Ausbildung

Bier ist ihr eigentlich zu bitter

Giana Tarras hat sich für eine Lehre als Brauerin in Potsdam entschieden. Leicht hat sie es sich damit nicht gemacht

Keine Ringe zieren die schmalen Finger, die den groben Baumwollstoff des Malzsacks umfassen. Kein Lack auf den kurz geschnittenen Nägeln. Kein Haar, das sich auf den Schultern ringelt. Der grüne Overall verdeckt jede Wölbung. Giana Tarras (30) geht in die Knie. Schiebt ihr Becken vor, stemmt gekonnt 50 Kilo. Allein. „Frauen bekommen bei uns keine extra Vergünstigungen. Das wäre doch auch diskriminierend“, kommentiert Thomas Köhler, einer der beiden Chefs der Braumanufaktur im Forsthaus Templin, das Tun seiner Lehrlinge. Fünf junge Menschen haben Köhler und sein Kompagnon Jörg Kirchhoff derzeit unter ihre fachlichen Fittiche genommen. Künftige Brauer und Mälzer. Darunter ihre erste weibliche Auszubildende.

Köhler hat sich nicht von Tarras‘ Biografie schrecken lassen. Weder von ihren bereits 30 Lebensjahren, den zahlreichen beruflichen Stationen, die sie als Physiotherapeutin in Deutschland, der Schweiz und Österreich absolviert hat, noch dass sie als Frau weniger Muskelmasse mitbringt als die männliche Bewerberkonkurrenz. „Ich habe Patienten aufgerichtet und geschleppt, die 90 Kilo und mehr auf die Waage brachten“, hält Tarras selbstbewusst dagegen. Davon hat sich Köhler überzeugt. Im Praktikum. Eine Woche lang konnte Tarras Firmenspitze und Team der Brauerei von ihren Fähigkeiten überzeugen. Seit fünf Wochen gehört die Bernauerin dazu. Am letzten Praktikumstag setzte Köhler seine Unterschrift unter den Ausbildungsvertrag.

„Für uns zählt Engagement, und die Chemie muss stimmen“, sagt Köhler, der alle seine Bewerber erst kennen lernt. „Das Praktikum bei uns war ein Muss“ – und der persönliche Einsatz. Obwohl Tarras auf ihre 17 bundesweiten Bewerbungen Absagen kassierte, ließ sich die junge Frau nicht entmutigen. Auf der Grünen Woche in Berlin machte sie die Runde bei den kleinen Unternehmen der Branche, sprach auch die Braumanufaktur Templin an. „Ich habe mich intensiv mit dem Berufsbild auseinandergesetzt. Ich wusste, auf was ich mich einlasse.“ Die Manufaktur hielt sich bedeckt. Zwei Wochen später schaute sie einfach in der Brauerei vorbei, nahm an einer öffentlichen Führung durchs Haus teil. Und schrieb noch einmal eine Bewerbung. In ihrer ganz eigenen Art. „Ich wollte mich erklären, das passte nicht auf eine Seite, wie das in Ratgebern empfohlen wird.“ Es wurden zwei Seiten. Formuliert mit Biss. Tarras‘ Hartnäckigkeit stieß in der Braumanufaktur auf positives Echo.

„Der Job als Brauer ist gefragt. Wir können unter den Bewerbern auswählen“, sagt Köhler über die für Ausbilder komfortable Nachwuchssituation. Als Brauer lerne man schnell die Welt kennen, finde Anstellungen in der gesamten Lebensmittelindustrie, sagt Köhler. Das wüssten auch die Bewerber. Von denen mindestens drei auf eine ausgeschriebene Lehrstelle kämen, die meisten eben Männer. Das zum Beispiel sei zu DDR-Zeiten anders gewesen, sagt Köhler. „Damals war das Verhältnis bei 50 zu 50.“

Eignung, Leistung, Befähigung

Das kann Marc-Oliver Huhnholz, Sprecher des Deutschen Brauerbundes, bestätigen: „Das Brauwesen ist nach wie vor eine männerdominierte Szene.“ Der Anteil der Frauen, die sich zur Brauerin oder Mälzerin ausbilden lassen möchten, liege seit Jahren weitgehend unverändert im einstelligen Bereich. Dass sich Frauen nur vereinzelt für die Gerstensaftproduktion interessieren, führt Huhnholz auf den stark technischen Anteil des Berufs zurück. „Brauen hat jede Menge mit Mathe und Physik zu tun.“ Fächer, die Frauen noch immer seltener als Männer studieren.

Unabhängig vom Geschlecht gelte in diesem Beruf eben auch der klassische Dreisatz, betont Huhnholz: „Eignung, Leistung, Befähigung.“ Die bringen laut Köhler vor allem Quereinsteiger mit. Von denen gäbe es nicht wenige. So wie Tarras. Die musste sich mit 16 Jahren zwischen Abitur oder Lehre entscheiden. Eher zufällig rutschte sie ins Gesundheitswesen. „Im ersten Lehrjahr merkte ich, das ist nichts für mich.“ Doch die Ausbildung abzubrechen, kam nicht in Frage. „Erst mal eine Sache abschließen.“ Tarras blieb bei der Stange, machte nach der Lehre im Job weiter. Und investierte Tausende Euro und Zeit in Weiterbildungen. „Trotzdem bin ich nie ganz angekommen.“ Mit knapp 30 wollte sie es noch einmal wissen. „Meine letzte Chance.“ Kurse über gesunde Ernährung gaben den Ausschlag. Und die frühkindliche Prägung. Tarras schmunzelt. „Mein Vater ist leidenschaftlicher Biertrinker, hat die Familie in jedem Urlaub zu Brauereiführungen mitgenommen.“ Tarras blieb trotzdem beim Bier selbst auf Distanz. „War mir zu bitter.“ Bislang. Die milden Biere der Braumanufaktur haben jetzt auch ihren Gaumen überzeugt. „Jeden Tag jetzt Bier trinken? Auf keinen Fall. Erst recht nicht während der Arbeit“, sagt sie. Zu häufig musste sie im Freundeskreis mit dem Klischee von fröhlichen Gelagen am Arbeitsplatz aufräumen. Aber irgendwann mal eigenes Bier brauen und selbst verkaufen? „Warum nicht“, sagt Tarras. Die großen Konzerne, in denen der Brauer nur noch mittels Computer und am Fließband über die Herstellung wache, seien nicht ihre Sache. „Das ursprüngliche Handwerk hat es mir angetan.“ Darin liege Potenzial, sagt Geselle Tobias Roßmeier. „Das sieht man an den vielen kleinen Lokalen, die in Berlin ihr eigenes Bier produzieren.“

Obwohl der Markt den Großen der Branche gehöre. Der gebürtige Bayer ist wie Tarras Quereinsteiger, sein drittes Lehrjahr liegt noch nicht lange zurück. Er weiß um die Schwierigkeiten seiner neuen Kollegin. Rund 400 Euro habe sie monatlich, sagt Giana Tarras. Hart, für jemanden, der seit zehn Jahren in Arbeit stehe. „Wer bereits eine Berufsausbildung in der Tasche hat, bekommt kaum Unterstützung“, sagt sie. „Die Ausbildung konnte ich nur antreten, weil ich wieder bei meinen Eltern im alten Kinderzimmer lebe.“ Außerdem muss sie eineinhalb Stunden Fahrzeit von Bernau nach Potsdam einrechnen – und die Kosten fürs Benzin. „In Potsdam bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist fast aussichtslos.“ Ihr Chef Thomas Köhler sagt: „Hier klafft eine Lücke im System.“