Bühne

Zille im Salonwagen

Zwei Berliner spielen in Groß Neuendorf Theater im Eisenbahnabteil

Fünf alte Güterwaggons stehen im denkmalgeschützen Hafen des Oderbruch-Örtchens Groß Neuendorf. Sie gehörten einst zur Oderbruchbahn, die bis in den Hafen fuhr, wo Zucker, Gemüse und Holz auf Schiffe verladen wurden. Die Waggons aus den 50er-Jahren sind jetzt alle aufwendig restauriert worden: Einer dient als Ausstellungsfläche, drei weitere als bescheidene Übernachtungsmöglichkeit für Radtouristen. Schließlich führt durch den Ort der Oder-Neiße-Radweg. Das romantische Hafen-Ensemble verzaubert Gäste offenbar so sehr, dass sie hier vorzugsweise eine Pause einlegen, gern auch über Nacht. Und da sind Besucher ziemlich anspruchslos – Hauptsache, sie können das beschauliche Oder-Panorama genießen.

Der fünfte Waggon aber ist tatsächlich kaum noch wiederzuerkennen. Im Stil eines kaiserlichen Salonwagens verbreitet er Altberliner Flair, das künftig noch deutlicher zelebriert werden soll. Seit Anfang Oktober hat das Theater im Bahnwaggon (TiB) geöffnet. Insgesamt 31 Plätze gibt es im vielleicht kleinsten Theater Brandenburgs – auf bequem gepolsterten alten Kinoklappstühlen in neun Zuschauerreihen. Die reichen bis kurz vor die kleine Bühne mit Piano an der Stirnseite des Wagens.

Eintritt nur mit Fahrschein

Albrecht Hoffmann und Benno Radke, die in Berlin-Köpenick das Zille-Stubentheater betreiben, wollen hier künftig freitags bis sonntags auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Ins Oderbruch geholt hat sie Janet Perner, die seit dem Sommer in Groß Neuendorf ihr „Hafenlädchen“ betreibt. Dort gibt es neben allerlei Spezialitäten aus dem Oderbruch sowie touristischen Angeboten wie Oderbruch-Bus-Rundfahrten und anderen geführten Ausflügen in die Region auch die Eintrittskarten für das TiB, die angelehnt an die Bahn-Vergangenheit der Spielstätte als „Fahrscheine“ am „Fahrkartenschalter“ verkauft werden. „Bei mir können die Karten zum Stückpreis von 18 Euro telefonisch reserviert und eine Stunde vor Vorstellungsbeginn abgeholt werden“, erzählt die Tourismusmanagerin. Die 37-Jährige ist überzeugt davon, dass dieses neue Kulturangebot gut angenommen wird. Perner stammt aus Manschnow im Oderbruch, hat jahrelang in der Hotellerie gearbeitet, bevor sie sich schließlich vor vier Jahren selbstständig machte. „Die Leute kommen wegen der Ruhe und Natur ins Oderbruch, aber auch wegen der interessanten Kulturgeschichte, angefangen bei der Trockenlegung des Landstrichs durch Friedrich II.“, erzählt sie.

Der Hafen Groß Neuendorf entstand unmittelbar nach der Trockenlegung. Bedeutung erlangte er ab 1911, im Zuge des Baus der Oderbruchbahn, die das Oderbruch als Korn- und Gemüselieferant mit Berlin verband. Der Ort für das neue Theaterangebot ist nicht nur wegen der historischen Bezüge gezielt gewählt. Weisen auffällige braune Schilder vielerorts im Oderbruch seit kurzem doch auf den „Kulturhafen“ Groß Neuendorf hin.

Initiator und Geldgeber für die amtlichen Schilder ist – in Abstimmung der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH – der Berliner Architekt Jens Plate, der auch die drei Schlafwagen mit hellem, rustikalem Mobiliar und gemütlichem Doppelbett vermietet. Strom gibt es, fließendes Wasser nicht. Zum Duschen und Toilettengang müssen die Gäste entlang der Schienen, vorbei an den alten Prellböcken hin zum ehemaligen Gebläsehaus am Verladeturm. Für 30 Euro können zwei Schlafgäste in dem geräumigen, 35 Quadratmeter großen Quartier übernachten. Platz genug ist auch für vier Übernachtungsgäste, dann für insgesamt 50 Euro.

„Die Leute haben mich telefonisch überrannt. Viele musste ich vertrösten, weil wir ausgebucht waren“, erzählt der 44-Jährige, der weitaus mehr Waggons aufstellen könnte, es mit Rücksicht auf die Oderidylle aber bewusst nicht tut. Seiner Ansicht nach habe der Hafen „etwas Magisches“ und bilde einen reizvollen Kontrast zum eigentlichen Dorf. Daran hat auch Plate selbst seinen Anteil: Vor zwölf Jahren kaufte er von der Gemeinde zunächst den 22 Meter hohen Verladeturm, von dem aus noch bis Mitte der 70er-Jahre Güter von Schiffen auf Waggons oder Transporter verfrachtet wurden. Der Architekt baute den 1953 errichteten, freistehenden Beton-Stahlkoloss inklusive der früheren Förderbrücke denkmalgerecht um.

Übernachten in luftiger Höhe

Herzstück des charakteristischen Gebäudes ist eine 150 Quadratmeter große Ferienwohnung in luftiger Höhe, die sich über die oberen vier Geschosse erstreckt und mit Panoramafenstern in allen vier Himmelsrichtungen ausgestattet ist. Für 140 Euro pro Nacht erleben Gäste hier exklusive Sternstunden an der Oder, egal zu welcher Jahreszeit. Jetzt also im „Kulturhafen Groß Neuendorf“. „Die Marke soll sowohl auf die baukulturelle Bedeutung dieses Denkmalensembles für die Historie der gesamten Region hinweisen als auch Raum für weitere kulturelle Aktivitäten schaffen“, sagt Plate.

Kultur passend zum Hafen will auch Perner beisteuern – mit Theater nicht nur im Bahnwaggon, sondern in Kooperation mit einem Fahrgastschiffer aus Oderberg auch auf der Oder. Sowohl Perner, als auch Plate sehen noch weitere Potenziale für den Kulturhafen Groß Neuendorf. Denn gerade an den Wochenenden kommen viele Ausflügler in den Ort mit der einzigartigen Flusslage.

Für das zweistöckige Turmcafé im Verladeturm wird ein neuer Betreiber gesucht. Das Restaurant im gemeindeeigenen Maschinenhaus bietet ausgewählte Speisen, das Landfrauen-Café hingegen Oderbruchkost für den kleinen Geldbeutel. Obwohl sie sich ergänzen, hätten sie die Befürchtung, sich gegenseitig Konkurrenz zu machen, so die Tourismusfrau. Sie würde sich wünschen, dass Gastronomie und Theater künftig Hand in Hand arbeiten.

Weitere Informationen unter www.oderland-touristik.de