir führen durchschnittlich rund 820 Beratungen im Jahr durch“, sagt der Pilz-Experte. „Von 1700 begutachteten Pilzen sind etwa 150 giftig.“

Bekannt im Potsdamer Raum ist vor allem das saisonale Angebot des Verbandes einer kostenlosen Pilzberatung auf dem Potsdamer Wochenmarkt am Bassinplatz.

Dort ist auch oft der Pilz-Experte Bivour anzutreffen. Er warnt vor allem auch davor, alte Pilze mitzunehmen. Diese könnten ebenfalls zu einer Lebensmittelvergiftung führen, so Bivour.

Auswahl kaum überschaubar

„Neben der unentgeltlichen Aufklärungsarbeit für Bürgerinnen und Bürger sind die Pilzsachverständigen aus dem Land Brandenburg auch gefragte Ansprechpartner für Gesundheitsämter, Krankenhäuser und Kliniken“, sagt Brandenburgs Gesundheitsministerin Anita Tack (Linke). Sie rät: „Bei ersten Anzeichen einer Pilzvergiftung sollte man unverzüglich zum Arzt gehen.“ Und wer sich unsicher sei, sollte lieber einen Pilz mehr im Wald lassen als eine Pilzvergiftung zu riskieren.

Die Auswahl an Pilzen ist kaum überschaubar. Laut Potsdamer Umweltministerium gibt es in Brandenburg etwa 2500 Großpilzarten. Als relativ leicht bestimmbar gelten etwa 40 von ihnen. Etwa 60 Arten werden als „ernstzunehmende Giftpilze“ eingestuft. „Niemand kann alle Pilze kennen“, sagt Bivour. Geprüfte Pilzsachverständige müssten aber sicher bei den giftigen und gängigen essbaren Pilzen sein.